Die Anleger am Schweizer Aktienmarkt haben sich am Donnerstag vom Ansturm der Trump-Anhänger auf das Kapitol nicht aus der Ruhe bringen lassen. Sie konzentrierten sich lieber auf die Chancen, die die Agenda des gewählten US-Präsidenten Joe Biden verspricht. Denn mit einer demokratischen Mehrheit auch im US-Senat eröffnet sich die Perspektive auf steigende Staatsausgaben zugunsten der Ökonomie.

Eine Reihe von Konjunkturdaten gab zudem Aufschluss über den Stand der US-Volkswirtschaft. So sind die wöchentliche Daten zum Arbeitsmarkt besser ausgefallen als erwartet, und das November-Handelsbilanzdefizit fiel etwas höher aus als prognostiziert. Und die Stimmung der US-Dienstleister hat sich trotz einer Verschärfung der Corona-Krise unerwartet robust gezeigt. Entsprechend jagten die US-Börsen am Nachmittag Rekordhochs - und ihr Schweizer Pendant folgte nach einem verhaltenen Start nach oben - allerdings gebremst von den drei defensiven Schwergewichten.

Der Swiss Market Index (SMI) schloss 0,29 Prozent höher bei 10'778,67 Punkten. Der SLI, der die 30 wichtigsten Aktien umfasst, avancierte um 0,77 Prozent auf 1'717,89 und der umfassende SPI um 0,27 Prozent auf 13'392,38 Punkte. Im SLI standen 20 Gewinner 10 Verlierern gegenüber.

Die neuen politischen Verhältnisse in den USA spielen zum Beispiel dem Baustoffsektor in die Karten. Dieser profitiert von steigenden Ausgaben für die Infrastruktur. Gesucht waren Sika (+1,0%) und - nach einer Grossakquisition in den USA - LafargeHolcim (+2,4%).

Der Zementkonzern kauft für 3,4 Milliarden Dollar in den USA einen Anbieter von Materialien für Flachdächer. LafargeHolcim stösst damit in einen komplett neuen Bereich vor. Auch Geberit (+1,6%) und Schindler (+1,3%) als baunahe Werte waren gesucht.

Auf den Kaufzetteln fanden sich auch die Papiere der Luxusgüterkonzerne Richemont (+3,8%) und Swatch (+2,8%); zuletzt hatte sich Tiffany zuversichtlich zum wichtigen vierten Quartal 2020 geäussert. Die Übernahme des Schmuckhändlers Tiffany durch LVMH ist auf der Zielgeraden.

Kühne + Nagel (+2,0%) konnten derweil mit einer Vertriebsvereinbarung mit dem US-Pharmaunternehmen Moderna punkten. Der Logistiker wird den Corona-Impfstoff für Moderna vertreiben.

Mit Kursgewinnen von 3,1 bzw. 2,7 Prozent setzten auch die Aktien der beiden Grossbanken CS und UBS ihr Vortages-Rally fort. Sie hatten zuletzt von den steigenden Zinsen am US-Bondmarkt profitiert. Zudem haben die Papiere nach der teilweise sehr schwachen Performance 2020 noch Potenzial.

Nach der "Blauen Welle" in der US-Politik droht hingegen dem Pharmasektor eine striktere Regulierung, erklärten Marktexperten. Vor allem für Roche (-1,8%) würde diese eine Belastung darstellen, erklärten Experten. Denn Roche generiert speziell mit seinen Krebstherapien und den neueren Zulassungen einen erheblichen Anteil seiner Umsätze.

Novartis hingegen büssten "lediglich" 0,6 Prozent ein. Auch Nestlé (-0,2%) wurden als wenig konjunktursensibler Wert eher links liegen gelassen. Händler sprachen von einer Umschichtung aus defensiven hin zu konjunkturzyklischen Aktien.

Die Präferenz für Zykliker traf denn auch weitere Vertreter der defensiven Branchen wie Straumann (-2,1%), Sonova (-1,3%), Givaudan (-0,5%) oder Swisscom (-0,4%). Eine Ausnahme stellten Alcon (+3,7%) dar, die nach der Einführung einer neuartigen Intraokularlinse auf dem US-Markt stark gesucht waren.

Die Technologiewerte tendierten uneinheitlich. Während Temenos weitere 1,5 Prozent einbüssten, nahmen Ams (+1,4%) und vor allem Logitech (+3,8%) die Steilvorlage von der starken Nasdaq auf.

Im breiten Markt fielen Addex (-22%) nach unten aus dem Rahmen. Das Biotechunternehmen hatte am Morgen die Details zur Kapitalerhöhung genannt. Dem standen U-Blox mit plus 6,2 Prozent gegenüber. Die Aktien des Chip- und Sensorenherstellers dümpelten lange vor sich hin. Am Vortag hatte das Unternehmen zum Jahresbeginn aber optimistische Töne von sich gegeben, seither geht es wieder kräftig nach oben.

ra/cf

(AWP)