Kuba steckt in einer der schlimmsten Krisen seiner jüngeren Geschichte. Die von den USA verhängte Ölblockade und verschärfte Sanktionen haben der chronischen Mangelwirtschaft einen neuen Schlag verpasst: Stromausfälle dauern nun oft tagelang, Lebensmittel und Medikamente ‌sind knapper ⁠denn je. Die Lage ist für viele Kubaner noch verzweifelter als im Sommer 2021. Damals gingen Tausende im ganzen Land auf die Strasse ⁠und riefen «Patria y Vida» – «Heimat und Leben». Es war die grösste Protestwelle seit Jahrzehnten. Doch heute, fast fünf Jahre später, bleibt eine ähnliche Eruption der Wut aus. Der Grund ‌dafür ist eine Mischung aus Angst, Resignation und der Frage nach der Verantwortung für die Misere.

Die ‌Erinnerung an die brutale Niederschlagung der damaligen Proteste ist der wichtigste Faktor, ​der die Menschen von der Strasse fernhält. «Ich kann Ihnen versichern, die Leute werden nicht protestieren, weil sie Angst haben», sagt Brian Jimenez, ein Bäcker aus San Antonio de los Baños, wo die Proteste 2021 begannen. Er berichtet, wie damals zunächst die Polizei zurückhaltend agierte - dann aber die gefürchteten «Schwarzbaretten» kamen, eine Spezialeinheit des Innenministeriums. «Sie gingen brutal gegen die Leute vor», sagt der 26-Jährige, der selbst geschlagen und tagelang festgehalten wurde. «Viele meiner Freunde ‌sind immer noch im Gefängnis.» Diese Erfahrung habe ein Exempel statuiert, das bis heute nachwirke.

Die Repression endete nicht mit der Auflösung der Demonstrationen. Westliche Regierungen und Menschenrechtsgruppen schätzen, dass seitdem zwischen 1000 und 1500 Menschen im Zusammenhang mit den Protesten inhaftiert wurden. Viele von ihnen müssen lange Haftstrafen absitzen. ​Die kubanische Regierung bezeichnet die Inhaftierten als Kriminelle, die wegen öffentlicher Ruhestörung, Vandalismus oder Raubes verurteilt worden seien. Sie ​wirft den USA vor, die Unruhen finanziert zu haben, um die Regierung zu stürzen.

«Sie gehen gegen dich oder deine Familie vor»

Für viele hat die Teilnahme an den Protesten zudem langfristige soziale und wirtschaftliche Folgen. «Wenn du protestierst, findest du keine Arbeit», erklärt ‌der Soziologiestudent Robert Perez. «Sie gehen gegen dich oder deine Familie vor.»

Doch nicht alle Kubaner geben der Regierung in Havanna die Schuld. Insbesondere die ältere Generation, die die Revolution noch miterlebt hat, sieht den Hauptverursacher der Krise in Washington. «Was die USA machen, ist ein Völkermord», sagt die 82-jährige Nieves Fuentes Osoria. ​Sie meint ​damit das seit Jahrzehnten bestehende US-Embargo. Sie ist überzeugt, dass die Kubaner ⁠im Angesicht der Gefahr zusammenhalten werden - so wie bei der Schweinebucht-Invasion von 1961, als ​die Streitkräfte eine von den USA ⁠finanzierte Invasion von Exilkubanern zurückschlugen. «Wenn wir in Gefahr sind, machen wir das», sagt sie und ballt beide Hände zu Fäusten.

Zu der Angst vor ‌dem Staat und der Wut auf die USA gesellt sich ein tiefes Gefühl der Machtlosigkeit. Viele Kubaner haben den Eindruck, dass die Proteste nichts bewirkt haben, ausser Leid für die Teilnehmer und ihre Familien zu bringen. «Was haben sie erreicht? Nichts», ‌sagt die 73-jährige Deisy Garcia. «Sie haben einen Aufstand gemacht, alles aufgewühlt, und das Leben geht weiter wie bisher.»

Diese ​Resignation zeigt sich im Alltag. Trotz der Not herrscht geschäftiges Treiben. Friseure schneiden Haare mit Akkurasierern. Holzkohle ist gefragt, weil es an Kochgas mangelt. «Du weisst, wenn du zu einem Protest gehst, können sie dich für 15 bis 20 Jahre ins Gefängnis stecken», sagt der Holzkohleverkäufer Ariel Anillo. «Dann ist die Situation ‌noch schlimmer, und deine Familie leidet.»

(Reuters)