«Zufall spielt an Märkten grosse Rolle»

Joachim Goldberg, der bekannteste deutsche «Börsenpsychologe», gibt Tipps für Anleger und erklärt deren Fehlverhalten.
06.02.2015 01:00
Interview: Daniel Hügli
Joachim Goldberg: «Die Politik der Zentralbanken bewirkt einen Teufelskreis. Wenn nicht ein Wunder geschieht, wird uns dies eines Tages noch um die Ohren fliegen.»
Joachim Goldberg: «Die Politik der Zentralbanken bewirkt einen Teufelskreis. Wenn nicht ein Wunder geschieht, wird uns dies eines Tages noch um die Ohren fliegen.»
Bild: Dirk Hoy

cash: Herr Goldberg, oft hat man das Gefühl, an den Börsen regiere nur der Herdentrieb.

Joachim Goldberg: Das ist zeitweise sicher so. Die Menschen bewegen sich nun mal gerne in Herden, damit sie die Normen ausloten können. Die Menschen wollen sich an anderen Menschen orientieren, vor allem am Erfolg anderer Menschen. Und sie wollen diesen Erfolg kopieren.

Daher gibt es Börsen-Gurus wie etwa Warren Buffett?

Der soziale Vergleich ist für die Menschen wichtig. Vor allem der Blick nach oben ist häufig von Neid begleitet. Auf der Welt gibt es zig Millionäre und Milliardäre wie Buffett. Der hatte wohl das Glück, zur richtigen Zeit am richtigen Ort am richtigen Hebel gewesen zu sein. Milliardär zu sein hat auch viel mit Zufall zu tun. Der Zufall spielt an den Märkten eine grosse Rolle.

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Welches sind die grössten Fehler, welche den Anlegern unterlaufen?

Ich sträube mich etwas dagegen, den Zeigefinger hochzuheben. Aber der grösste Feind unserer Entscheidungen ist das Bedauern. Das heisst: In dem Moment, da ich eine Entscheidung getroffen habe, fängt sofort auch das Bedauern an, daer Gedanke, etwas falsch gemacht haben.

Das hemmt dann auch künftige Entscheidungen?

Ja. Wir machen die künftigen Entscheidungen vom Erfolg und Misserfolg vergangener Taten abhängig. Eine Aktie springt nach dem Kauf selten gleich fünf Prozent hoch. Viele Anleger werden schnell nervös, wenn eine Aktie nicht gleich deutlich steigt. Oder sie verkaufen sie auch zu schnell bei kleinen Gewinnen. Das Moment, Recht gehabt zu haben, ist für viele Menschen extrem wichtig. Das ist sogar noch wichtiger, als Geld zu verdienen. Die Menschen wollen ja gar nicht ganz grosse Gewinne machen.

Wie bitte?

Fragen Sie jemanden: «Wollen Sie lieber fünfmal einen Euro verdienen oder einmal fünf Euro?», wollen die meisten das Erste. Es geht um die Häufigkeit der Gewinne. Bei den Verlusten ist es genau umgekehrt. Die Menschen möchten keine kleinen Verluste. Einen Gewinn in Aussicht gestellt zu bekommen ist ein viel dramatischerer Vorgang als der Empfan eines Gewinnes.

Was war denn Ihre beste Entscheidung an den Märkten?

Ich war früher Devisenhändler und handelte mit einem eigenen Computermodell. Vor einem Feiertag im Jahr 1989 hatte ich eine grosse Dollar-Position. Dann fiel der Dollar in der Nacht auf den Feiertag um zehn Pfennig. Ich wusste nicht, ob ich die Dollar-Position gegen die Empfehlung des Computers mit Verlust verkaufen sollte. Ich tat das nicht. Am Feiertag begannen die Studentenproteste in China, und der Dollar stieg wieder um zehn Prozent. Das war eine grosse Lehre: Die Nerven in solchen Situationen nicht zu verlieren und an einem Plan und Modell festzuhalten, auch wenn die menschliche Intuition dagegen spricht.

Ihr grösster Fehler?

Fehler habe ich viele gemacht. Selbstrechtfertigungen etwa, oder das zu lange Festhalten an Engagements. Das ist Sturheit.

Viele Leute setzen «Spielgeld» ein, um kurzfristige Gewinne an der Börse zu erzielen. Geht das auf?

Der Markt ist heute sehr viel schwieriger als etwa vor 20 Jahren. Heute werden Maschinen eingesetzt, es gibt Hochfrequenzhändler. Da muss man mit Stop-Loss-Aufträgen arbeiten, also mit der engen Begrenzung von Verlusten. Das Problem ist aber meistens, dass die Gewinne nicht weit genug laufen gelassen werden. Gewinne mitnehmen ist ein Dürfen, Verluste realisieren ein Müssen.

Und die oft zitierte Strategie «Buy-and-Hold»?

Da hat man keine Verlustbegrenzung, man nimmt aber auch die Gewinne nicht mit. Diese Strategie ist im Zug des Hochfrequenzhandels bei Anlegern wieder beliebter geworden. Das Problem dabei: Die Märkte wachsen heute nicht mehr so linear wie früher. Man kann mit Kaufen und langem Halten die Ineffizienz der Märkte auch nicht ausnutzen. Allerdings schaffen es nur wenige aktive Fondsmanager, einen Index über einen Zeitraum von 10 oder 15 Jahren zu schlagen.

Herdentrieb haben wir vor allem bei Blasen und Börsencrashs. Eine ausweglose Situation für Anleger?

Als Anleger darf man gar nicht in eine solche Situation geraten. Vor einem Engagement muss man sich überlegen: Was unternehme ich, wenn die Dinge nicht so laufen wie geplant? Wenn Anleger zum Beispiel bereits zehn Prozent oder mehr verloren haben, dann rührt das daher, dass sie ihre Verluste nicht frühzeitig realisiert haben. Es fehlt oft ein Notfallplan.

Die breite Masse von Anlegern ist nicht wirklich zurück bei Aktienengagements. Ändert sich das wieder?

Eine Aktienkultur entstand bei uns bloss in wirklich steigenden Märkten. Anleger, welche die Crashs 2002 und 2008 schmerzhaft miterlebt haben, kommen so schnell nicht zurück. Es ist aber etwas seltsam, dass die Leute ihr Geld nicht anderswo als bei Tagesgeld oder dem Sparkonto investieren. Denn dort verlieren sie real Geld.

Aber weshalb sind denn die Anleger noch immer so misstrauisch?

Sie trauen der Markthausse nicht, die wir seit 2008 sehen. Das hat mit der Politik der Zentralbanken zu tun. Diese drucken immer wieder Geld, sobald es an den Börsen runtergeht. Das ist ein Teufelskreis. Wenn nicht ein Wunder geschieht, wird uns dies eines Tages um die Ohren fliegen.

Wie legen Sie Ihr Geld an?

Ich verbrauche es (lacht). Nun, ich habe ja auch fünf Kinder. Immobilien-Engagements habe ich keine mehr. Ich bin sehr breit gestreut, auch in Aktien, wobei ich keine Anlageklasse besonders bevorzuge. In den nächsten Jahren steht generell eher der Kapitalerhalt im Vordergrund.

Eine Frage, die bei Ihrem Nachnamen kommen muss: Investieren Sie in Gold?

Gold habe ich schon lange alles verkauft. Gold ist sicher ein Wertaufbewahrungsmittel und gut im Krisenfall. Aber es ist ein Trugschluss, zu glauben, dass man mit einer bestimmten Anlageklasse todsicher durch eine Krise kommt.

Die wichtigsten Tipps für Anleger?

Sie müssen vor dem Investieren einen Plan haben. Der sollte auch schriftlich verfügbar sein. Darin soll stehen: Was passiert, wenn es nicht so geht, wie ich will? Wann realisiere ich frühestens die ersten Gewinne? Die Anleger sollten an den Finanzmärkten, wenn alles gut zu gehen scheint, auch nicht zu stark den eigenen Fähigkeiten und Kompetenzen vertrauen. Das führt zu Nachlässigkeit.

Der Deutsche Joachim Goldberg (58) arbeitete nach einer Banklehre 25 Jahre bei der Deutschen Bank. In den 90er-Jahren begann er sich mit «Behavioral Finance» (verhaltens­orientierte Finanzmarkttheorie) zu beschäftigen und schrieb Bücher wie etwa «Genial einfach entscheiden» (2013).