Man sei gut darin, psychische Krankheiten zu diagnostizieren, aber zu wenig gut darin, Radikalisierungstendenzen zu erkennen. «Psychische Labilität und Ideologie sind keine Gegensätze, sondern finden gleichzeitig statt und verstärken sich», sagte Mansour der Zeitung in dem am Samstag publizierten Interview.
Er kritisierte die Klinik, die den 31-Jährigen am Tag vor der Tat, bei der drei Menschen verletzt wurden, entlassen hatte. «Ich glaube, dass sie die Diagnose beurteilte, aber nicht das ideologische Risiko. Wer nur eine Seite sieht, scheitert.»
Anders sieht das der Forensiker und stellvertretende Leiter des Amtes für Justizvollzug und Wiedereingliederung des Kantons Zürich, Jérôme Endrass. Da es bei dem Mann keine Anzeichen für eine akute Bedrohungslage gegeben habe, habe ihn die Klinik gehen lassen, sagte er im Interview mit der «Neuen Zürcher Zeitung». «Natürlich denken die behandelnden Ärzte eine Fremdgefährdung mit, aber sie machen keine Risikoeinschätzung.
Über mögliche Verbindungen zum islamistischen Milieu würden Kliniken nicht informiert. Das ist auch politisch so gewollt, weil man keinen gläsernen Bürger will», sagte Endrass. Kliniken hätten keinen Zugang zu Justizakten, Polizei und Justiz umgekehrt keinen zu medizinischen Unterlagen. Ein Austausch sei erst im Rahmen eines Strafverfahrens möglich.
Islamistisches Motiv?
Ein islamistisches Motiv ist Endrass' Ansicht zufolge fragwürdig. Nach derzeitigem Kenntnisstand spreche vieles dafür, dass die Psychose im Vordergrund gestanden habe, was sich im Verhalten des Täters gezeigt habe. «Im Moment scheint es, als ob der Mann sehr zufällig zugestochen habe, was ungewöhnlich ist für ideologisch motivierte Attentäter», sagte Endrass. Islamistisch motivierte Täter würden normalerweise Symbole des Westens, jüdische Bürger und Einrichtungen oder andere Muslime angreifen, die aus Sicht der Attentäter ihren Glauben falsch auslebten.
Auch der Psychiater und Forensiker Frank Urbaniok bezweifelt, dass die politische Radikalisierung im Vordergrund steht, wie er im Interview mit der «Schweiz am Wochenende» sagte. Für eine klare Aussage sei es aber zu früh, betonte er. Die vom Zürcher Sicherheitsdirektor Mario Fehr geforderte Ausbürgerung des Angreifers käme für Urbaniok zwar grundsätzlich infrage, bei einem schizophrenen Täter stehe jedoch die Behandlung der Krankheit im Vordergrund.
«In den psychiatrischen Kliniken haben allerdings überdurchschnittlich viele Patienten mit schweren Krankheiten einen Migrationshintergrund. Diese Überrepräsentation ist ebenfalls ein Problem», sagte Urbaniok weiter.
(AWP)
