Die Pharmazulieferer Bachem und Ypsomed hatten Ende Februar ein Déjà-vu. Ihre Aktien gerieten in den Abwärtssog der Valoren des dänischen Pharmakonzerns Novo Nordisk. Dieser hatte unerwartet schwache Studiendaten zum Abnehmmittel Cagrisema mitgeteilt. Cagrisema habe zwar eine 23-prozentige Gewichtsreduktion nach einer 84-wöchigen Behandlung bewirkt, hiess es. Jedoch unterlag das Mittel im Vergleich zum Konkurrenzprodukt des US-Pharmaherstellers Eli Lilly.
Am Tag der Negativmeldung sackten die Valoren von Novo Nordisk um 16,5 Prozent ab. In Sippenhaft genommen wurden Bachem und Ypsomed. Deren Aktien fielen um 13,7 Prozent (Bachem) beziehungsweise 8,8 Prozent (Ypsomed).
Ähnliches wie im Februar dieses Jahres geschah schon im Dezember 2024. Mit Cagrisema behandelte Patienten hatten zwar 22,7 Prozent Gewicht verloren. Allerdings ging man von 25 Prozent Gewichtsverlust aus. Investoren gingen in Deckung, die Aktien des dänischen Unternehmens brachen um 20,7 Prozent ein. Hart traf es auch Ypsomed, dessen Valoren 9,7 Prozent einbüssten, derweil für die Bachem-Aktien an jenem Tag ein 6,6-prozentiges Minus zu Buche stand.
Anders als man es aufgrund der Reaktionen von Anlegern auf die wiederholten Negativmeldungen der Dänen vermuten kann, sind manche Analysten zuversichtlich, was die mittelfristige Kursverläufe von Bachem und Ypsomed betrifft. Beispielsweise hat die Royal Bank of Canada das Preisziel für Bachem Ende Januar auf 110 von 78 Franken erhöht und das «Outperform»-Rating bestätigt. Das neue Ziel impliziert ein 85-prozentiges Vorrücken der Bachem-Valoren.
Für Ypsomed sieht die US-Investmentbank Stifel ein Kursziel von 420 Franken. Es wird von einem «Buy»-Rating begleitet und deutet einen Kursgewinn von über 50 Prozent an. Noch etwas höher geht die Bank Vontobel: Das Preisziel wird mit 430 Franken veranschlagt, die Einstufung lautet «Buy».
Wie nun reimen sich diese positiven Einschätzungen auf die oftmals harschen Marktreaktionen und den Umstand, dass die Schweizer Pharmazulieferer stets aufs Neue in Sippenhaft von Novo Nordisk genommen werden? Dies, zumal es dem dänischen Konzern an der Börse ohnehin nicht gut läuft. Die Titel sind seit Sommer 2024 um mehr als 77 Prozent gefallen.
Man muss das Geschehen um Bachem vom Geschehen um Ypsomed ein Stück weit trennen. Denn Bachem, der Peptidhersteller aus Bubendorf, hat nie gesagt oder bestätigt, dass es Lieferverträge mit Novo Nordisk gibt. Ypsomed hat den Abschluss eines Liefervertrags schon früher bekannt gegeben.
Zu den Bubendorfern sagt Vontobel-Analystin Sibylle Bischofberger: «Der Rückzug der Anleger aus Aktien von Bachem geht auf eine reine Spekulation zurück. Die Investoren vermuten, was aber nicht sicher ist: Dass Bachem einen Vertrag zur Lieferungen von Peptiden an Novo Nordisk hat.» Schwache Studiendaten zu Cagrisema enttäuschten deshalb auch die Hoffnung, dass Bachem profitieren werde, sollte Cagrisema erfolgreich sein.
Laut der Expertin kann Bachem aber auch für jedes andere Pharmaunternehmen als Novo Nordisk Peptide herstellen, es gebe Dutzende möglicher Abnehmer - man wisse bloss nicht genau, wem und wie viel Bachem liefert. Zudem wächst der Markt für Abnehmmittel stark: «Neben den Originalprodukten wird es zunehmend auch Nachahmerprodukte geben, und jeder Patient wird ein für ihn geeignetes Medikament erhalten.»
Bachem befindet sich als Peptidlieferant für die Pharmabranche in einer Spitzenpositionen. Das Unternehmen hat einen Anteil von 25 Prozent am weltweiten Peptidmarkt, der jährlich um zehn Prozent wächst. Es steht damit vor dem chinesischen Hersteller Wuxi und der ebenfalls an der Schweizer Börse kotierten Polypeptide Group.
Ypsomed kann Maschinen innert Kürze für andere Kunden umrüsten
Ypsomed hat schon im Herbst 2023 bekannt gegeben, dass ein langfristiger Vertrag mit Novo Nordisk zur Lieferung von Autoinjektoren abgeschlossen wurde. Laut der Mitteilung von damals geht es um «grosse Mengen» solcher Autoinjektoren, und CEO Simon Michel zufolge unterstützt die Zusammenarbeit mit den Dänen «unsere Wachstumsstrategie massgeblich und nachhaltig».
Anscheinend hat sich diese Aussage als zweischneidiges Schwert erwiesen. Einerseits ist sie positiv und wurde durch die Erfolge von Novo Nordisk zum damaligen Zeitpunkt verstärkt. Andererseits hat sie Hoffnungen geweckt und den Fokus der Anleger auf die Beziehung zwischen Ypsomed und Novo Nordisk gelenkt. So glaubt Edward Hall, zuständiger Analyst von Stifel, dass die Investoren Ypsomed nun aufgrund der Beziehung zu Novo Nordisk «übermässig bestrafen».
Das Potenzial, das sich aus dieser Beziehung ergibt, ist auch nach Einschätzung von Sibylle Bischofberger gross, doch die Sippenhaft sei nicht handfest begründbar. Die Vontobel-Expertin nennt entsprechende Fakten: Ypsomed mache zurzeit nur wenig Umsatz mit Novo Nordisk. Zudem könnten die Maschinen zur Herstellung der Autoinjektoren für Novo Nordisk innerhalb von kurzer Zeit für jeden anderen Pharmahersteller umgerüstet werden. Und: Ypsomed habe Verträge mit 30 anderen Unternehmen und für 47 Abnehmwirkstoffe zur Lieferung von Autoinjektoren und Injektionspens - «Ypsomed ist breit aufgestellt und hat mit Novo Nordisk heute kein Klumpenrisiko.»
Typischerweise sind Lieferbeziehungen zu kleinen Pharmafirmen weniger umsatzstark, aber profitabler als Lieferbeziehungen zu grossen Pharmaunternehmen wie Novo Nordisk oder Eli Lilly. Diese kaufen zwar grössere Mengen, drücken aber stärker auf die Preise, sodass sich letztlich deutlich tiefere Margen ergeben.
Die Ebit-Margen aus Verkäufen an kleinere Pharmafirmen können gemäss Schätzungen der Expertin 90 Prozent betragen, wogegen sich die Ebit-Margen aus Verkäufen an grosse Pharmakonzerne auf um die 20 Prozent belaufen dürften.
Auch unter diesem Gesichtspunkt ist es vorteilhaft für Ypsomed, breit aufgestellt zu sein. Das werden auch Anleger in Rechnung stellen müssen, wenn sie sich mit dem in Burgdorf beheimateten Unternehmen befassen.
Indes: Dass Novo Nordisk wiederholt enttäuschende Studiendaten zu Cagrisema mitgeteilt hat und gerade vor Kurzem dem Konkurrenten Eli Lilly unterlegen war, wird man nicht ganz ausblenden: Analysten hätten den geringeren Beitrag von Novo zu Ypsomed noch nicht in ihren Schätzungen berücksichtigt, sagt Stifel-Spezialist Edward Hall. Ob er seinen Optimismus über kurz oder lang drosselt? Angedeutet ist es, wobei eine gewisse Schranke ebenfalls gesetzt ist: Hall ist, wie er sagt, weiterhin überzeugt, dass Ypsomed so gut aufgestellt ist, dass das Unternehmen vom Trend zur Verabreichung von Medikamenten über Autoinjektoren und Pens profitieren wird. Deren Anwendungsbereiche gehen denn auch über Abnehmmittel hinaus. Behandlungsfelder, in denen die Autoinjektoren eingesetzt werden, sind etwa auch Multiple Sklerose und Osteoporose.

