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Heute Mittwoch bricht seit den frühen Morgenstunden eine Umstufungswelle über dem Schweizer Aktienmarkt herein, wie ich sie in meinen drei Jahrzehnten als Börsenkommentator noch nie erlebt habe. Ich zähle nicht weniger als acht Umstufungen oder Erstabdeckungen.

Die vermutlich überraschendste Wortmeldung stammt dabei aus dem Hause Berenberg Bank. Versicherungsanalyst Michael Huttner – er war früher für J.P. Morgan tätig und gilt als profunder Branchenkenner – kündigt Zurich Insurance die Liebe. Er stuft die dividendenstarken Aktien von "Buy" auf "Hold" herunter. Und das, obwohl sich vom 508,90 Franken lautenden Kursziel ein Aufwärtspotenzial von mehr als 16 Prozent ableiten lässt – den nahenden Dividendenabgang von Anfang April noch gar nicht mit aufgerechnet.

Erst vor wenigen Wochen hatte Huttner seinen Anlagekunden die Valoren noch wärmstens ans Herz gelegt. Damals wartete der amerikanische Rivale Progressive mit einem erfreulichen Zwischenbericht auf. Dieser veranlasste den Berenberg-Analysten zur Aussage, dass die dortige Zurich-Tochter Farmers rascher als gedacht wieder Tritt fassen könnte.

Nun zieht er also überraschend die Reissleine – und das aus eher fadenscheinigen Gründen. Zum einen glaubt Huttner, dass die Börse die künftige Gewinnkraft der Versicherungsgruppe realistisch einschätzt und das Überraschungsmoment dadurch eher gering ist. Zum anderen seien die Aktien reif für eine Verschnaufpause.

Die vergangenen 12 Monate waren für die Zurich-Aktien unter dem Strich ein Nullsummenspiel (Quelle: www.cash.ch)

Da frage ich mich doch: Verschnaufpause wovon? Denn eigentlich leidet Zurich Insurance an der Börse schon seit über einem Jahr unter einer mysteriösen Kursflaute. Andere Schweizer Versicherungswerte wie Swiss Life oder Swiss Re schnitten da deutlich besser ab.

Bei den Aktien von AMS Osram kehrt der für Barclays tätige Simon Coles eher beiläufig von seiner Verkaufsempfehlung ab. In einer 66 Seiten starken Branchenstudie geht er beim Sensorenhersteller von "Underweight" auf "Equal Weight". Gleichzeitig überarbeitet er sein Bewertungsmodell um die Bilanzsanierung. Dadurch verringert sich das Kursziel auf 2,30 (zuvor 6) Franken. Nicht zuletzt der Verwässerung aus der Kapitalerhöhung ist es geschuldet, dass die neuen Gewinnschätzungen des Analysten um bis zu 80 Prozent unter den vorherigen liegen.

Nach der erfolgreichen, wenn auch teuer erkauften Bilanzsanierung werden die Verkaufsempfehlungen weniger. Mit einer Belebung des Tagesgeschäfts ist beim einstigen Sorgenkind aber wohl erst ab Mitte 2025 zu rechnen.

Gleich zwei Umstufungen gehen auf das Konto der Royal Bank of Canada. Beide weisen negative Vorzeichen auf, was angesichts der schwierigeren wirtschaftlichen Rahmenbedingungen nicht weiter erstaunt. Analyst Andrew Brooke senkt sein Anlageurteil für die Aktien von Adecco von "Outperform" auf "Sector Perform" und kürzt gleichzeitig das Kursziel auf 43 (zuvor 45) Franken. Seines Erachtens verfügt der Stellenvermittler zwar über ein vergleichsweise widerstandsfähiges Geschäftsmodell. Mit der starken Kursentwicklung der vergangenen Monate werde diesem Umstand jedoch bereits Rechnung getragen.

Von "Outperform" auf "Sector Perform" geht es auch für die Aktien des Warenprüfkonzerns SGS, wobei der ebenfalls für die Royal Bank of Canada tätige Analyst Karl Green das Kursziel auf 77 (zuvor 90) Franken zusammenstreicht. Von der Verpflichtung der ehemaligen Holcim-Finanzchefin Géraldine Picaud schliesst er auf bevorstehende Veränderungen beim Genfer Unternehmen. Der Analyst glaubt, dass die Dividenden künftig nicht mehr ganz so üppig ausfallen könnten.

Sein Berufskollege Gian Marco Werro von der Zürcher Kantonalbank reagiert bei Calida hingegen auf den Rücktritt der Marken-Chefin Alexandra Helbling nach mehr als zehn Jahren beim Unternehmen. Der Zeitpunkt ihres Abgangs könnte kaum schlechter sein, so der Analyst. Folglich stuft er die Aktien von "Marktgewichten" auf "Untergewichten" herunter und kommt neuerdings noch auf einen fairen Wert von 28 Franken je Titel.

Abgestraft werden auch die Valoren des Bauchemieherstellers Sika. Nach der eher etwas enttäuschenden Umsatzentwicklung im Schlussquartal geht der für CIC Market Solutions tätige Analyst Ebrahim Homani bei diesen Aktien von "Buy" auf "Neutral". Am 270 Franken lautenden Kursziel hält er indes fest. Mitunter ein Grund für das Vorbeischrammen an den Umsatzerwartungen der Börse war der starke Franken. Das könnte sich hierzulande wie ein roter Faden durch die eben gerade angelaufene Jahresberichterstattung ziehen.

Die Aktien von Sika werden im bisherigen Tagesverlauf für enttäuschende Umsatzzahlen im Schlussquartal mit Kursverlusten bestraft (Quelle: www.cash.ch)

Einen Favoritenwechsel vollzieht die Bank of America bei den europäischen Bauzulieferaktien. Analyst Arnaud Lehmann stuft jene von Holcim bei einem gleichbleibenden Kursziel von 66 Franken von "Buy" auf "Neutral" herunter. Er setzt neuerdings ausgerechnet auf die Valoren von Erzrivalin Heidelberg Materials. Diese werden mit einem nach oben angepassten Kursziel von 105 (zuvor 78) Euro zum Kauf angepriesen. Und tatsächlich scheinen die Valoren des deutschen Baumaterialherstellers im Kurs zurückgeblieben.

Lobende Worte findet die Deutsche Bank für die Aktien von Siegfried. Analyst Fynn Scherzler preist diese im Zuge einer Erstabdeckung mit einem Kursziel von 995 Franken zum Kauf an. Der Pharmazulieferer habe in den letzten Jahren alles richtig gemacht und sich auf wachstumsreiche Absatzmärkte ausgerichtet, wie Scherzler schreibt. Er sieht das Unternehmen künftig die Früchte vergangener Wachstumsinitiativen ernten und geht bis in drei Jahren gar von um bis zu 50 Prozent höheren Kursen aus – letzteres allerdings eher beiläufig.

Getreu dem Motto besser spät als nie stuft die amerikanische Jefferies die Aktien des Halbleiterausrüsters VAT Group von "Hold" auf "Buy" herauf. Und um ihrer neu gewonnenen Zuversicht den nötigen Nachdruck zu verleihen, nennt die zuständige Analystin Olivia Honychurch ein Kursziel von 585 (zuvor 370) Franken.

Unter gewissen Umständen – etwa einem stärker als erhofften Aufschwung im Markt für Speicherchips – rechnet die Jefferies-Analystin gar mit Kursen von bis zu 735 Franken. Die auftragsseitige Talsohle sei durchschritten und der Weg nach oben frei, so lautet die Parole.

Weshalb sie diese Einsicht nicht schon im Juni letzten Jahres hatte, als sie die Erstabdeckung der Valoren mit "Hold" und einem Kursziel von 370 Franken aufgenommen hatte, ist nicht bekannt. Einige ihrer Berufskollegen bei anderen Banken waren sich damals schon einig, dass sich die Auftragsentwicklung beim Rheintaler Vorzeigeunternehmen beleben werde.

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