Sadaf gehört zur Generation Z, die nicht nur die islamische Staatsideologie, sondern zunehmend auch den Islam selbst ablehnt. «Mit Chameneis Tod sterben hoffentlich auch diese überholten islamischen Sitten», sagt sie.
Ajatollah Ali Chamenei starb am Samstag nach einem israelischen Luftangriff in Teheran. Er war 1989 als Nachfolger des Revolutionsführers Ruhollah Chomeini zum Obersten Führer ernannt worden. Laut Verfassung war er damit Staatsoberhaupt, und er hatte das letzte Wort in allen strategischen Fragen. Für seine Anhänger war er eine heilige Figur, für seine Gegner ein Diktator. Mit dem Tod des 86-Jährigen endet eine Epoche, die auf islamischen Prinzipien beruhte.
Die Nachricht seines Todes war unter anderem von iranischen Exilmedien verbreitet worden, die im Iran über Satellit empfangen werden können. Bewohner der iranischen Hauptstadt berichteten von Menschen, die vor Freude aus ihren Fenstern schrien. Auf den Strassen waren Hupkonzerte zu hören.
Die Staatsmedien bestätigten den Tod des Religionsführers erst Stunden, nachdem Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu und US-Präsident Donald Trump ihn für tot erklärt hatten. Er sei als «Märtyrer» getötet worden, hiess es.
Für den Bankangestellten Ramin ist es dagegen «der Beginn vom Ende dieses Regimes und all unserer Leiden», wie er sagt. Fürchtet er nicht eine ungewisse Zukunft? «Nein, dunkler als Schwarz kann es ja nicht werden.»
Doch nicht alle teilen die Euphorie. Staatsmedien verbreiten Aufnahmen, die Menschenmengen beim Trauern um Chamenei zeigen sollen. Auch auf Fotos sind Trauernde zu sehen. Und es gibt staatlich organisierte Trauerfeiern wie beispielsweise an der Universität in Teheran. Landesweite Feierlichkeiten werden bis zur Beisetzung und - wie es im Islam Brauch ist - bis zum 40. Tag nach dem Tod andauern.
Zu den Skeptikern gehört der Immobilienmakler Behsad. Er befürchtet, dass eine Militärdiktatur die theokratische Herrschaft - eine Staatsform, in der religiöse Autoritäten politische Macht ausüben - ablösen könnte. «Hinter dem alten Mann standen die Revolutionsgarden, und sie werden jetzt das Ruder übernehmen», sagt der 43-Jährige. Ob das besser sei als das bisherige System, sei völlig offen. Schon jetzt habe er zwei lukrative Immobiliengeschäfte wegen der unsicheren Lage verloren.
Vor allem unter älteren Menschen wächst auch die Angst. «Im Irak und in Libyen ist es nach dem Machtwechsel auch nicht besser geworden», sagt der Rentner Homajun. Bereits jetzt funktioniere das Bankensystem nur eingeschränkt, die Kommunikation sei gestört, das Internet abgeschaltet, viele Geschäfte blieben geschlossen. «Es ist schon jetzt chaotisch, und es wird schlimmer, jetzt, wo der Chef weg ist», sagt er.
Die Langzeitmachthaber Saddam Hussein im Irak und Muammar al-Gaddafi in Libyen waren 2003 beziehungsweise 2011 gestürzt worden. Beide Länder versanken danach in Chaos und Gewalt.
Viele Iraner setzen ihre Hoffnung auf eine Rückkehr der Pahlavi-Monarchie, die 1979 durch die Islamische Revolution gestürzt wurde. «Das ist der letzte Kampf, Pahlavi wird zurückkehren», lautete eine der zentralen Parolen während der jüngsten Proteste. Der Sohn des damals gestürzten Schahs, Reza Pahlavi, hat sich bereits als möglicher Interimsführer ins Gespräch gebracht.
Kritik aus intellektuellen Kreisen an dieser Option hält ein iranischer Universitätsprofessor im kanadischen Exil für zweitrangig. «Wenn man am Ertrinken ist und eine Hand gereicht bekommt, achtet man nicht darauf, ob die Fingernägel gepflegt sind oder nicht - man greift zu», sagt er. Nach einem Sturz des «Regimes» werde das iranische Volk genügend Zeit haben, über ein künftiges politisches System zu entscheiden.
(AWP)
