Blumes «Zukunftsplan» mache den Konzern bis 2030 «schneller, robuster und wettbewerbsfähiger: durch weniger Komplexität, fokussierte Technologien, eine noch stärkere Ausrichtung von Produkten, Entwicklung und Produktion in den regionalen Märkten, den Abbau von Überkapazitäten, ein gestrafftes Beteiligungsportfolio und deutlich schlankere Strukturen», erklärte Blume am Donnerstagabend nach einer Sitzung des Aufsichtsrats, dem er die Pläne vorgestellt hatte. Wie er das erreichen will, blieb offen - Beschlüsse gab es offenbar nicht. Darüber soll erst nach der Sommerpause im Gremium gesprochen werden.
Kurz nach Blumes Ankündigung kommt sofort Gegenwind vom Land Niedersachsen, das 20 Prozent der Anteile an dem Autobauer hält. Ministerpräsident Olaf Lies (SPD) erteilte etwaigen Schliessungsplänen der VW-Führung eine Absage. «Werksschliessungen sind keine Zukunftsstrategie für Volkswagen», teilte Lies nach der Aufsichtsratssitzung mit. Entscheidend sei, dass der Konzern wieder mit wettbewerbsfähigen, innovativen Produkten überzeuge und vorhandene Synergien konsequent nutze. Die Struktur der Kernmarke sei unzertrennbar mit der gemeinsamen Erfolgsgeschichte von VW und dem Land verbunden und werde nicht infrage gestellt.
Eine tragfähige Lösung könne nur mit den Beschäftigten gelingen, so Lies. Zwar befänden sich Volkswagen und die Automobilindustrie in einer kritischen Gesamtlage, doch sei es wichtig, dass sich Blume noch einmal öffentlich zum Standort Deutschland bekannt habe. «Es ist weiterhin Aufgabe des Vorstands, mögliche Konzepte im Detail weiter auszuarbeiten», betonte Lies.
Der Konzernbetriebsrat forderte Blume zudem ultimativ dazu auf, schon am Freitag der Belegschaft gegenüber Stellung zu beziehen und sich zu den Kürzungsplänen zu äussern. «Es ist unverantwortlich, die Belegschaft im Unklaren zu lassen und so in den Urlaub zu schicken», sagte Betriebsratschefin Daniela Cavallo, die auch dem Aufsichtsrat angehört. «Werksschliessungen sind mit uns nicht zu machen! Stellenabbau nur auf freiwilliger Basis, sozialverträglich!» erklärte der Betriebsrat. IG-Metall-Verhandlungsführer Thorsten Gröger nannte die Kommunikation des Vorstands ein «absolutes Desaster». «Ganze Regionen werden in Angst und Schrecken versetzt.»
Entscheidende Fragen seien offen geblieben, sagte Ferdinand Dudenhöffer, Direktor des «Center Automotive Research» in Bochum. «Kein Wort zu Werken, kein Wort zur Beschäftigung. Man könnte auch sagen, die Unsicherheit bleibt – was wenig gut ist für Kunden, Mitarbeiter und Kapitalgeber.»
Die Äusserungen des Vorstands lassen darauf schliessen, dass Werksschliessungen und Stellenstreichungen Teil von Blumes Plan sind. Volkswagen richte sich darauf ein, künftig nur noch neun Millionen Fahrzeuge im Jahr zu bauen, hiess es in der Mitteilung - vor der Corona-Pandemie waren es noch zwölf Millionen, in den vergangenen zwei Jahren sei die Kapazität bereits um zwei Millionen reduziert worden.
Die «Bild»-Zeitung zitierte aus einer Vorlage für den Aufsichtsrat, wonach der VW-Vorstand weitere 55'000 bis 70.000 Stellen streichen wolle - zusätzlich zu dem bereits vereinbarten Abbau von 50'000 Arbeitsplätzen. Weltweit beschäftigt Volkswagen mehr als 650.000 Menschen. In vier deutschen Werken in Zwickau, Emden, Hannover (Nutzfahrzeuge) und Neckarsulm (Audi) könnte zwischen 2031 und 2035 die Produktion auslaufen, wie «Bild» und das Magazin «Der Spiegel» berichteten. In diesen vier Fabriken arbeiten 40'000 Menschen. Blume wolle dort angesiedelte Modelle künftig in Osteuropa bauen. Für die deutschen Standorte würden andere Zwecke gesucht, etwa ein Verkauf an Rüstungsunternehmen oder die Fertigung von in China entwickelten Autos. Letzteres gilt Insidern zufolge vor allem für Zwickau als Option.
«Kostensenkungen aus den vereinbarten Programmen reichen nicht»
Die neuen Zollschranken der USA, der Absatzeinbruch in China und die wachsende Konkurrenz chinesischer Autobauer in Europa hatten VW tiefer in die Krise manövriert. «Trotz der erzielten Fortschritte reichen im aktuellen wirtschaftlichen und geopolitischen Umfeld die bislang geplanten Kostensenkungen aus den vereinbarten Programmen nicht aus», sagte Finanzvorstand Arno Antlitz.
Nun gehe es an die Strukturen: «Dazu gehört, die Kostenstruktur unserer Fahrzeuge zu verbessern, ohne die Produktsubstanz zu beeinträchtigen, die Gemeinkosten deutlich abzusenken, die Effizienz unserer Werke zu steigern sowie Technologieentwicklung und Entscheidungsfindung zu beschleunigen.»
Unter anderem soll die Modellpalette um bis zu 50 Prozent ausgedünnt werden, die Zahl der Varianten soll sogar um drei Viertel gesenkt werden. «Diese Handlungsbedarfe werden in dem vorgelegten Zukunftsplan adressiert», so Antlitz. Es komme auf eine rasche und konsequente Umsetzung an.
Cavallo und die IG-Metall-Vorsitzende Christiane Benner hatten die durchgesickerten Pläne vor der Sitzung schon als untauglich kritisiert. «Diese Massnahmen helfen überhaupt nicht, um diesen Konzern nach vorne zu bringen», sagte Cavallo auf einer Kundgebung auf dem Werksgelände. «Wir verschliessen nicht die Augen, wir leben nicht auf dem Baum (...) aber wir, die Belegschaft, haben diese Krise nicht verursacht. Der Vorstand muss seine Hausaufgaben machen, und die Politik auch», sagte Cavallo.
Die Arbeitnehmer seien bereit, ihren Beitrag dazu zu leisten, betonte Cavallo. Dass sie kompromissbereit seien, hätten schon die Sparverhandlungen 2024 gezeigt. Damals hatte VW den Abbau von 35.000 Arbeitsplätzen in Deutschland und das Ende der Autofertigung in Osnabrück und Dresden beschlossen.
Blume steht zwar unter dem Druck der Familien Porsche und Piech, deren Holding Porsche SE Milliarden auf ihre VW-Beteiligung abschreiben musste. Im Aufsichtsrat herrscht nach dem Rückzug der ehemaligen Rüstungsmanagerin Susanne Wiegand aber ein Patt. Zusammen mit dem Land Niedersachsen haben die Arbeitnehmervertreter sogar eine Mehrheit. Niedersachsens Ministerpräsident Lies betonte in diesem Zusammenhang, dass die Mitbestimmung bei VW «ein bewährter Erfolgsfaktor» bleibe.
(Reuters)

