Nach Ablauf ihres Übernahmeangebots sicherte sich die Unicredit nach eigenen Angaben mehr als 44 Prozent der Anteile an der Commerzbank. Die Offerte wurde demnach bis Frist-Ende am 3. Juli für 17,6 Prozent der Commerzbank-Papiere angenommen. Zusammen mit den 26,77 Prozent, die die Unicredit schon zuvor hielt, steigt der Anteil damit rechnerisch auf 44,37 Prozent.
Das ist deutlich mehr als anfangs erwartet. Zudem haben die Italiener über Kaufoptionen Zugriff auf weitere 3,22 Prozent der Commerzbank-Aktien und könnten so auf 47,59 Prozent aufstocken. Die Unicredit sprach von einem «weiteren Schritt bei der Umsetzung der strategischen Investition in die Commerzbank». Für einen Vollzug des Aktientauschs stehen aber noch behördliche Genehmigungen aus.
Commerzbank offen für Gespräche
Die Commerzbank zeigte sich offen für einen konstruktiven Dialog in dem Übernahmekampf, der mit immer härteren Bandagen geführt wird: «Nur mit einer einvernehmlichen Lösung unter Einbindung der Unternehmensführung, der Arbeitnehmer und ihrer Vertreter sowie der Bundesregierung als zweitgrösstem Aktionär ist es aus Sicht der Commerzbank realistisch, Synergien aus einem Zusammenschluss in einem angemessenen Umfang und Zeitrahmen zu erreichen.»
Die Unicredit, die im September 2024 bei der Commerzbank eingestiegen war, hatte im Mai ein Angebot für den Dax-Konzern vorgelegt. Sie bot 0,485 eigene Aktien je Commerzbank-Papier. Damit vermied Unicredit-Chef Orcel ein Pflichtangebot, was beim Überschreiten der Schwelle von 30 Prozent gesetzlich vorgeschrieben ist und teurer geworden wäre.
Umgerechnet lag die Offerte der Unicredit lange unter dem Kurs der Commerzbank-Aktie. Zuletzt wurde das Angebot der Italiener aber mit dem deutlich gestiegenen Kurs der Unicredit attraktiver.
Zweifel an Unicredit-Angaben
Die Commerzbank lehnt eine feindliche Übernahme ab und erhält Unterstützung vom Bund. «Das aggressive und feindliche Vorgehen der Unicredit bleibt aus Sicht der Bundesregierung inakzeptabel», sagte ein Sprecher des Finanzministeriums. Der Bund werde seinen Aktienanteil von rund 12 Prozent nicht verkaufen.
Zugleich erneute die Commerzbank Zweifel an der hohen Zustimmung zu dem Übernahmeangebot. Nach eigenen Informationen belaufe sich die Summe der von Profi- und Privatanlegern angedienten Aktien auf weniger als zwei Prozent, schrieb sie. «Die angedienten Aktien stammen überwiegend von mit der Unicredit verbundenen Banken und Parteien.» Es sei weiter nicht transparent, «in welchem Umfang geliehene Aktien angedient und welche Absicherungsvereinbarungen in diesem Kontext getroffen wurden».
Noch Hürden bis zu einer Übernahme
Mit dem höheren Anteil der Unicredit wird eine Übernahme der 156 Jahre alten Commerzbank wahrscheinlicher. Die Unicredit kann an der Börse weitere Aktien kaufen, steht dabei aber unter Beobachtung der Finanzaufsicht. Damit eine Übernahme kommt, müssten aber nicht nur mehr Commerzbank-Aktionäre ihre Anteile verkaufen, sondern auch die Aufsichtsbehörden zustimmen, allen voran die Bankenaufsicht der Europäischen Zentralbank (EZB) sowie die Wettbewerbshüter der EU-Kommission.
Dennoch ist der Druck auf die Commerzbank nochmals gestiegen. Hessens Ministerpräsident Boris Rhein (CDU) appellierte an Commerzbank und Unicredit, sich an einen Tisch zu setzen. «Jetzt geht es darum, einen gemeinsamen Weg zu suchen und einen konstruktiven Dialog auf höchster Management-Ebene zu führen.» Der Finanzplatz Frankfurt und die Commerzbank als wichtiger Mittelstandsfinanzierer dürften nicht geschwächt werden.
Kahlschlag befürchtet
Unicredit-Chef Orcel will mit einer Übernahme der 1870 gegründeten Commerzbank eine europäische Grossbank schmieden, auch als Gegengewicht zu den US-Häusern. Er sieht Potenzial für Milliardeneinsparungen inklusive des Abbaus von 7.000 Stellen bei der Commerzbank und will deren Auslandsnetz ausdünnen. Mit der Hypovereinsbank (HVB) ist die Unicredit bereits in Deutschland aktiv. Die Arbeitnehmervertreter der Commerzbank fürchten einen Kahlschlag. Allerdings baut auch die Commerzbank Tausende Stellen ab, um profitabler zu werden.
Was macht die Unicredit mit ihrer Macht?
Mit ihrem Anteil hätte die Unicredit nach Umsetzung des Übernahmeangebots wahrscheinlich eine Mehrheit auf der Hauptversammlung der Commerzbank, weil üblicherweise nicht alle Anteilseigner erscheinen. Die Unicredit könnte sogar 49,65 Prozent der Stimmrechte ausüben, weil die eigenen Aktien der Commerzbank nicht stimmberechtigt sind. Beim Aktionärstreffen im Frühjahr 2027 werden acht Aufsichtsräte neu gewählt. Erst zuletzt hatte die Unicredit mit einer Absetzung des Commerzbank-Managements gedroht.
Experten erwarten, dass bald Bewegung in das Übernahmeringen kommt. Analysten der Bank BNP Paribas glauben, dass die Unicredit in den nächsten Monaten Verhandlungen mit der Bundesregierung führen wird, um einen Kompromiss zu finden und sich ihre Unterstützung zu sichern. Der Bund kann eine Übernahme zwar nicht verhindern, hat aber das Recht, zwei Kandidaten für den Commerzbank-Aufsichtsrat vorzuschlagen.
Zuletzt wurde der Übernahmekampf zur Schlammschlacht. Die Commerzbank hat wiederholt kritisiert, dass eine angemessene Übernahmeprämie und ein überzeugender Plan für ein gemeinsames Geschäftsmodell fehlen. So warf die Commerzbank der Unicredit vor, ihre Aktienposition «künstlich aufzublähen» - was die Unicredit zurückwies. Zur Klärung schaltete die Commerzbank die Finanzaufsicht ein, der Gesamtbetriebsrat stellte sogar Strafanzeige wegen des Verdachts der Marktmanipulation./als/DP/jha
(AWP)
