«Die Bedrohung ist real, aber nicht unmittelbar», sagt Wolfgang Vitale, Experte für Kryptoprotokolle bei Bitcoin Suisse, im Gespräch mit der Nachrichtenagentur AWP. Die aktuellen Quantencomputer seien «bei weitem nicht leistungsfähig genug» für Angriffe auf die beim Bitcoin verwendete Kryptografie.

Während herkömmliche Computer mit binären Bits (0 und 1) arbeiten, sind die grundlegende Recheneinheit bei Quantencomputern die Qubits (Quantenbits), die nach den Gesetzen der Quantenmechanik funktionieren. Den Quantencomputern wird zugetraut, spezifische komplexe Probleme innert Sekunden zu lösen, für die klassische Supercomputer zehntausende Jahre benötigen.

Den Herstellern von Quantencomputern seien zwar in den beiden vergangenen Jahren wichtige Durchbrüche gelungen, sagt Vitale. Aber auch neue, für Ende des Jahrzehnts angekündigte, deutlich leistungsfähigere Quantencomputer mit Hunderten von Qubits wären noch nicht in der Lage für einen Angriff auf die Bitcoin-Kryptografie. «Mit einer glaubwürdigen Bedrohung rechnen wir daher frühestens Anfang der 2030er-Jahre.»

Sieben Millionen Bitcoin besonders gefährdet

Könnten Quantencomputer die Bitcoin-Verschlüsselung dereinst knacken, wären laut dem Bitcoin Suisse-Experten auch nicht alle Bitcoins gleichermassen exponiert. Jeder Bitcoin verfügt über einen «Public Key» und einen «Private Key», also einen geheimen Code, der das Eigentum am Bitcoin belegt.

Besonders gefährdet seien Bitcoins, die in Adressformaten liegen, bei denen der «Public Key» sichtbar ist, so Vitale. «Ein ausreichend starker Quantencomputer könnte aus dem »Public Key« den »Private Key« ableiten und so die Kontrolle über diese Coins übernehmen», sagt der Experte.

Derzeit lägen wohl rund 7 Millionen der aktuell rund 19,7 Millionen existierenden Bitcoin in solchen Adressformaten. Bitcoin, die in Formaten aufbewahrt würden, bei denen der «Public Key» bis zu einer Transaktion verborgen bleibt, seien deutlich schwieriger anzugreifen.

Vorsichtiger Optimismus

Vollständig quantensichere Wallets gibt es heute zwar bisher nicht. Nutzer könnten aber ihre Exponierung reduzieren, indem sie Adressen nicht mehrfach verwendeten und Formate wählten, bei denen der «Public Key» verborgen bleibe, sagt Vitale. Derweil arbeite die Entwickler-Community an quantenresistenten Lösungen, betont er.

Insgesamt zeigt sich der Bitcoin-Suisse-Experte «vorsichtig optimistisch», dass die kryptografischen Bausteine rechtzeitig bereitstehen werden, um der «Quantenbedrohung» zu widerstehen: «Die Branche arbeitet ernsthafter an diesem Thema, als die meisten Menschen annehmen.»

Zu den Schwierigkeiten gehört allerdings, dass der Bitcoin über keine zentrale Instanz verfügt, die ein solches «Upgrade» anordnen könnte. «Änderungen erfordern einen breiten Konsens innerhalb der globalen Community aus Entwicklern, Bitcoin-Minern, Unternehmen und Nutzern», sagt Vitale. «Genau deshalb muss die Vorbereitung Jahre im Voraus beginnen.»

(AWP)