Ein Beispiel ist die 72-jährige US-Amerikanerin Sharon Lane, die zuvor einen beneidenswerten Ruhestand im sonnigen Orange County in Kalifornien verbrachte. Die frühere Fremdsprachenlehrerin lebte zur Miete in einer Zweizimmerwohnung in Laguna Woods Village, einer gesicherten Seniorenwohnanlage mit zwei Golfplätzen, neun Pools und hunderten Freizeitangeboten.

Das grösste Risiko in der Nachbarschaft sei gewesen, dass ein Kojote den Hund angreife, erinnert sie sich. Doch es war nicht das Leben, das sie sich für die goldenen Jahre, ihren Ruhestand, vorgestellt hatte. Es fehlte ihr ein entscheidendes Detail: jeden Morgen mit Blick auf das Meer aufzuwachen. Deshalb verkaufte sie Anfang 2025 ihr Auto, packte ihre wichtigsten Besitztümer und liess den Rest über eine Haushaltsauflösung veräussern. Anschliessend zog sie auf das Wohnkreuzfahrtschiff «Villa Vie Odyssey».

«Ich kann ein bisschen lesen, und wenn ich von meinem Buch aufschaue, kann ich das Meer und die Seevögel beobachten und die Brise spüren», sagt Lane. Seit Mitte Juli hat sie mehr als 55 Bücher verschlungen. «Das ist für mich der Himmel. Das ist es, was ich will.»

Urlaubsplanung kann in jedem Alter aufwendig sein. Kreuzfahrten haben auch deshalb wegen ihrer zahlreichen Annehmlichkeiten bei US-Familien stark an Beliebtheit gewonnen. Zunehmend entdecken jedoch auch Ruheständler diese Form des Reisens für sich – und entscheiden sich immer häufiger dafür, nicht nur Urlaub an Bord zu machen, sondern dauerhaft auf See zu leben.

Das Schiff «Villa Vie Odyssey», auf das Lane gezogen ist, gilt als einer der prominentesten Neuzugänge in diesem Segment. Es lief im September 2024 vom Stapel, bietet Platz für rund 650 Bewohner und soll über mindestens 15 Jahre hinweg alle dreieinhalb Jahre die Welt umrunden. Danach dürfte das Schiff verschrottet werden, sagte ein Sprecher von Villa Vie Residences. Das Unternehmen hatte 2023 ein rund 30 Jahre altes Schiff am Ende seiner Lebensdauer von einer kommerziellen Reederei übernommen und zur «Villa Vie Odyssey» umgebaut.

Was mit rund 120 Bewohnern begann, ist binnen anderthalb Jahren auf etwa 360 angewachsen. Das Durchschnittsalter liegt laut Unternehmensgründer Mike Petterson bei 59 Jahren. Etwa zwei Drittel der Bewohner sind im Ruhestand oder stehen kurz davor, während die übrigen in Branchen wie Finanzen, Immobilien oder Recht von Bord aus arbeiten.

Die Gemeinschaft wächst weiter: Petterson zufolge werden monatlich 10 bis 20 Kabinen verkauft oder vermietet. Mit weniger als 100 noch verfügbaren Einheiten steuert das Schiff auf eine Vollauslastung bis zum Sommer zu.

Immer mehr Ältere entdecken das Reisen für sich

Wie viele Ruheständler dem Leben an Land bereits den Rücken gekehrt haben, lässt sich zwar schwer beziffern, doch ihre Beweggründe sind klarer erkennbar. Immer mehr Ältere entdecken das Reisen für sich: Laut Daten der US-Organisation AARP planten rund 70 Prozent der Amerikaner ab 50 Jahren im Jahr 2025 eine Reise – fünf Prozentpunkte mehr als im Vorjahr. Kreuzfahrten zählen dabei zu den beliebtesten Optionen. Nach Angaben des Branchenverbands Cruise Lines International Association gehörte 2024 etwa die Hälfte aller Kreuzfahrtpassagiere zur Altersgruppe 50 plus.

Für einige kann das Leben an Bord auch finanziell attraktiver sein. Die durchschnittlichen Kosten für seniorengerechtes Wohnen in den USA liegen laut dem Pflegenetzwerk A Place for Mom bei rund 3145 Dollar pro Monat. Eine Innenkabine auf der «Odyssey» ist dagegen ab etwa 130'000 Dollar erhältlich – ein Betrag, der so niedrig ist, dass viele Käufer ihn komplett bar bezahlen, teils durch den Verkauf ihres Eigenheims. Verpflegung, Reinigung, Bordaktivitäten und Treibstoff werden über eine monatliche Gebühr ab rund 2000 Dollar pro Person abgedeckt.

So begann auch Lane ihr Leben auf See. Nach einigen Monaten in einer fensterlosen Innenkabine entschied sie sich jedoch für ein sogenanntes «Golden-Passport»-Modell mit lebenslangem Nutzungsrecht. Für ihre Altersgruppe und Kabinenkategorie kostete dies rund 220'000 Dollar ohne laufende Gebühren. Im Vergleich zu ihrem früheren Ruhestand in Kalifornien spare sie dadurch mehrere tausend Dollar im Monat, sagte sie. Da ein Schiff jedoch nur eine begrenzte Lebensdauer hat, erwirbt sie damit kein dauerhaftes Eigentum im klassischen Sinne.

Für Lane steht das Reisen selbst nicht im Vordergrund. Wegen chronischer Rückenprobleme kann sie nach eigenen Angaben ohnehin oft nicht an Land gehen, wenn Häfen weiter vom Stadtzentrum entfernt liegen. «Im ersten Jahr auf dem Schiff habe ich mir die Reiseroute angesehen und dachte: ‘Da ist kein einziger Ort dabei, der auf meiner Bucket List steht›», sagt Lane. «Aber was kümmert mich das? Denn mein Ziel war es nicht, die Welt zu bereisen. Mein Ziel war es, auf einem Kreuzfahrtschiff zu leben.»

Für Paare wie die 55-jährige Lanette Canen und den 56-jährigen Johan Bodin war die «Villa Vie Odyssey» zunächst ebenfalls nicht als dauerhafte Lösung gedacht. Ursprünglich wollten sie verschiedene Orte erkunden, an denen sie sich später niederlassen könnten. Doch je länger sie an Bord waren und je näher sie den anderen Bewohnern kamen, desto mehr begannen sie, einen dauerhaften Aufenthalt in Betracht zu ziehen. Das Paar gab an, sein Mietwagenunternehmen auf Maui im US-Bundesstaat Hawaii verkauft zu haben, um die Kabine auf der «Odyssey» zu finanzieren, in die es bei der Jungfernfahrt des Schiffs einzog.

Heute bezeichnen sie sich als «neu verkabelt statt im Ruhestand» und arbeiten beide in Teilzeit von Bord aus: Canen verantwortet das Marketing für ihr Autoglasgeschäft in Phoenix, während Bodin Videos für ihren YouTube-Kanal über das Leben auf See produziert und schneidet. «Wir fühlen uns hier auf dem Schiff so wohl, dass es schwer werden wird, zum Leben an Land zurückzukehren», sagt Canen. Laut Bodin drehen sich die einzigen «häuslichen Streitigkeiten» des Paares darum, wer den Wäschebeutel sortieren muss, damit das Reinigungspersonal den Inhalt waschen kann.

An Bord gibt es zudem Live-Musik, Tanzkurse und bequeme Sitzgelegenheiten

Villa Vie Residences hat seine Angebote gezielt an klassischen Seniorenresidenzen orientiert, etwa an denen grosser Betreiber wie Ventas. Dazu zählen Freizeitgruppen, zweimal wöchentliche Reinigungs- und Wäscheservices sowie eine medizinische Einrichtung mit einem Arzt und zwei Pflegekräften. Hinzu kommen typische Kreuzfahrtangebote wie Buffet, Pool und die Möglichkeit, mehrere Reiseziele zu besuchen, ohne die Koffer auspacken zu müssen.

An Bord gibt es zudem Live-Musik, Tanzkurse und bequeme Sitzgelegenheiten in der «Morning Light Lounge», die von den Bewohnern liebevoll als «Wohnzimmer» bezeichnet wird. Ergänzt wird das Angebot durch ein Business-Center für Remote-Arbeit sowie einen Spieleraum für Bewohner, die ihre Zeit lieber mit Puzzles oder Kartenspielen mit ihren Nachbarn verbringen.

Für Bewohner wie Lane sind diese Angebote mehr als nur Komfort. Sie bedeuten, keine schweren Matratzen mehr anheben zu müssen, um die Bettwäsche zu wechseln und keinen Müll mehr selbst entsorgen zu müssen. Sie müssen nicht mehr daran denken, Toilettenpapier zu kaufen, oder sich auf den Weg zu einem Arzttermin machen. Zudem können Familie und Freunde in einer der «Friends-and-Family»-Kabinen an Bord übernachten, die ab etwa 100 Dollar pro Tag verfügbar sind.

Allerdings ist das Leben auf See nicht immer so leicht wie eine sanfte Meeresbrise. So gab es laut Petterson Schwierigkeiten etwa mit Pool, Sanitäranlagen und Klimaanlage. Auch mussten Reiserouten kurzfristig angepasst werden – etwa aufgrund von Wetterbedingungen sowie operativen oder geopolitischen Faktoren –, was für Bewohner, die etwa Flüge von bestimmten Häfen aus geplant hatten, zu Unannehmlichkeiten führte. Lane sieht darin keinen grossen Unterschied zum Leben an Land. «Ich lebe auf dem Schiff wie zuvor in einer Wohnung – nur dass ich hier nicht einkaufen gehen muss», sagte sie.

Dass Lane sich überhaupt mit solchen Problemen auseinandersetzen muss, stellt sie besser als viele andere Interessenten für ein Leben auf See. Denn die noch junge Branche der Wohnkreuzfahrten musste schon zahlreiche unruhige Gewässer durchqueren. So erfuhren Kunden des Anbieters Life at Sea Cruises im Jahr 2023 nur zwei Wochen vor Abreise, dass kein Schiff für ihre geplanten Langzeitreisen zur Verfügung stand. 2024 stellte die Verbraucherschutzbehörde des US-Bundesstaats Utah rechtliche Bedenken gegenüber Führung und Betrieb von Victoria Cruises Line fest. Das Unternehmen musste daraufhin den Betrieb einstellen, noch bevor eines seiner Schiffe überhaupt auslief.

Auch das Luxus-Startup Storylines, das ein eigenes Schiff entwickelt, hat den geplanten Start seiner Weltumrundung in den vergangenen sieben Jahren wiederholt verschoben. Angesichts der steigenden Nachfrage plant Villa Vie nun jedoch den Ausbau seines Angebots im Luxussegment. Das erste Schiff dieser neuen Sparte, die «Avora Lumina» mit 268 Kabinen, soll Anfang 2028 in Dienst gestellt werden. Die Preise für die Wohneinheiten liegen zwischen 545 000 und 4,7 Millionen Dollar und umfassen zusätzliche Angebote wie Concierge-Service, Theateraufführungen und ein Spa.

Nach sieben Jahren als Schiffsbewohner kehrte Peter Antonucci wieder an Land zurück

Damit rückt Villa Vie näher an seinen bekanntesten Wettbewerber «The World» heran, ein Wohnkreuzfahrtschiff, das seit 24 Jahren mit einem wechselnden Angebot an Residenzen um den Globus fährt. Die Preise für die Einheiten können dort bis zu 15 Millionen Dollar erreichen. Zu den Annehmlichkeiten zählen unter anderem ein Golfsimulator, ein Deck mit direktem Zugang zum Wasser – inklusive Kajaks und Wasserfahrrädern – sowie ein umfangreiches Programm mit Gastrednern, die in verschiedenen Häfen an Bord kommen.

Für den 66-jährigen Peter Antonucci gehörten diese Angebote zu den grössten Pluspunkten. Er zog kurz nach seinem Ausscheiden aus dem Anwaltsberuf in New York im Alter von 52 Jahren auf das Schiff. Nach sieben Jahren als zeitweiser Bewohner kehrte er jedoch wieder an Land zurück und lebt heute abwechselnd in Connecticut und Florida. Mit der Zeit hätten sich die wiederkehrenden Routen und der Reiz des Lebensstils abgenutzt, sagte er. Zudem könne es schwierig sein, Abstand zu anderen Bewohnern zu gewinnen, wenn man sprichwörtlich ständig im selben Boot sitzt.

«Ich habe besonders die ersten paar Jahre genossen, als es noch den Reiz des Neuen gab», sagt er. «Wie mein Vater immer über das Zusammensein mit denselben Leuten zu sagen pflegte: Es ist, als wäre man von frisch gefangenem Fisch umgeben. Zuerst sind sie toll, aber nach einer Weile fangen sie an zu riechen.»

Für die 69-jährige Kelly Smith hingegen hat das Leben auf der «Villa Vie Odyssey» nichts von seiner Anziehungskraft verloren. Sie ging 2022 in den Ruhestand und lebte dann mit ihrem Partner auf einem Segelboot, bevor sie in einem Facebook- Beitrag auf das Schiff aufmerksam wurden. Im Januar 2025 buchten sie zunächst einen zweiwöchigen Aufenthalt – Teil eines «Try before you buy»-Programms des Anbieters. Bereits im Juni erwarben sie eine eigene Kabine und zogen dauerhaft an Bord.

«Früher dachte ich, ich sei wirklich alt, aber so fühle ich mich nicht mehr», sagt sie im Hafen von Townsville, Australien, und merkt an, dass sie hofft, niemals in eine echte Seniorenresidenz ziehen zu müssen. «Es gibt hier viele aktive Menschen. Ich spiele Pickleball, und wir schnorcheln viel. Dieser Lebensstil ist für Menschen, die Abenteuer suchen.»

Ursprünglich hatte das Paar geplant, vier Jahre an Bord zu bleiben und dann neu zu entscheiden. Nur wenige Monate vor ihrem ersten Jahrestag sagt Smith jedoch, dass sie ihren Ruhestand voraussichtlich dauerhaft auf der «Villa Vie Odyssey» verbringen werden. «Wir geniessen jeden einzelnen Tag», sagte sie. «Wir können uns kaum vorstellen, dass es noch besser sein könnte.»

(Bloomberg/cash)