Die Treibstoffkrise in Russland im Zuge ukrainischer Drohnenangriffe auf Ölraffinerien und Tanklager schürt wachsende Unruhe in der Bevölkerung. So wächst in den landwirtschaftlich geprägten Regionen unter den Bauern ‌die Sorge um ⁠die Ernte. Mit den Angriffen auf die russische Energieinfrastruktur, teils tief in Russland, versucht die Ukraine, die Regierung in Moskau zu Friedensverhandlungen zu bewegen. Die Schäden haben zu ⁠einer starken Verknappung von Kraftstoffen in dem ölreichen Land geführt, auch in von der Ukraine weit entfernten Gebieten wie Sibirien. Dies beeinträchtigt in den meisten Regionen zunehmend den Alltag.

Autofahrer in Russland nutzen inzwischen ‌digitale Karten und tauschen im Internet Tipps aus, an welchen Tankstellen es noch Benzin gibt und wo die Schlangen ‌am kürzesten sind. Der Mangel strapaziert die Nerven: In den sozialen Medien kursieren Videos, die ​Handgreiflichkeiten zwischen wartenden Autofahrern zeigen. In einem Video mit dem Titel «Der ultimative Luxus 2026» giesst ein Mann langsam Benzin aus einem Kanister in seinen Rasenmäher und scherzt: «Was für ein Luxus. Wer kann sich das jetzt noch leisten?» Dem Portal «iPhones.ru» zufolge stiegen die Online-Suchanfragen nach Anleitungen zum Absaugen von Kraftstoff bei der russischen Suchmaschine Yandex bis zum 21. Juni auf mehr als 9300. Einen Monat zuvor waren es lediglich 697 Suchanfragen.

Mit dem Mähdrescher zur Tankstelle

Russland greift seit Beginn seiner grossangelegten Invasion im Februar 2022, ‌die Moskau als «militärische Spezialoperation» bezeichnet, immer wieder die ukrainische Energieinfrastruktur an. Dadurch mussten viele Ukrainer im Winter ohne Strom und Heizung auskommen. Dass die ukrainischen Gegenangriffe nun spürbare Auswirkungen in Russland zeigen, ist für die Führung in Moskau unangenehm. Sie hatte die Engpässe anfangs als lokale Verteilungsprobleme abgetan. Mittlerweile ist sie sogar gezwungen, Treibstoff zu importieren.

In den sozialen Netzwerken ​berichten Landwirte aus der fruchtbaren Schwarzerde-Region in Zentralrussland, dass sie sich den Treibstoff für die Ernte kaum noch leisten können. Ein anderer ​Beitrag beschreibt einen Bauern, der mit seinem Mähdrescher an eine herkömmliche Tankstelle fahren musste, weil ihm verboten ​worden war, Treibstoff in Kanister abzufüllen. Die Nachrichtenagentur Reuters konnte diese Berichte nicht unabhängig überprüfen.

Präsident Wladimir Putin hat Probleme eingeräumt und Massnahmen zur Stabilisierung des Marktes versprochen. Es sei besonders wichtig, die Treibstoffversorgung des Agrarsektors aufrechtzuerhalten, «weil ‌die Ernte davon abhängt», sagte Putin. Der für Energiefragen zuständige stellvertretende Ministerpräsident Alexander Nowak erklärte am Mittwoch, dass an einer Lösung gearbeitet werde. Nach exklusiven Informationen der Nachrichtenagentur Reuters hat Russland mit dem Import von Benzin auf dem Seeweg aus Indien begonnen. Zudem hat sich Kasachstan bereiterklärt, im Juli und August insgesamt 50'000 Tonnen Kraftstoff an Russland zu liefern.

Sorge vor steigenden Lebensmittelpreisen

Noch vor der Verschärfung der Engpässe im vergangenen Monat beurteilten die Menschen in ⁠Russland laut einer in dieser Woche veröffentlichten Umfrage die wirtschaftliche Lage so pessimistisch wie seit 20 Jahren ​nicht mehr. In einigen Gebieten wird die ⁠Grundversorgung eingeschränkt. In der Region Transbaikalien, die an China und die Mongolei grenzt, strichen die Behörden wegen des Treibstoffmangels bereits einige Busverbindungen. Ein Entsorgungsunternehmen stellte die Müllabfuhr in vier ‌Bezirken ein.

«Viel beängstigender ist, was die Lebensmittel kosten werden. Alles wird auf der Strasse transportiert», schrieb ein Nutzer in einem Kommentar zu einem Bericht über die Kürzungen auf der Website des regionalen Nachrichtenportals «Chita.ru». Mehr als 100 Personen reagierten auf den Beitrag mit einem «Gefällt mir».

Auch auf der annektierten ‌Schwarzmeer-Halbinsel Krim führten die ukrainischen Angriffe zu einer Spritkrise und das zu Beginn der Sommerurlaubszeit. Die Behörden schlossen Ferienlager und setzten den ​Tourismus bis zum 1. September aus. Die Spritabgabe wurde eingeschränkt und Behörden dabei priorisiert.

Sollten die Angriffe anhalten und der Treibstoffmangel fortbestehen, könnte dies die Unterstützung in der Bevölkerung für den Krieg schwächen. Tatjana Sedych, die an einer Tankstelle in der südrussischen Stadt Rostow am Don wartete, sagte der Nachrichtenagentur Reuters, sie sei froh, ein Diesel-Fahrzeug zu besitzen. «Die Schlange für Benzin ist ‌einfach der Wahnsinn», erklärte sie. «Langsam glaube ich, dass ​ich zu Fuss zur Arbeit gehen sollte.»

(Reuters)