Ökonomen schöpfen mit den Zahlen Hoffnung für die schwächelnde deutsche Wirtschaft. Vorsichtig optimistisch ist auch der Aussenhandelsverband BGA. «Die Welt kauft weiterhin deutsche Produkte», sagte Präsident Dirk Jandura. «Doch der Welthandel wird volatiler, politischer und härter umkämpft.»

Die meisten deutschen Exporte gingen im Mai erneut in die USA. Dorthin wurden Waren im Wert von 14,1 Milliarden Euro exportiert, fast ein Viertel (23,1 Prozent) mehr als im April. Gemessen am Vorjahresmonat waren die Exporte gut 15 Prozent höher.

«Guter Monat für die deutsche Wirtschaft»

«Für die deutsche Wirtschaft war der Mai ein guter Monat», sagte Thomas Gitzel, Chefvolkswirt der Liechtensteiner VP Bank. «Die vielerorts befürchtete wirtschaftliche Delle im zweiten Quartal dürfte ausbleiben.» Nach einem leichten Wachstum zu Jahresbeginn dürfte die deutsche Wirtschaft auch im zweiten Quartal etwas zulegen, meint Gitzel mit Blick auch auf jüngste gute Daten zur Industrieproduktion.

Die üppigen Exportzuwächse in die USA sollten aber nicht als Trendwende im transatlantischen Handel verstanden werden. «Die Handelshemmnisse haben sich mit den Trump'schen Zöllen erhöht, gleichzeitig verlagern viele Unternehmen ihre Produktion direkt in die USA.» Damit werde das Exportvolumen über den Atlantik nachhaltig geringer sein.

Europa-Geschäft schwächelt

Im Mai wuchsen nicht nur die Exporte in die USA, sondern auch nach China - und zwar um 7,1 Prozent gegenüber April auf 6,2 Milliarden Euro. Die Ausfuhren nach Grossbritannien nahmen leicht auf 6,7 Milliarden Euro zu. Dagegen schrumpfte das wichtige Europa-Geschäft: In die EU-Staaten wurden im Mai Waren im Wert von 78,3 Milliarden Euro exportiert, 1,1 Prozent weniger als im April.

Von einer Trendwende bei den deutschen Exporten könne noch keine Rede sein, meint BGA-Präsident Jandura. Der Anstieg der Exporte zeige zwar, dass deutsche Unternehmen auf den Weltmärkten wettbewerbsfähig seien. Die Impulse kämen derzeit aber vor allem aus Drittstaaten, besonders aus den USA mit Nachholeffekten nach mehreren schwachen Monaten.

Exportüberschuss wächst deutlich

Den insgesamt gestiegenen deutschen Exporten standen Importe im Wert von 118,8 Milliarden Euro im Mai gegenüber. Zum Vormonat April sanken sie um 2,5 Prozent, während sie im Jahresvergleich um 6,9 Prozent wuchsen.

Die meisten Importe kamen erneut aus China: Von dort wurden Waren im Wert von 15,1 Milliarden Euro nach Deutschland eingeführt, zwei Prozent mehr als im April. Die Importe aus den USA stiegen um 11,5 Prozent auf 9,5 Milliarden Euro.

In der deutschen Aussenhandelsbilanz stand damit insgesamt unterm Strich ein Überschuss von 19,1 Milliarden Euro, deutlich mehr als im April (14,7 Mrd. Euro).

Risiko Iran-Krieg

Als Bedrohung für die deutschen Exporteure könnte sich der wieder aufgeflammte Iran-Krieg erweisen, wo die Zeichen zunächst auf Deeskalation standen. US-Präsident Donald Trump hatte am Mittwoch nach Angriffen auf Schiffe in der Strasse von Hormus den vorläufigen Waffenstillstand für nichtig erklärt und erneut Ziele im Iran angreifen lassen. Der Iran reagierte mit Attacken auf Kuwait und Bahrain, in der Folge zogen die Ölpreise zeitweise an. Höhere Transportkosten treffen die Exportnation Deutschland besonders, die ohnehin schwierige Zeiten mit Konkurrenz aus China und Zöllen aus den USA erlebt.

Der Iran-Krieg bremst die deutsche Wirtschaft, die 2025 nur knapp am dritten Jahr ohne Wachstum vorbeigeschrammt war. Der Sachverständigenrat («Wirtschaftsweise») erwartet nur ein Mini-Wachstum von 0,5 Prozent in diesem Jahr, der Internationale Währungsfonds ist mit 0,7 Prozent nur wenig optimistischer. Gestiegene Energiepreise und eine erhöhte Inflation verunsichern Verbraucher, höhere Spritpreise treiben die Kosten für Pendler und Unternehmen in die Höhe.

Auch angesichts der geopolitischen Krisen müsse der Standort Deutschland wettbewerbsfähiger werden, forderte der BGA, der dieses Jahr leichte Exportzuwächse erwartet. «Wer international erfolgreich exportieren will, muss auch international wettbewerbsfähig produzieren können», sagte Präsident Jandura. Teure Energie, lange Genehmigungsverfahren, überbordende Regulierung und eine schleppende Digitalisierung wirkten wie eine Exportbremse - «lange bevor ein Produkt überhaupt die Grenze überschreitet»./als/DP/stk

(AWP)