Fast alle der 29 von der Nachrichtenagentur Reuters befragten Ökonomen gehen davon ‌aus, dass ⁠die Schweizerische Nationalbank (SNB) den Satz bei ihrer Sitzung am morgigen Donnerstag bei null Prozent belassen werden. Auch ⁠für den weiteren Jahresverlauf sind sich die Experten weitgehend einig: 28 der 29 Befragten rechnen damit, dass die Zinsen ‌bis 2026 unverändert bleiben. An den Terminmärkten wird dagegen bereits auf eine ‌Zinsanhebung bis Dezember gewettet.

Im Gegensatz zu vielen ​anderen Zentralbanken bereitet der SNB der jüngste weltweite Ölpreisanstieg weniger Sorgen. Zwar hat sich Rohöl seit dem Angriff der USA und Israels auf den Iran Ende Februar um rund 50 Prozent verteuert. Die Schweiz ist jedoch durch ihre starke Währung besser vor importierter Inflation geschützt. Der Franken ‌hat seit Ausbruch des Konflikts fast zwei Prozent zum Euro zugelegt, weil Anleger in unsicheren Zeiten verstärkt in die als «sicherer Hafen» geltende Währung flüchten.

Auch sei die Ausgangslage eine andere als noch vor vier Jahren. Im Nachgang der Covid-Pandemie hatten die Leute viel Geld, welches sie ausgeben wollten. Diese Nachfrage prallte auf stark eingeschränkte Lieferketten. Die heutige Angebots- noch Nachfragesituation ist damit nicht vergleichbar. Laut Thomas Stucki von der St.Galler Kantonalbank gibt es deshalb für die SNB keinen Grund zur Eile.

Um eine weitere, für die Exportwirtschaft schädliche Aufwertung des Franken zu ​verhindern, dürften die Währungshüter Experten zufolge vor allem am Devisenmarkt intervenieren. Eine Rückkehr ​zu Negativzinsen gilt als unwahrscheinlich. «Für die SNB ist die ​starke Aufwertung des Franken die unmittelbarste Sorge», sagte Sophie Altermatt, Ökonomin bei der Bank Julius Bär. Devisenmarktinterventionen seien das ‌wichtigste Instrument, um den Höhenflug der Währung zu bremsen.

Auch Nikolay Markov von Pictet Asset Management betonte, die Hürde für Negativzinsen liege heute höher als bei der letzten Einführung im Jahr 2015. Für Erik Schafhauser von der Saxo Bank Schweiz wäre ein Schritt zurück in den negativen Bereich eher ein Notfallinstrument, etwa bei starkem Deflationsdruck oder einer massiven Frankenaufwertung.

Prognosen für Negativzinsen haben einer ersten erwarteten Zinserhöhung im Dezember Platz gemacht

Und auch Thomas Stucki hält fest: «Die Prognosen für Negativzinsen der SNB, welche vor zwei Wochen angesichts der Stärke des Frankens wieder hervorgeholt wurden, haben einer ersten erwarteten Zinserhöhung im Dezember Platz gemacht.»

Die Inflation ​in ​der Schweiz dürfte mit prognostizierten 0,4 Prozent in ⁠diesem und 0,7 Prozent im kommenden Jahr innerhalb des Zielbereichs ​der SNB von null ⁠bis zwei Prozent bleiben. Der Einfluss der Energiepreise auf die Inflation dürfte in der Schweiz moderat ‌sein, erklärte Andrew Kenningham von Capital Economics. Der starke Franken dämpfe den Preisdruck, weshalb die Hürde für Zinserhöhungen bei der SNB höher liege als bei der Europäischen ‌Zentralbank (EZB).

Die Kehrseite ist jedoch die Belastung für die exportorientierte Schweizer Wirtschaft, ​die bereits unter erhöhten US-Zöllen leidet. Für dieses Jahr erwarten die Experten nur noch ein Wirtschaftswachstum von 1,1 Prozent.

Aus Anlegersicht dürfte deshalb der Zinsentscheid selbst weniger wichtig sein, als die Tonalität der Nationalbank in ihrem Communiqué und der anschliessenden Medienkonferenz. Hinweise zur Frankenstärke, der Inflation oder auf mögliche Interventionen könnten im Markt umso mehr Gewicht haben.

(Reuters/cash)