Die gescheiterte Rettungsaktion der in Liquiditätsnöte geratenen Kryptobörse FTX durch den grösseren Rivalen Binance hat die Anleger am Markt für Cyberdevisen zutiefst verunsichert. 

Was war die Ausgangslage? 

FTX war unter Druck gekommen, nachdem Kunden binnen weniger Tage massenhaft Geld abzogen. Eine Nachricht auf der FTX-Website lautete: "FTX kann derzeit keine Auszahlungen verarbeiten. Wir raten dringend von Einzahlungen ab."

Was ist passiert? 

Binance-CEO Changpeng "CZ" Zhao nimmt nun nach einer umfassenden Betriebsprüfung Abstand von der geplanten Übernahme der Sparte FTX.com, hatte die weltgrösste Kryptobörse am Mittwoch mitgeteilt. Einen Tag zuvor hatte Zhao die Unterzeichnung einer nichtbindenden Absichtsvereinbarung bekanntgegeben. Mit dem Schritt sollte ein Liquiditätsengpass beim Rivalen aufgefangen werden, der sich Branchenkreisen zufolge auf sieben Milliarden Dollar belaufen soll.

"Für Anleger rund um den Globus ist damit der rettende Strohhalm offensichtlich Geschichte. Die Hoffnungen waren gross, dass Binance seinen Konkurrenten schluckt und damit auch die Branche vor weiteren Turbulenzen bewahren könnte", sagte Analyst Timo Emden von Emden Research.

Wie weit reichen die Folgen? 

Sollte die Börse zusammenbrechen, hätte das noch weitreichendere Folgen als das Scheitern des Stablecoin TerraUSD und des Krypto-Hedgefonds Three Arrows Capital in diesem Jahr, sagte Danny Chong, Chef des Finanzunternehmens Tranchess. Nach Informationen einer mit der Sache vertrauten Person ist die US-Wertpapieraufsicht bereits alarmiert und untersucht den Umgang von FTX.com mit Kundengeldern und Krypto-Kredit-Aktivitäten. Die Finanznachrichtenagentur Bloomberg berichtete, dass sich auch das US-Justizministerium mit den Turbulenzen befasst. Ein Sprecher des Ministeriums lehnte eine Stellungnahme ab.

Die Zukunftssorgen um FTX könnten jedenfalls nicht das Ende der Fahnenstange bedeuten. "Anleger fürchten, dass bereits weitere Grössen innerhalb der Branche vor ähnlichen Problemen stehen könnten", sagte Analyst Emden.

Welche Gefahren lauern jetzt? 

"Seit ich 2016 zur Kryptoindustrie gelangt bin, haben nur sehr wenige Momente die Marktinfrastruktur und die Marktteilnehmer so stark geprüft wir die vergangenen 24 Stunden", sagte Krypto-Hedgefondsmanager Dan Liebau von Modular Asset Management. Das Vertrauen in die Kryptomärkte ist erschüttert. 

In der Krypto-Sphäre schrumpfe die Anzahl der Unternehmen mit stärkeren Bilanzen, die in der Lage sind, solche mit geringem Kapital und hohem Leverage zu retten. Dies mache diese neue Phase des Krypto-Deleveraging noch problematischer, hiess es in der Analyse eines JPMorgan-Teams um Nikolaos Panigirtzoglou. Anspielt wird auf Nachschusspflichten, so genannte "Margin Calls", wenn Investoren Assets verkaufen müssen, um Kredite bedienen zu können. 

Ist das Image der Kryptos beschädigt?

Der Kursrückgang von über 65'000 Dollar auf unter 20'000 Dollar innert Jahresfrist zeigt, dass Kryptowährungen nicht mehr den Ruf von einst geniessen. Nach dem Kryptoausverkauf im Zuge der Krise um die Digitalwährungsbörse FTX.com rechnet der Leerverkäufer Jim Chanos nun mit einem harten Durchgreifen der Aufsichtsbehörden gegen Einzelpersonen und Unternehmen. "Sie werden jetzt einen Aufschrei der Justiz bekommen, das System zu regulieren und diese Leute vor Gericht zu bringen", sagte der Gründer der Hedgefondsgesellschaft Chanos & Co.

In einem Interview mit dem Bloomberg-Podcast Odd Lots merkte Chanos an, dass keines der populären Krypto-Narrative oder angeblichen Anwendungsfälle eingetreten seien, obwohl die Branche seit Jahren institutionelle und private Gelder anzieht. "Meiner Meinung nach wurde der gesamte Krypto-Sektor entwickelt, um von wirklich ahnungslosen Anlegern Gebühren zu kassieren", so Chanos.

Chanos prognostizierte zwar nicht ausdrücklich Strafverfahren im Zuge der Krypto-Implosion. Er verwies jedoch darauf, dass viele namhafte Akteure in diesem Bereich entweder ausserhalb der USA lebten oder dort tätig seien, unter anderem in Dubai und auf den Bahamas.

Was bedeutet dies für den Bitcoin-Kurs? 

Die älteste Cyberdevise Bitcoin war im Zuge dessen erstmals seit 2020 unter die Marke von 16'000 Dollar gefallen und stand am Donnerstagnachmittag bei 16'400 Dollar. Auch andere Kryptowährungen wie Ethereum und Ripple hatten starke Verluste verzeichnet. Die Margin Calls, von denen JPMorgan sprach, könnten den Kurs aus Sicht der Bank aber auf 13'000 Dollar fallen lassen. 

FTT, der Token der FTX Exchange, ist am Mittwoch um 40 Prozent eingebrochen, nachdem am Dienstag schon ein 70-Prozent-Kurssturz verzeichnet wurde. "Der Markt ist jetzt im kompletten Angst-Modus", sagt Ilan Solot von Marex Solutions. "Jetzt schauen alle, ob es noch mehr Dominosteine gibt, und was man jetzt noch liquidieren muss."

(cash/Bloomberg/Reuters)