«Das Banken-Bashing ist derzeit populär»

Economiesuisse spricht sich gegen die Vollgeld-Initiative aus. Im cash-Video-Interview sagt Chefökonom Rudolf Minsch, warum die Initiative - trotz hoher Unterstützung in Umfragen - an der Urne abgelehnt werden dürfte.
01.11.2016 13:52
Von Pascal Züger
Rudolf Minsch, Chefökonom Economiesuisse.
Bild: cash

Vermutlich im Herbst 2017 oder im Frühjahr 2018 wird das Schweizer Volk über die Einführung eines Vollgeldsystems in der Schweiz entscheiden. Die Initiative will, dass nur noch die Schweizerische Nationalbank (SNB) und nicht wie bislang die Geschäftsbanken elektronisches Geld, so genanntes Giralgeld, erzeugen darf.

Diese Systemumstellung soll gemäss den Initianten und Befürwortern einige Vorteile bringen: Den Banken würde Macht entzogen, das Finanzsystem würde stabiler, es gäbe weniger Bank-Runs, die Zinsen für Kredite würden niedriger und es gäbe weniger Finanzspekulationen.

Die Abstimmung ist noch relativ weit entfernt. Dennoch beziehen die Interessengruppen jetzt schon öffentlich Stellung. "Das Vollgeld-System ist vor allem ein radikaler Umbau vom heutigen System mit völlig ungewissem Ausgang", sagt Rudolf Minsch, Chefökonom Economiesuisse, im cash-Interview anlässlich einer Medienkonferenz des Wirtschaftsdachverbandes am Dienstag. Auf der ganzen Welt sei so etwas noch nie versucht worden, die Schweiz würde zu einem gewaltigen Versuchslabor.

Die Initianten, die übrigens selbst an der Medienorientierung in Zürich zugegen waren, sehen im Vollgeld keine tiefgreifende Veränderung des Geldsystems, sondern eine normale Weiterentwicklung. Die Abkehr vom Goldstandard oder die Einführung des Online-Bankings seien viel grössere Veränderungen gewesen, lässt das Komitee in einer Stellungnahme verlauten.

Der Übergang als knifflige Aufgabe

Der Übergang zum neuen Geldsystem scheint ein grosser Knackpunkt zu sein: Der renommierte Ökonom Aymo Brunetti sagte in einem Interview mit cash im September 2015, dass ein Vollgeld-System grundsätzlich funktionieren könne, dass aber der Übergang vom jetzigen System zum Neuen das grosse Problem sei. Er bezeichnete die Initiative schlussendlich als "zu radikal". Minsch sieht ebenfalls den Übergang als ein zentrales Problem an. Milliarden von Franken müssten umgeschichtet werden. "Kein Ökonom weiss, wie dies in der Realität effektiv umsetzbar wäre, ohne der Volkswirtschaft gravierende Schäden zuzufügen."

Im Gegensatz zu Brunetti zweifelt Minsch aber auch die Funktionsfähigkeit eines Vollgeld-Regimes selbst an:  Es sei unklar, wie die Kreditvergabe funktionieren würde, was die Kosten für den Kleinkunden wären und ob die Schweizer auf andere Währungen ausweichen würden.

Das Volk hat Sympathien für die Initiative

"Unterstützen Sie die Vollgeld-Initiative?", fragte cash in einer Umfrage im April 2015 seine Leserinnen und Leser. Über 2200 Personen nahmen teil und sorgten für ein überraschend klares Bild: 72 Prozent antworteten mit "Ja", hegen also Sympathien für das Anliegen. Nur 28 Prozent der Teilnehmer unterstützten die Initiative nicht.

Die hohe Zustimmungsrate in Umfragen sieht Minsch darin begründet, dass das Unverständnis über die Auswirkungen der Initiative noch gross sei, da es "relativ kompliziert" sei, dahinter zu sehen. Und der Ökonom fügt noch einen weiteren Grund hinzu: "Das Banken-Bashing ist derzeit populär."

Minsch ist aber dennoch überzeugt, dass die Vollgeld-Initiative vor dem Volk keine Chance haben wird. Das Volk müsse entscheiden, ob man ein gewaltiges Experiment eingehen soll, oder ob man graduell mit dem jetzigen System weiter gehe.

Im Video-Interview mit cash sagt Rudolf Minsch ausserdem, ob das jetzige Geldsystem seiner Meinung nach Anpassungen nötig hat.