Kaum war der Aufstand der Wagner-Söldner gegen Russlands Militärführung abgeblasen, meldete sich Präsident Wladimir Putin zu Wort, um seine Autorität zu demonstrieren. Verteidigungsminister Sergej Schoigu war in Fernsehberichten zu sehen. Wer nicht in der Öffentlichkeit auftauchte, waren Russlands Top-Generäle: der Generalstabschef der Streitkräfte, Waleri Gerassimow, und Sergej Surowikin, der Gerassimows Stellvertreter als Kommandeur des Militäreinsatzes in der Ukraine ist. Nun brodelt die Gerüchteküche, ob sie womöglich vorab von den Plänen des Söldner-Chefs Jewgeni Prigoschin wussten und was mit ihnen geschehen ist. Unbestätigten Berichten zufolge soll mindestens eine Person festgenommen worden sein.
Seit dem Abbruch der Rebellion am Samstag ist Gerassimow weder in der Öffentlichkeit noch im Staatsfernsehen aufgetreten. Surowikin, der in der Presse wegen seines martialischen Vorgehens im Syrien-Krieg "General Armageddon" genannt wird, wurde ebenfalls nicht mehr in der Öffentlichkeit gesehen. Der "New York Times" zufolge soll Surowikin vorab über die Söldner-Rebellion informiert gewesen sein. Unter Berufung auf US-Regierungskreise berichtete das Blatt, die Regierung in Washington versuche herauszufinden, ob Surowikin Prigoschin bei der Planung der Rebellion geholfen habe. Zudem gebe es laut US-Geheimdienstinformationen Anzeichen dafür, dass auch andere Generäle den Söldner-Chef unterstützt haben könnten. Russlands Präsidialamtssprecher Dmitri Peskow sprach von Gerüchten. Eine Stellungnahme zum Schicksal Surowikins lehnte er ab und verwies an das Verteidigungsministerium.
Berichte über Festnahme von "General Armageddon"
Die russischsprachige Ausgabe der "Moscow Times" und ein Militärblogger berichteten über Surowikins Festnahme. Andere Militärkorrespondenten sagten, er und andere ranghohe Offiziere würden vom Inlandsgeheimdienst FSB befragt, um ihre Loyalität zu überprüfen. Das Verteidigungsministerium schweigt dazu.
Bei Rybar, einem einflussreichen und von einem ehemaligen Pressesprecher des russischen Verteidigungsministeriums betriebenen Telegram-Kanal hiess es, eine Säuberung sei im Gange. Danach versuchten die Behörden, diejenigen Militärangehörigen auszusondern, die angeblich "einen Mangel an Entschlossenheit" bei der Niederschlagung der Rebellion gezeigt hätten. Berichten zufolge hätten Teile der Streitkräfte wenig unternommen, um die Söldner aufzuhalten. "Der bewaffnete Aufstand des privaten Militärunternehmens Wagner ist zum Vorwand für eine massive Säuberung der russischen Streitkräfte geworden", hiess es bei Rybar.
Sollte sich dies bestätigen, könnte das die russische Kriegsführung in der Ukraine verändern und zu Unruhen in den eigenen Reihen führen - und das, während Russland versucht, eine ukrainische Gegenoffensive zu vereiteln. Auch für die Machtverhältnisse innerhalb der Sicherheitskräfte hätte das Konsequenzen: Wer als loyal gilt, kann seine Position festigen oder gar verbessern.
Gewinner und Verlierer
Das könnte auch für Schoigu gelten, der seit 2012 Verteidigungsminister ist und den der Söldner-Chef Prigoschin samt seinem Generalstabschef Gerassimow wegen Inkompetenz stürzen wollte. Nun könnte der langjährige Vertraute Putins tatsächlich fester im Sattel sitzen als zuvor. Prigoschin habe vermutlich erwartet, dass etwas gegen Schoigu und Gerassimow unternommen werde, dass Putin zu seinen Gunsten handeln werde, schreibt Michael Kofman, Spezialist für das russische Militär beim Expertenforum Carnegie Endowment, auf Twitter. "Stattdessen könnte seine Meuterei dafür gesorgt haben, dass sie weiterhin im Amt bleiben, obwohl sie allgemein als inkompetent anerkannt und in den Streitkräften der Russischen Föderation weithin verabscheut werden."
Ein weiterer Nutzniesser könnte Viktor Solotow sein, Chef der Nationalgarde und einst Putins Leibwächter. Er hat öffentlich erklärt hatte, seine Männer seien bereit, bis zum Tod Moskau gegen die anrückenden Wagner-Söldner zu verteidigen. Er hat von der Möglichkeit gesprochen, nach der Meuterei schwere Waffen und Panzer für seine Streitkräfte zu beschaffen. Die leicht bewaffnete Nationalgarde ist die Truppe des Innenministeriums und direkt Putin unterstellt.
Anders scheint es im Fall Gerassimows zu sein. Als Putin am Dienstag der Armee dankte, dass sie einen Bürgerkrieg abgewendet habe, war der Generalstabschef nicht zu sehen - im Gegensatz zu Schoigu. Gerassimow wurde 2012 von Putin zum Generalstabschef und Vize-Verteidigungsminister ernannt - drei Tage nach der Kür Schoigus zum Verteidigungsminister. Im Januar machte dieser Gerassimow zum Kommandeur der kombinierten Streitkräfte in dem von Russland so genannten militärischen Sondereinsatz in der Ukraine. Gerassimow übernahm die Funktion von Surowikin, der diesen Posten erst im Oktober erhalten hatte. Surowikin wurde Gerassimows Stellvertreter.
Surowikin wurde seit Samstag nicht mehr in die Öffentlichkeit gesehen. An diesem Tag hatte er in einem Video an Prigoschin appelliert, seine Rebellion zu beenden. Er wirkte erschöpft, und es war unklar, ob er unter Zwang sprach. Am Mittwochabend gab es unbestätigte Berichte russischer Medien und Blogger, Surowikin werde nach seiner Festnahme im Moskauer Internierungslager Lefortowo festgehalten.
Surowikin gilt westlichen Militäranalysten als äusserst effektiv. Er wird nicht nur von Prigoschin, sondern auch in der eigenen Armee für seine Erfahrung in den Kriegen in Tschetschenien und Syrien geschätzt. Manch ein russischer Kriegsberichterstatter sah in ihm schon den künftigen Verteidigungsminister. Lawrence Freedman, emeritierter Professor für Kriegsstudien am King's College in London, schätzt, dass eine Absetzung Surowikins sich auf Russlands Kriegsanstrengungen destabilisierender auswirken könnte als die Söldner-Rebellion - vor allem, wenn damit begonnen werde, auch andere Mitarbeiter von Prigoschin und Surowikin auszusondern. "Surowikin ist ein brutaler, aber auch einer der fähigeren russischen Kommandeure."
(Reuters)
