Reisen und Corona - Airlines versuchen mit ultra-billigen Tarifen Kunden zu locken

Das Alptraumjahr 2020 hat mit der Coronavirus-Pandemie das erste Jahrzehnt nachhaltiger Rentabilität in der Luftfahrtindustrie beendet. 2021 wird ein Übergangsjahr für die Branche. Bestenfalls wird der Weg holprig sein.
09.01.2021 16:06
Ein Airbus der Billigfluggesellschaft Easyjet auf der Piste des Grossflughafens Berlin-Brandenburg Willy Brandt.
Ein Airbus der Billigfluggesellschaft Easyjet auf der Piste des Grossflughafens Berlin-Brandenburg Willy Brandt.
Bild: imago images / Jürgen Heinrich

Die Fortschritte in Richtung einer Rückkehr zum Reisen werden von der Geschwindigkeit der Impfstoff-Einführungen, dem Zugang zu Kapital, der Regierungspolitik und der Unvorhersehbarkeit eines Virus abhängig sein, das noch nicht vollständig verstanden wird. Dennoch wird es Entwicklungssprünge geben, einschliesslich der ersten kommerziellen Flüge fast in den Weltraum.

Hier sind einige Entwicklungen, die in den nächsten 12 Monaten beobachtet werden sollten.

Tarifkriege

Der Flugverkehr wird erst dann einen bedeutenden Aufschwung erleben, wenn die Impfstoffe die Bevölkerung so weit immunisiert haben, dass die Infektionsraten sinken. Selbst dann wird es einige Mühe kosten, die Menschen wieder in die Flugzeuge zu bekommen. In Europa bedeutet dies laut Michael O’Leary, dem Chief Executive Officer von Ryanair, Tarife von nur 9,99 Euro. Andere Ideen, die Reisende anlocken sollen, sind kostenlose Hotelaufenthalte, 2-für-1-Angebote und kostenlose Reiseversicherungen.

Die Schlüsselfrage lautet, wie lange es dauern wird, Kunden von derartigen Anreizen wieder zu entwöhnen. Ein Aufschwung bei Freizeit- und Familienreisen dürfte je nach Region Mitte des Jahres eintreten. Der lukrativere Geschäftsreiseverkehr wird wahrscheinlich hinterherhinken, da Unternehmen sich scheuen, Mitarbeiter ins Flugzeug steigen zu lassen. Analyst John Grant vom Flugbuchungsspezialisten OAG erwartet erst eine Erholung, wenn keine Anreize mehr nötig sind und Fluggesellschaften die Routen mit Gewinn betreiben können.

Geldbedarf

Die Fluglinien haben im Jahr 2020 Rekordsummen an Geld beschafft, im Jahr 2021 werden weitere Zuflüsse erforderlich sein. Aktienplatzierungen und Umwandlungen von Schulden werden eine grössere Bedeutung erlangen, wenn Unternehmen versuchen, ihre Bilanzen zu sanieren. Hierbei werden die Regierungen, die laut Moody’s im vergangenen Jahr 220 Milliarden Dollar an staatlichen Beihilfen gezahlt haben, weiterhin eine Rolle spielen.

Frankreich und die Niederlande, die grössten Anteilseigner von Air France-KLM, verhandeln über eine milliardenschwere Kapitalspritze für das Unternehmen bei gleichzeitiger Umwandlung eines Teils der bereits gewährten 10,4 Milliarden Euro in Hybridanleihen. Airlines wie EasyJet werden wahrscheinlich mehr Eigenkapital aufnehmen, während das Abschmelzen der liquiden Mittel weiterhin ein Problem darstellt, sagt Daniel Roeska, Analyst bei Sanford C. Bernstein.

Konsolidierung in der Airline-Branche

Seit Beginn der Pandemie sind Dutzende von Fluggesellschaften verschwunden oder haben Insolvenz angemeldet. Weitere werden gestützt und laufen Gefahr, von stärkeren Anbietern geschluckt zu werden. In Deutschland nimmt die Lufthansa den Urlaubsspezialisten Condor ins Visier, indem sie Routen zu sonnigen Zielen wie Sansibar und Korfu neu aufnimmt.

Die einstige Lufthansa-Tochter Condor überlebte 2019 den Kollaps der damaligen Muttergesellschaft Thomas Cook und könnte ein verlockendes Ziel sein. Einige grosse Akteure wie Lufthansa, die Rettungspakete erhalten haben, könnten möglicherweise jedoch durch die Konditionen der staatlichen Hilfspakete daran gehindert werden, Käufe zu tätigen. In Indien hat Tata Sons vom angeschlagenen Partner Air Asia dessen Anteil an einem lokalen Joint Venture gekauft.

Ausflüge in den Weltraum

Nach jahrelanger Arbeit und voreiligen Prognosen sind die ersten "normalen" Weltraumabenteurer bereit, im Jahr 2021 zu fliegen, wenn der Milliardär Richard Branson kommerzielle suborbitale Flüge bei Virgin Galactic einführt. Das Unternehmen hat Investoren mitgeteilt, dass sein Raumschiff Branson im ersten Quartal von New Mexico aus befördern und dann mit einer Gruppe von etwa 600 frühen Kunden, die bis zu 250'000 Dollar pro Ticket bezahlt haben, seine Dienste aufnehmen wird.

Bransons Unternehmen könnte Konkurrenz von Jeff Bezos erhalten, der die wiederverwendbare Rakete New Shepard von Blue Origin  für suborbitale Flüge entwickelt. Ein drittes Projekt, Elon Musks Space Exploration Technologies, wird Ende des Jahres eine vierköpfige private Crew für Axiom Space befördern.

Probleme bei Grossraumflugzeugen

Während das Interesse an kleineren Flugzeugen allmählich zunimmt, ist der Markt für Twin-Aisle-Jets von Airbus und Boeing "mehr als düster", sagte der Luft- und Raumfahrtberater Richard Aboulafia. Und es gibt nicht viel ermutigende Anzeichen.

Weniger Verbindungen

Grosse Fluggesellschaften streichen neue unrentable Strecken, um Verluste einzudämmen. Weniger Flüge, kleinere Flugzeuge und weniger Grossstadtverbindungen belasten die Wirtschaft mehrerer tourismusabhängiger Standorte. Ein Teil des Rückzugs könnte laut Grant von OAG auf unbestimmte Zeit andauern. Besonders gefährdet sind Langstrecken, die sich noch in der Entwicklungsphase befinden. Ab Ende März wird British Airways dauerhaft 13 Langstreckenziele in Nordamerika, dem Nahen Osten, Südafrika und Asien streichen.

Schöne neue Welt

So wie lange Sicherheitskontrollen, das Ausziehen der Schuhe und die Begrenzung von Flüssigkeiten die Lage im Flugverkehr nach dem 11. September prägten, wird Covid wahrscheinlich die anhaltende Verwendung von Masken, soziale Distanzierung und Apps für Passagierdaten einläuten. „Wenn wir in fünf oder zehn Jahren auf dies zurückblicken, wird es ein Katalysator für viele Veränderungen sein", sagt John Strickland von der Airline-Beratungsfirma JLS Consulting.

Eine wichtige Änderung dürfte die Einführung von Covid-Tests vor dem Abflug sein. Die Fluggesellschaften hatten monatelang mit wenig Erfolg auf diesen Schritt gedrängt, um das Reisen zu fördern. Nun zwang die Entdeckung einer neuen Virusvariante in Grossbritannien die Regierungen zum Umdenken. So forderten Frankreich und andere europäische Nationen eine Überprüfung aller britischen Passagiere. Verbesserungen der Prozesse für das Einsteigen und Einchecken werden wahrscheinlich ebenfalls dauerhaft sein.

(Bloomberg/cash)

 
Aktuell+/-%
Ryanair Hldgs Rg15.495-3.61%
EUR/USD1.2039+0.03%
AIR France - KLM4.818-4.21%
Easyjet Rg9.606-2.71%
Dt Lufthansa N10.386-4.52%
Tata Motors Sp ADR20.02-2.39%
Virgin Galactic Rg22.46-3.85%
Airbus Br Rg99.92-2.71%
Boeing Co Rg244.15-1.62%

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