Frankreich gewinnt die WM, Jannik Sinner bezwingt Novak Djokovic und gewinnt Wimbledon, Harvey Weinstein entkommt einer Gefängnisstrafe. Dies ist nur ein Bruchteil der aktuellen Wetten - natürlich nebst der seit Jahrzehnten anhaltenden Frage, ob Jesus auf die Erde zurückkommt - auf dem Polymarket. Das Spektrum ist schier endlos und reicht von Politik und Wahlen über Sport und Wirtschaft bis zu Geopolitik.
Polymarket ist der grösste dezentrale Prognosemarkt der Welt. Nutzer können dort Kryptowährungen einsetzen, um auf den Ausgang zukünftiger Ereignisse zu wetten. Das Handling ist einfach: eine Wette auswählen, Ja- oder Nein-Anteile kaufen, den Trade platzieren und die Anteile entweder vorzeitig wieder verkaufen oder bis Ende des Marktes warten.
Eine typische Wette könnte zum Beispiel lauten: «Gewinnt die Schweiz die Fussball-Weltmeisterschaft 2026? Ja oder Nein.» Beide Antwortmöglichkeiten sind mit einer Wahrscheinlichkeit bewertet, die zusammen eins ergibt – etwa 0,20 «Ja» und 0,80 «Nein». Je unwahrscheinlicher ein Ereignis eingeschätzt wird, desto höher ist der potenzielle Gewinn.
Gerade im Wirtschafts- und Finanzumfeld gibt es auch einige spannende Wetten, die cash unter die Lupe genommen hat.
1) Grösster Börsengang
Eine der voluminösesten Wetten am Markt ist, welches der grösste Börsengang nach Marktkapitalisierung in diesem Jahr sein wird - hier. Zur Auswahl stehen SpaceX und Anthropic. Das Wettvolumen beträgt 5 Millionen Dollar. Derzeit hat klar das Musk-Unternehmen die Nase vorn mit 88 Prozent.
SpaceX hat bereits am 12. Juni in den USA debütiert, während das konkrete Datum von Anthropic noch aussteht. Es wurde vor wenigen Wochen jedoch ein vertraulicher Antrag bei der eingereicht. Somit stehen die Chancen gut, dass das KI-Unternehmen noch in diesem Jahr sein IPO feiert.
Was die Bewertung angeht, dürften die SpaceX-Anhänger im Polymarket vermutlich Recht behalten. Denn zum Start ergab sich für SpaceX damals eine Gesamtbewertung von 1,77 Billionen Dollar, bevor sie auf fast 2,1 Billionen Dollar kletterte. Mit dem Ausgabepreis von 135 US-Dollar nahm das Raumfahrtunternehmen rund 75 bis 86 Milliarden US-Dollar ein.
Zum Vergleich: Ende Mai hatte sich Anthropic in einer Finanzierungsrunde 65 Milliarden Dollar gesichert. Diese Runde bewertete das Start-up aus den USA mit 965 Milliarden Dollar. Weder die Zahl der angebotenen Aktien noch der Ausgabepreis stehen bislang fest. Doch der zeitliche Rahmen wird schlussendlich entscheidend sein, schliesslich gilt es, das derzeit günstige Börsenumfeld zu nutzen.
2) Index-Bewertung S&P 500
Natürlich gibt es am Polymarket täglich die Möglichkeit, auf verschiedene Börsenindizes zu wetten. Wird der S&P 500 höher oder tiefer starten, wie hoch wird der Schlusskurs sein, wo steht der Index Ende des Monats?
Nun: Um das grössere Bild im Auge zu behalten, wird auch auf den Jahresendstand gewettet - hier. Aktuell notiert der S&P 500 auf 7503,85 Punkten. Schenkt man den Wettenden am Polymarket Glauben, liegen nur noch knapp 300 Punkte drin. 67 Prozent glauben, dass der Index per Ende Dezember auf 7800 Punkten notieren wird, während 28 Prozent eher auf 6200 Punkten tippen. Total umfasst die Wette 217'407 Dollar.
Schaut man sich die Vergangenheit an, erzielte der S&P 500 langfristig eine durchschnittliche jährliche Rendite von etwa 10 bis 11 Prozent. 2024 lag die Gesamtrendite bei 23 Prozent, während sie 2025 16 Prozent betrug. In den letzten neun Jahren resultierte nur zweimal - 2018 und 2022 - eine negative Bilanz. In diesem Jahr hat der Index bereits 9,5 Prozent gewonnen vom Ausgangspunkt bei 6800 Punkten. Ein tieferer Stand per Ende Jahr gilt als eher unwahrscheinlich, trotz der Belastungsfaktoren aus der Politik. Der Index umfasst schliesslich die 500 grössten börsennotierten Unternehmen der USA, die bisher markante Zuwächse verbuchen.
3) Frieden im Nahen Osten
Noch grösser als bei den Börsengängen ist der Wetteinsatz um die Frage: «Wann erreichen die USA und der Iran einen Friedensdeal?». 8,2 Millionen Dollar ist die Frage - hier - aktuell schwer. Konkret bezieht sich die Wette darauf, ob bis Ende des Monats ein solcher Vertrag zustande kommen wird. Die wenigsten wetten auf einen zeitnahen Erfolg im Konflikt. 40 Prozent der Teilnehmenden erachten den 31. Dezember als realistischeren Zeitpunkt, während 24 Prozent auf den 30. September setzen.
Der Pessimismus scheint legitim. Der Konflikt dauert bereits seit dem 28. Februar 2026 an und erlebt ein ständiges Auf und Ab zwischen Hoffnung und erneutem Ausbruch. In der Nacht auf Mittwoch vermeldeten Medien erneute Attacken auf Tanker in der Strasse von Hormus, wonach das US-Militär daraufhin wohl Ziele im Iran angegriffen habe. Irans Militär kündigte nachfolgend eine Reaktion auf die US-Angriffe an.
Am Nato-Gipfel in Ankara droht US-Präsident Donald Trump am Mittwochnachmittag dem Iran mit weiteren Angriffen noch in der kommenden Nacht. Dies, nachdem er bereits das vorläufige Abkommen zur Beendigung des Iran-Krieges für nichtig erklärt hatte. Er bezeichnete die iranische Führung als «Abschaum» und «kranke Leute». Es sei «reine Zeitverschwendung, sich mit ihnen zu befassen», erklärte er weiter.
4) Bitcoinpreis per Ende Jahr
So wie bei den einzelnen Indizes gewettet werden kann, können natürlich auch Schätzungen über einzelne Titel, Metalle oder Kryptowährungen abgegeben werden. So etwa die 4,7 Millionen schwere Wette (Link) um die Entwicklung des Bitcoins – welchen Preis erreicht die Kryptowährung im Juli?
Aktuell notiert sie bei 61'919 Dollar, wonach der Werteverlust seit Januar bald 30 Prozent beträgt. Und das, obwohl zwischenzeitlich ein Niveau von über 82'000 Dollar erreicht wurde. Die hohe US-Inflation und steigende Zinserwartungen belasten risikoreiche Anlagen. Zusätzlich deuten Gewinnmitnahmen langfristiger Anleger und fehlende neue Kurstreiber auf eine mögliche Bärenmarktphase hin.
Wettende am Polymarket setzen ihre Karten grösstenteils auf 60'000 Dollar, fast so viele auf 65'000 Dollar. Demnach ist es ein enges Rennen zwischen einem leichten Anstieg oder eben Abstieg. Eine Umfrage der Deutschen Bank ergab, dass die älteste Kryptowährung der Welt Ende 2026 unter dem aktuellen Niveau notieren dürfte. Nur wenige der Kryptoexperten, darunter Adrian Fritz von 21shares, setzen auf eine Erholung in höheren Sphären. Der Kryptoexperte rechnet in einem Basisszenario mit einer Erholung in Richtung 100'000 Dollar.
5) Politik in den USA
Was die Welt scheinbar ebenso beschäftigt wie die Frage, ob Cristiano Ronaldo an der Fussball-WM weinen muss – mittlerweile beantwortbar mit ja –, ist die Politik in den USA. Hier drängen sich die am 3. November anstehenden Midterms in den Fokus, welche die mächtigere Partei im Kongress bestimmt. Das ist auch für den amtierenden Präsidenten entscheidend, zumal sich Vorhaben möglicherweise schwieriger umsetzen lassen, sollte die andere Partei gewinnen.
Neben den 435 Sitzen im Repräsentantenhaus stehen im Senat bei den Zwischenwahlen 35 Sitze zur Wahl. Während die Hoffnungen für das Repräsentantenhaus auf der Demokratischen Partei liegen (hier), schätzt die Mehrheit der Wettenden die Republikaner als Senatssieger 2026 ein (hier). Beide Wetten umfassen jeweils mehr als 8 Millionen Dollar Volumen. Auch andere Umfragewerte deuten auf eine Machtverschiebung hin. Wie eine Übersicht der New York Times zeigt, sind die Demokraten derzeit leicht im Vorteil. Die Partei, die nicht an der Macht sei, gewinne bei Zwischenwahlen in der Regel an Boden, was durch die ersten Umfragen gestützt werde.
Begünstigt wird eine mögliche Verschiebung in der US-Politik durch die historisch tiefen Zustimmungswerte für Trump. Sie sind auf 40 Prozent gesunken, bei der Wirtschaft auf 29 Prozent. Besonders auffällig ist der Rückgang bei ländlich wohnenden Bürgern, die bisher zu einem wichtigen Wählerkreis zählten. Bereits in seiner ersten Amtszeit hatte Trump nach den Zwischenwahlen die Mehrheit im Repräsentantenhaus verloren.
Rechtliche Bedingungen
Polymarket ist in mehreren Ländern, darunter in der Schweiz, aufgrund regulatorischer Einschränkungen nicht uneingeschränkt zugänglich. Bestimmte Arten von Wetten, etwa auf politische oder militärische Ereignisse, unterliegen vielerorts strengen rechtlichen Vorgaben. Der Unternehmenssitz in Panama ermöglicht der Plattform den Betrieb ausserhalb bestimmter nationaler Regulierungsrahmen.
Die auf der Plattform dargestellten Wahrscheinlichkeiten sollten daher nicht als verlässliche Prognosen oder Informationsquellen verstanden werden, sondern vielmehr als spekulative Marktindikatoren mit Unterhaltungs- und Meinungsbildungscharakter.

