«Baissiers sind in die Falle getappt»

Stratege von Kepler Cheuvreux zeigt Schadenfreude - Barclays sagt europäischen Aktienmärkten eine Aufholjagd vorher - Und: Givaudan spielt die Biotechnologiekarte aus.
03.09.2014 12:30
cash Insider
«Baissiers sind in die Falle getappt»

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In einem Kommentar zeigt sich der für das Cross Asset Research von Kepler Cheuvreux tätige Verfasser zwar regelrecht schockiert über die jüngsten Ereignisse in der Ukraine. Er befürchtet, dass Europa durch die Eskalation der Krise in Mitleidenschaft gezogen wird. Das gelte nicht nur für die Entwicklung der Realwirtschaft, sondern auch für die Wirtschaftspolitik. In beidem kopple sich Europa immer stärker von Nordamerika ab.

Dennoch kann der Stratege seine Schadenfreude nicht verbergen: Die Baissiers seien diesen Sommer in eine bilderbuchmässige Falle getappt, so schreibt er im Kommentar. Nach drei von aggressiven Deckungskäufen begleiteten Wochen sei eine Verschnaufpause überfällig. In Erwartung einer Fortsetzung der Rekordjagd in New York und einem weiterhin rückläufigen Zinsumfeld rechnet der Experte an den europäischen Aktienmärkten schon bald mit einer Wiederaufnahme der Aufwärtsbewegung.

Um der gestiegenen Wahrscheinlichkeit eines Anleihenrückkaufprogramms nach amerikanischem Vorbild durch die Europäische Zentralbank Rechnung zu tragen, wird der Gesundheitssektor von "Neutral" auf "Overweight" hochgestuft. Der Stratege begründet diesen Schritt mit dem hohen Ergebnisbeitrag aus dem Ausland, mit der jüngsten Übernahme- und Fusionstätigkeit sowie mit der Fantasie einer verstärkten Aktienrückkauftätigkeit. Im Gegenzug senkt er den zu einem hohen Grad vom Binnenmarkt abhängigen Telekommunikationssektor von "Overweight" auf "Neutral". Am bisherigen Gleichgewicht zwischen Wachstums- und Substanzaktien sowie zwischen Sicherheit und Risiko ändere sich durch diese Umstellungen nichts.

An dieser Stelle sei gesagt, dass das Cross Asset Research von Kepler Cheuvreux in Europa schon seit dem letzten November mit steigenden Aktienmärkten rechnet. Diese notieren nur unwesentlich über dem Stand von damals. Jetzt schon in Schadenfreude zu verfallen, scheint mir jedenfalls ziemlich deplatziert.

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Sehr viel demütiger zeigt sich der für Barclays Capital tätige Chefstratege. Er rät der eigenen Anlagekundschaft entschieden davon ab, an den europäischen Aktienmärkten voreilig das Handtuch zu werfen.

Der schwelende Konflikt im Osten der Ukraine sei nur von untergeordneter Bedeutung und der wahre Grund für das schwache Abschneiden seit Mai dieses Jahres bei den enttäuschenden Nachrichten aus der Wirtschaft zu suchen. Im Vergleich mit der Nachrichtenlage in den USA habe jene in Europa einen negativen Extremwert erreicht. Auf einen solchen sei in der Vergangenheit jeweils vieles besser geworden, so der Experte.

Auf Basis der soliden Unternehmensberichterstattung für das zweite Quartal und in Erwartung eines weiterhin schwachen Euro prognostiziert der Stratege für das laufende Jahr ein Gewinnwachstum von 10 Prozent. Im kommenden Jahr rechnet er sogar mit einer Wachstumsbeschleunigung auf 17 Prozent.

Das Jahresendziel von Barclays Capital für den MSCI Europe ex Grossbritannien liegt neu zwar nur noch bei 140 (150) Punkten. Davon lässt sich vom gestrigen Schlussstand aus betrachtet allerdings noch immer ein Aufwärtspotenzial von 13 Prozent ableiten. Der Chefstratege sagt den europäischen Aktienmärkten eine Aufholjagd auf den amerikanischen Markt vorher. Für diesen sagt er für die Zeit bis Ende Jahr sogar eine leicht rückläufige Entwicklung vorher.

In Europa scheinen sich die Marktakteure und Aktienstrategen immer mehr auf ein rettendes Anleihenrückkaufprogramm durch die Europäische Zentralbank einzustellen. Vergleichswerte aus Japan zeigen, dass der Aktienmarkt ein Grossteil der Aufwärtsbewegung alleine schon aufgrund der Möglichkeit für ein solches Programm schafft und schon wenige Monate nach Aufnahme der Rückkäufe unter den Stand zum Zeitpunkt der Bekanntgabe fällt.

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Rund um den Globus haben Biotechnologie-Aktien den breiten Aktienmarkt in den letzten Jahren weit hinter sich gelassen. Nicht zuletzt dank atemberaubend hohen Übernahmeprämien, wie die zuletzt von Roche für InterMune bezahlte, ist die Branche "en vogue".

Diese Karte spielt nun auch Givaudan aus, machte der Genfer Hersteller von Aromen und Riechstoffen den vermehrten Einsatz von Biotechnologie doch gleich zum Schlüsselthema seines diesjährigen Investorentags.

Den mehrheitlich optimistisch gestimmten Analysten liefert Givaudan damit eine Steilvorlage. Neu führt der für die MainFirst Bank tätige Experte das Feld mit einem auf 1650 (1500) Franken erhöhten Kursziel für die mit "Outperform" zum Kauf empfohlenen Aktien an. Auf lange Sicht werde das Unternehmen natürliche Moleküle selber produzieren und dadurch das ganze Jahr über Zugang zu seltenen Rohmaterialien erhalten. Auch sein Berufskollege von der UBS Investmentbank stuft die Papiere nach dem Investorentag unverändert mit Kaufen und einem Kursziel von 1600 Franken ein.

Givaudan erfuhr in den letzten Jahren verdientermassen eine grundlegende Neubeurteilung und –bewertung durch den Markt. Die von der Biotechnologiefantasie losgetretenen Kursavancen der letzten Tage haben die Bewertung auf den höchsten Stand in der Firmengeschichte ansteigen lassen. Jetzt noch auf den rollenden Zug aufzuspringen, bedarf deshalb schon einer gehörigen Portion Mut.