Seit Anfang Mai geht es mit dem Bitcoin-Kurs stetig den Berg hinab auf etwas weniger als 60'000 Dollar. Der Preisanstieg seit Anfang Februar, welcher die älteste Kryptowährung in der Spitze bis auf 82’000 Dollar trieb, hat sich damit wieder in Luft aufgelöst. Auf Jahresfrist hat sich der Kurs halbiert und steht auf einem 21-Monatstief. 

Ein Grund für die Liquidationswelle der letzten Wochen ist in der hochschnellenden US-Inflation schnell gefunden. Die höheren Teuerungsraten in Übersee haben die Erwartungen der Marktteilnehmer bei den Zinsen gedreht. Wurden vor drei Monaten noch zwei Zinssenkungen durch die amerikanische Notenbank Fed eingepreist, wird nun eine Erhöhung bis zum Jahresende erwartet. 

Für die Analysten der Research-Boutique CryptoQuant ist klar: Der Bitcoin befindet sich in einem Bärenmarkt. Das lasse sich auch am Verhalten der langfristigen Bitcoin-Holder ablesen, welche kontinuierlich Tokens auf Börsen hochladen, um Gewinne zu realisieren. «Diese konzentrierte Bewegung des Angebots an Coins auf den Spot-Börsen festigt eine länger anhaltende Distributionsphase. Sie überlagert die kurzfristig positiven Marktbewegungen vollständig und übt einen eindeutigen Abwärtsdruck auf den Bitcoin aus», so die Experten von CryptoQuant. 

Marion Laboure, Kryptoexpertin bei der Deutschen Bank, betont in einem Kommentar vom Montag zudem die wegfallenden Katalysatoren, welche für den Kursanstieg 2024 und 2025 verantwortlich waren. Dieser sei durch eine Reihe einmaliger Ereignisse ausgelöst worden, wie die ETF-Zulassungen im Januar 2024, das «Halving» im April 2024, Donald Trumps Wahl zum US-Präsidenten im November 2024 sowie der «Genius Act» vom Juli 2025. 

Die von der Deutschen Bank jüngst durchgeführte Umfrage zum Bitcoin fällt ebenso ernüchternd aus. Diese ergab, dass die älteste Kryptowährung der Welt Ende 2026 unter dem aktuellen Niveau notieren werde. Dabei rechneten lediglich 2 Prozent der befragten Amerikanerinnen und Amerikaner mit einer Rückkehr zu Kursen von 120'000 US-Dollar. 

Bemerkenswert sei gemäss den Umfrageresultaten zudem, dass die Akzeptanz von Bitcoin bei US-Konsumenten mit 10 Prozent seit 2023 trotz zweier Jahre mit Rekordpreisen keine nennenswerten Fortschritte gemacht habe. Entsprechend beruhe der Preisanstieg auf Spekulationen und nicht auf einer breiteren Nutzung.

Laboure von der Deutschen Bank will denn auch bewusst keinen intrinsischen «fairen Wert» angeben. Der Bitcoin weise keinen Cashflow aus und lasse einen stabilen Anwendungsfall vermissen, der einen solchen Wert rechtfertigen würde. «Die relevante Frage ist daher nicht, was Bitcoin wert ist, sondern ob der potenzielle Käufer weiterhin daran glaubt», so die Kryptoexpertin der Deutschen Bank.

Liegen doch höhere Kurse drin?

Adrian Fritz, 21shares, zeigt sich dagegen zuversichtlicher, auch wenn er eingesteht, die jüngste Entwicklung zu optimistisch angegangen zu sein. «Zu Beginn des Jahres 2026 waren wir der Ansicht, dass Bitcoins Vierjahreszyklus überwunden sein könnte. Sechs Monate später müssen wir jedoch feststellen: Die Kursentwicklung wirkt weiterhin erstaunlich vertraut», so der Experte Fritz. 

Nachdem der Bitcoin im Oktober 2025 bei rund 126'000 Dollar seinen Höchststand erreichte, folgte eine deutliche Korrektur. Seither bewege sich der Markt weitgehend im Einklang mit den Mustern früherer Phasen nach dem Halving. Das bedeutet jedoch nicht, dass die zugrunde liegende These vollständig falsch war, ergänzt der Analyst von 21Shares. Die Marktstruktur habe sich zweifellos verändert. Die Eigentümerstruktur von Bitcoin werde zunehmend institutioneller geprägt, und der aktuelle Rückgang von rund 50 Prozent falle deutlich moderater aus als die Bärenmärkte früherer Zyklen, die häufig Verluste von über 80 Prozent verzeichneten. 

Zudem bleibe dem Bitcoin bislang eine vollständige Kapitulation erspart, wie sie frühere Abschwungphasen charakterisierte. Der Kurs notierte bislang nicht unter dem aggregierten Einstandspreis des Netzwerks von rund 54'000 US-Dollar. All dies seien Anzeichen für einen reiferen Markt mit stabileren Kapitalströmen, so Fritz von 21Shares.

Stärkere Fundamentaldaten machen Bitcoin aber nicht zu einem zyklusunabhängigen Vermögenswert. Wie bei den meisten Anlageklassen bleiben Marktzyklen bestehen, auch wenn sich ihre Ausprägung im Laufe der Zeit veränderte. Anleger orientierten sich letztlich an Renditen und relativen Opportunitätskosten, erläutert Fritz von 21Shares. Die Attraktivität von Rohstoffen, Aktien oder KI-bezogenen Investments beeinflusse daher weiterhin massgeblich das Verhalten der Marktteilnehmer.

«Insgesamt stimmt uns die Entwicklung der Adoption weiterhin vorsichtig optimistisch. Die Zahl der Wallets mit Bitcoin-Beständen wächst weiter, und unser Basisszenario für das Jahresende bleibt eine Erholung in Richtung 100'000 Dollar - nicht jedoch ein Ausbruch auf neue Allzeithochs», meint der Kryptoexperte von 21Shares abschliessend.

Dominic Weibel, Head of Research bei Bitcoin Suisse, weist auf Anfrage von cash.ch darauf hin, dass eine wachsende Zahl von Indikatoren mit aussagekräftigem historischem Signalwert darauf hindeute, dass Bitcoin die Distanz zu einem Zyklustief verringere – auch wenn der Boden noch nicht bestätigt sei.

Wiederhole sich das bewährte Muster des Vierjahreszyklus, weise das Zeitfenster auf den Oktober hin, was auch zur typischen Spätsommer-Schwäche von BTC passe, so der Experte von Bitcoin Suisse weiter. Da die Marktstruktur inzwischen jedoch stärker von institutionellen Liquiditätskanälen geprägt ist, sei ein kürzerer Zyklus durchaus möglich. «Daher gilt es, gezielt und mit Disziplin aufzubauen, statt unüberlegt zu allokieren. Flacht der KI-Hype ab und kehrt die Aufmerksamkeit zurück, könnte Bitcoins Korrektur rasch vom Bremsklotz zu einem der attraktivsten Einstiegsfenster über alle Märkte hinweg werden», erläutert Weibel von Bitcoin Suisse.

Thomas Daniel Marti
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