Zwischenbilanz Schweizer Aktien - Ein Börsenauftakt für Hartgesottene

Januar und Februar haben gezeigt, dass die Kurse bei den besten und schlechtesten Schweizer Aktien weit auseinander gehen können. cash nimmt die auffälligsten Titel genauer unter die Lupe und wagt einen Blick nach vorne.
27.02.2017 23:05
Von Lorenz Burkhalter
Richemont muss beweisen, dass der Kursanstieg verdient ist: Cartier-Geschäft in Hongkong.
Richemont muss beweisen, dass der Kursanstieg verdient ist: Cartier-Geschäft in Hongkong.
Bild: cash

Zumindest auf den ersten Blick konnten Anleger am Schweizer Aktienmarkt in den vergangenen zwei Monaten nicht viel falsch machen: Der Swiss Market Index (SMI) liegt 3,6 Prozent über dem Stand von Ende Dezember, der breiter gefasste Swiss Performance Index (SPI) bringt es nach der Aufholjagd der letzten Tage sogar auf ein Plus von etwas über 4 Prozent.

Allerdings lagen längst nicht alle Aktien in der Gunst der Anleger. Gefragt waren vor allem zuvor in der Kursentwicklung zurückgebliebene Einzeltitel sowie einige Spezialsituationen. Die riesige Spannweite zwischen den Gewinnern und Verlierern lässt sich auch mit der von Licht und Schatten geprägten Unternehmensberichterstattung für das vergangene Jahr erklären. Nur einige wenige Unternehmen konnten mit ihren Zahlenkränzen überzeugen, die jedoch so richtig.

Bei den 20 im Swiss Market Index (SMI) vertretenen Unternehmen geht die Gold-Medaille an Actelion (siehe Tabelle weiter unten). Nach langem Hin und Her wurden sich der Pharmahersteller aus Allschwil und der US-Mischkonzern Johnson & Johnson in der zweiten Januar-Hälfte doch noch einig. Neben 280 Franken je Titel in bar erhalten die Actelion-Aktionäre auch noch Aktien der in eine eigenständige Gesellschaft eingebrachten Forschungs- und Entwicklungsaktivitäten.

Sondersituationen Actelion und Syngenta

Aus heutiger Sicht lautet die Frage nicht ob, sondern wann die Aktionäre ihr Geld erhalten und Actelion aus dem SMI ausscheiden wird. Und obwohl die Aktie noch immer mit einem Abschlag von knapp 5 Prozent zum rechnerischen Barangebot gehandelt wird, ergibt sich seit Jahresbeginn ein stolzes Kursplus von 22 Prozent.

Die Barofferte sichert der Actelion-Aktie den Podestplatz beim SMI (Quelle: www.cash.ch)

Ebenfalls Boden gutmachen konnte die Aktie von Syngenta. Die knapp 10 Prozent unter dem Barangebot liegenden Kursnotierungen zeugen von einer gewissen Skepsis, was den Verkauf des Basler Saatgutherstellers nach China anbetrifft. Mit einer Avance von 6,4 Prozent seit Anfang Januar ist Syngenta bei den Vertretern aus dem SMI nur im vorderen Ranglisten-Drittel zu finden. Die Verantwortlichen von Syngenta und ChemChina bleiben zuversichtlich, die Transaktion noch vor Mitte Jahr zum Abschluss zu bringen.

Die Silbermedaille geht an Richemont. Anfang Januar erwischte der  traditionsreiche Luxusgüterkonzern aus Genf die Leerverkäufer mit starken Umsatzzahlen für das Weihnachtsquartal auf dem falschen Fuss. Innerhalb weniger Tage zog der Aktienkurs um 11 Prozent an. Seither entwickelt dieser sich seitwärts.

Dividendenhoffnungen beflügeln Swiss Life

Wenn Richemont am 12. Mai das Jahresergebnis vorlegt, muss das Unternehmen den Beweis antreten, dass die Umsatz- und Gewinnentwicklung die Talsohle im vergangenen Quartal auch wirklich durchschritten hat. Mit einem Kursplus von 8,1 Prozent ist der rivalisierende Uhrenhersteller Swatch Group auf dem undankbaren vierten Platz zu finden.

Die Bronzemedaille streitig macht dem Unternehmen der Lebensversicherungskonzern Swiss Life. Noch hat auch dieser sein Jahresergebnis nicht vorgelegt. Der Zahlenkranz steht am kommenden Freitag zur Veröffentlichung an. Viele Analysten rechnen mit einem soliden Schlussquartal und einer kräftigen Dividendenerhöhung, was den seit Jahresbeginn um 9 Prozent höheren Aktienkurs erklärt.

Insgesamt weisen fünf der 20 SMI-Titel im bisherigen Jahresverlauf eine negative Zwischenbilanz auf. Mit einem Minus von 6 Prozent bildet Swiss Re das Schlusslicht. Erst vergangene Woche sorgte der Rückversicherungskonzern mit seinem Jahresergebnis für enttäuschte Gesichter. Aufgrund von Nachreservierungen und Derivatverlusten verfehlte er die Markterwartungen sowohl beim Vorsteuergewinn als auch beim Reingewinn.

Der Plan, die Aktionäre mit einer grosszügigeren Jahresdividende und einem weiteren Aktienrückkaufprogramm milde zu stimmen, ging rückblickend nicht auf. Das überrascht, winkt Anlegern für 2016 doch eine geradezu traumhafte Gesamtrendite von 8 Prozent.

UBS offenbart Schwächen im Kerngeschäft

Ebenfalls für Ergebnisenttäuschungen abgestraft wurden UBS und Givaudan. Während der Genfer Aromen- und Riechstoffhersteller überraschend einen Margenrückgang hinnehmen musste, steckte der Teufel bei der Schweizer Grossbank für einmal im Detail: Ausgerechnet im Wealth Management, der Paradedisziplin der UBS, blieb die Gewinnentwicklung im vierten Quartal hinter den Erwartungen zurück. Die Aktie der UBS notiert um gut 3 Prozent, jene von Givaudan immerhin um 2,4 Prozent unter dem Stand von Ende Jahr. Auch Zurich Insurance Group und Swisscom weisen seit Anfang Jahr eine wenn auch nur leicht negative Kursentwicklung auf.

Im breiten Markt konnte sich in den vergangenen zwei Monaten insbesondere AMS in Szene setzen. Mit einem Kursplus von 59 Prozent führt er beim SPI die Gewinnerliste unangefochten an (zur SPI-Tabelle). Zwar waren weder das Ergebnis für das Schlussquartal noch der kurzfristige Ausblick ein Ruhmesblatt für den Sensorenhersteller. Punkten konnte er allerdings mit den Aussagen zum diesjährigen Umsatzbeitrag der im letzten Winter übernommenen amerikanischen Heptagon. Spekulative Käufe im Hinblick auf die Präsentation des neusten iPhone-Modells des Grosskunden Apple hätten der Aktie über die letzten Wochen ebenfalls geholfen, so Händler.

Gleich mehrere Biotechnologieaktien unter den Gewinnern

Aus demselben Wirtschaftszweig wie AMS kommt die zweitplatzierte Cicor Gruppe. Mitte Januar wartete der Westschweizer Halbleiterhersteller mit einem starken provisorischen Jahresumsatz und einem um 25 Prozent höheren Auftragseingang auf. Alleine am Tag der Zahlenveröffentlichung sprang die Aktie der Cicor Gruppe um 16 Prozent nach oben. Nach grösseren Verschiebungen im Aktionariat liegt der Börsenwert mittlerweile um gut 40 Prozent über dem Stand von Anfang Januar. Beobachter führen diese Kursavancen auch auf die geringe Handelbarkeit des Titels zurück.

Mit Santhera, Bachem und Addex Therapeutics waren gleich drei Vertreter aus der Pharma- und Biotechnologieindustrie unter den sieben stärksten Aktien zu finden. Zumindest im Fall von Santhera und Addex Therapeutics erwiesen sich produktseitige Fortschritte als treibende Kraft hinter der Kursavance.

Mit einem Minus von knapp 32 Prozent führt die Myriad Group die Verliererliste an. Erst am Freitag musste der Softwarehersteller für das vergangene Jahr einen Umsatzeinbruch einräumen. Dank wegfallenden Sonderkosten konnte der Verlust gegenüber dem Vorjahr eingedämmt werden. Auch der Benutzerrückgang beim Nachrichtendienst Versy kam an der Börse nicht gut an.

Aryzta schockiert mit einer weiteren Gewinnwarnung

Über den Kursrutsch freuen dürfte man sich bei Gotham City Research. Erst vor wenigen Jahren geriet die US-Investmentboutique hierzulande mit einer aggressiven Leerverkaufsempfehlung für die Myriad-Aktie in die Schlagzeilen. Lag der Kurs zu diesem Zeitpunkt noch bei über 5 Franken, ist er jüngst auf 1,65 Franken zusammengeschmolzen.

Jäher Absturz der Myriad-Aktie in den letzten Tagen (Quelle: www.cash.ch)

Mit hausgemachten Problemen hat auch der Backwarenhersteller Aryzta zu kämpfen. Eine genauso überraschende wie einschneidende Gewinnwarnung radierte in der zweiten Januar-Hälfte gut einen Viertel des Börsenwerts aus. Trotz einer Personalrochade an der Konzernspitze konnte die Aktie seither noch nicht wieder Tritt fassen. Das lässt sich damit erklären, dass sich das Unternehmen in den letzten Jahren mehr als einmal dazu gezwungen sah, die Erwartungen zu dämpfen. Auch die Refinanzierungsfrage ist noch nicht geklärt und die Bilanz im Zuge der aggressiven Akquisitionsstrategie vergangener Tage Goodwill-geschwängert.

Bei Evolva ging in den vergangenen Wochen gut die Hälfte des im Dezember beobachteten Kurssprungs verloren. Schuld waren Verzögerungen beim Stevia-Projekt EverSweet. Folglich mussten Analysten wie jene von Credit Suisse oder der Bank Vontobel beim kommerziellen Potenzial des Süssstoffs EverSweet mit dem Rotstift über ihre Bücher. Mit geschätzten Barmitteln von 47 Millionen Franken per Ende 2016 droht eventuell sogar eine für die bisherigen Aktionäre verwässernde Kapitalerhöhung.

Da das Börsenjahr 2017 erst zwei Monate alt ist, wird noch viel Wasser die Limmat hinabgehen. Grössere Veränderungen sind der Gewinner- und Verliererliste an der Schweizer Börse SIX deshalb so gut wie sicher.

Rangliste SMI seit Anfang 2017

Gewinner im SMI

Verlierer im SMI

Actelion

+22,4 Prozent

Swiss Re

-6,0 Prozent

Richemont

+11,2 Prozent

UBS

-3,1 Prozent

Swiss Life

+9,2 Prozent

Givaudan

-2,4 Prozent

Swatch Group

+8,1 Prozent

Zurich Ins.

-1,7 Prozent

Julius Bär

+7,5 Prozent

Swisscom

-1,4 Prozent

Syngenta

+6,4 Prozent

Nestlé

+2,0 Prozent

Adecco

+5,8 Prozent

SGS

+2,8 Prozent

Quelle: cash.ch (Stand 27. Februar 2017, 15 Uhr)

Rangliste SPI seit Anfang 2017

Gewinner im SPI

Verlierer im SPI

AMS

+59,0 Prozent

Myriad Group

-31,8 Prozent

Cicor

+40,5 Prozent

Aryzta

-28,7 Prozent

Santhera

+35,6 Prozent

Evolva

-21,9 Prozent

Villars

+34,1 Prozent

Leonteq

-20,9 Prozent

Bachem

+30,0 Prozent

Zwahlen

-12,1 Prozent

Addex

+28,8 Prozent

Molecular Part.

-9,9 Prozent

Metall Zug

+23,3 Prozent

Aevis

-8,7 Prozent

Quelle: cash.ch (Stand 27. Februar 2017, 15 Uhr)