Vorbote eines schmerzhaften Börsencrashs

Die Neuverschuldung amerikanischer Unternehmen steigt stärker als in den Jahren 1999 und 2007, damals folgte ein Börsencrash - Und: Französische Grossbank rät zum Leerverkauf der Aktien von ABB.
01.06.2016 12:30
cash Insider
Vorbote eines schmerzhaften Börsencrashs
Bild: fotolia.com

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An der Börse in New York flirtet der S&P-500-Index nach über einem Jahr erstmals wieder mit seinem bisherigen Rekordhoch. Von den im April vergangenen Jahres erklommenen 2135 Punkten trennen das viel beachtete Börsenbarometer nur noch wenige Prozentpunkte.

Darf man amerikanischen Bankenkreisen Glauben schenken, dann treten institutionelle Grossinvestoren und mächtige Fondsanbieter allerdings schon seit Wochen als Verkäufer am Heimmarkt in Erscheinung (siehe Kolumne vom 27. April).

Die Frage nach der Gegenpartei, dem mysteriösen Käufer von Aktien, liegt auf der Hand: In den letzten Wochen haben die amerikanischen Publikumsgesellschaften ihre Aktienrückkaufprogramme noch einmal kräftig aufgestockt. Nicht wenige dieser Programme sind fremdfinanziert. Sprich: Die Unternehmen haben Anleihen oder Kredit aufgenommen, um an der Börse eigene Aktien zurückzukaufen.

Was ich in diesem Zusammenhang einer mir aus Genf zugespielten Strategiestudie von Morgan Stanley entnehme, ist an Brisanz kaum zu übertreffen. Bankeigenen Erhebungen zufolge ist die Nettoverschuldung amerikanischer Publikumsgesellschaften ausserhalb der Finanzindustrie alleine im vergangenen Jahr um die horrende Summe von 517 Milliarden Dollar gewachsen - ein Rekordwert.

Zum Vergleich: Vor dem Platzen der Technologieblase im Jahr 2000 stieg die Nettoverschuldung um rund 275 Milliarden Dollar, vor Ausbruch der Finanzkrise der Jahre 2007/08 um 340 Milliarden Dollar.

In der Studie versuchen die Autoren die Wogen zu glätten. Obschon sie den jüngsten Anstieg der Nettoverschuldung als alarmierend bezeichnen, relativieren sie diese - ganz einfach indem sie die Nettoverschuldung den operativen Gewinnen (EBITDA) oder den Aktiven gegenüberstellen. Ausserdem sei der Zinsendienst auf den Schulden historisch betrachtet sehr gering, so geben die Strategen zu bedenken - den Zentralbanken und ihrer "Politik des billigen Geldes" sei Dank.

Interessant ist, dass gerade mal 16 Unternehmen für die Hälfte und deren 44 sogar für 80 Prozent der Neuverschuldung verantwortlich sind. Doch auch diesen Umstand nutzen die Experten, zwecks Schadensbegrenzung.

Fakt ist: Auf einen rekordverdächtigen Anstieg der Nettoverschuldung amerikanischer Unternehmen ausserhalb der Finanzindustrie folgte in den vergangenen 20 Jahren jeweils ein ziemlich brutaler Börsencrash.

Noch will ich den Teufel nicht an die Wand malen. Dennoch werden bei mir beim Anblick dieser Zahlen und der beeindruckenden Grafik böse Erinnerungen an vergangene Tage wach.

Was in Las Vegas geschieht, bleibt in Las Vegas, so sagt man zumindest. Das gilt allerdings nicht für das Börsengeschehen in New York. Denn alteingesessene Börsenfüchse wissen nur zu gut: Niest die dortige Leitbörse zweimal laut, verschlägt es den Schweizer Aktienmarkt mit einer Grippe ins Bett. Was in Übersee geschieht, betrifft uns alle.

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Der Schweizer Aktienmarkt hat im Mai Boden gut gemacht. Mittlerweile trennen den breit gefassten Swiss Performance Index (SPI) nur noch wenige Punkte von seinen Jahreshöchstständen von Anfang Januar.

Allerdings darf das nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Aktionäre von UBS und Credit Suisse nach nur fünf Monaten noch immer auf prozentual zweistelligen Kursverlusten sitzen. Die beiden Schweizer Grossbankaktien stehen stellvertretend für zahlreiche andere arg vernachlässigte Vertreter aus dem prestigeträchtigen Swiss Market Index (SMI).

Deutlich besser fällt da schon die Bilanz der Aktionäre von ABB aus. Innerhalb nur weniger Monate verwandelte sich das hässliche Entlein in einen stattlichen Schwan. Zur Freude der beiden Grossaktionäre Cevian Capital und Investor AB gilt der Industriekonzern aus Zürich an der Börse doch 15 Prozent mehr als noch in der Altjahreswoche.

Das wiederum ruft Neider auf den Plan. Da wäre beispielsweise BNP Paribas. Die für die französische Grossbank tätigen Analysten raten schon eine gefühlte Ewigkeit zum Verkauf der mit "Underperform" und einem zuletzt 18,10 Franken lautenden Kursziel eingestuften Aktien.

Nun legen ihre Kollegen aus der Strategieabteilung nach und empfehlen gezielt zum Leerverkauf europäischer Investitionsgüteraktien, insbesondere jene von ABB. Selten zuvor seien diese in einem ähnlich schwierigen Wirtschaftsumfeld auch nur annähernd so hoch bewertet gewesen, so lautet das vernichtende Urteil.

Im Zuge eines überzeugenden Zahlenkranzes für die ersten drei Monate hat die Konzernleitung um ihren Vorsitzenden Ulrich Spiesshofer einiges an Vorschusslorbeeren erhalten. Sie müssen nun den Beweis antreten, dass sich auf der Kostenseite weitere Fortschritte erzielen lassen. Gelingt ihnen dieses Unterfangen nicht, könnte sich die Wette von BNP Paribas entgegen allen Erwartungen bezahlt machen.
 

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