Givaudan machte den Anfang. Der Aromen- und Riechstoffkonzern unter der Führung von Gilles Andrier hat am Dienstag über die Geschäftszahlen für das dritte Quartal informiert. Viele weitere Firmen werden in den kommenden Wochen folgen und für Anlegerinnen und Anleger wichtige Angaben zu Umsatz und Gewinn machen (siehe Tabelle zu den Daten).

Wichtig sind die kommenden Drittquartalszahlen deshalb, weil sich der Aktienmarkt derzeit im Umbruch befindet. Die Nervosität ist deutlich angestiegen. Anlegerinnen und Anleger stellen sich zunehmend auf eine länger anhaltende Inflation ein und antizipieren die Trendwende in der Geldpolitik. Das Rückfahren der Anleihenkäufe durch die US-Notenbank Fed könnte bereits im Dezember beginnen.

Industrie wegen Margendruck im Gegenwind

Der breite Swiss Performance Index hat seit Mitte August 6 Prozent korrigiert, der Swiss Market Index 7 Prozent. In diesem Marktumfeld, in dem bereits steigende Renditen bei den Staatsanleihen zu Korrekturen führen und die Marktteilnehmer nervös sind, werden die Drittquartalszahlen einen starken Einfluss auf die Kursentwicklung einzelner Titel haben. Um Anlegerinnen und Anleger zu Nachkäufen zu bewegen, müssen die Erwartungen vermutlich deutlich übertroffen werden.

Dies wird schwierig: "Die Mehrheit der Schweizer Unternehmen hat überraschend starke Halbjahreszahlen vorgelegt. Entsprechend schwer dürfte es für sie im aktuellen Marktumfeld sein, da nochmals eine Schippe obendrauf zu legen", sagt Tobias Knoblich, Senior Economist bei Raiffeisen, gegenüber cash.ch. Zudem sind Erwartungen immer noch hoch und der Basiseffekt wird weniger vorteilhaft sein als im vorangegangen Quartal - im dritten Quartal 2020 setzte weltweit die Wirtschaftserholung ein.

Dabei zeichnet sich ab, dass das Wirtschaftswachstum den Peak längst durchschritten hat und die konjunkturelle Dynamik nachlässt. Zudem dürften sich die steigenden Rohstoffpreise auf die Inputkosten bei zahlreichen Unternehmen auswirken. Auch die gestressten Lieferketten werden ins Gewicht fallen. Der Baltic Dry Index befindet sich auf dem höchsten Stand seit 2008. Dieser bildet die Transportpreise für Güter wie Kohle, Eisenerz, Zement und Getreide auf wichtigen Schiffsrouten ab. Knoblich sieht in diesem Umfeld im dritten Quartal insbesondere die Industrie im Gegenwind: "Das bedeutet Margendruck."

Hohe Fallhöhe bei Rieter oder Bossard

Trotz des seit Mitte August anhaltenden Negativtrends am Schweizer Aktienmarkt ist die Fallhöhe bei zahlreichen Einzeltiteln immer noch sehr hoch. Seit Jahresbeginn hat sich der Kurs beispielsweise beim Spinnereimaschinenhersteller Rieter verdoppelt. Das Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) ist für einen Industrietitel mit 39 hoch. Beim Halbleiterzulieferer VAT steht bei einem Kursplus von 66 Prozent gar ein KGV von 53 zu buche.

Während aber die anhaltende Chipknappheit und der angestaute Investitionsbedarf in der Halbleiterindustrie bei VAT weiterhin für Rückenwind sorgen dürften, stehen bei Rieter die Inputkosten und möglicherweise Probleme in der Lieferkette im Vordergrund. Das gleiche gilt für den Schraubenhändler und Verbindungstechnikspezialist Bossard, der am Mittwoch den Umsatz zum dritten Quartal vorliegen wird. Bei Bossard, dessen Aktien dieses Jahr 67 Prozent hinzugewonnen haben, ist zumindest die Fallhöhe gemessen am KGV von 24 kleiner.

Bei den diesjährigen Börsenüberfliegern mahnt Knoblich generell zur Vorsicht: "Wenn eine Aktie seit Anfang Jahr 50 Prozent oder mehr zugelegt hat, ist Vorsicht geboten. Die Frage drängt sich auf, ob das Unternehmen tatsächlich so viel mehr Wert hat. Mit zunehmender Performance steigt schliesslich die Gefahr von Gewinnmitnahmen." Entscheidend bleibt am Schluss bei den Industrietiteln die Preissetzungsmacht: Je besser ein Unternehmen diese höheren Produktionskosten an die Kunden weitergeben kann, umso geringer ist die Einbusse der Profitabilität. cash.ch hat hier über Unternehmen mit dieser Eigenschaft berichtet.

Richemont, Logitech und Alcon unter Beobachtung

Auch im Swiss Market Index könnten einzelne Titel unter Druck kommen, wenn sich das Gewinn- und Umsatzwachstum verlangsamen sollte. Gefährdet ist etwa der Luxusgüterhersteller Richemont, der trotz starker Korrektur seit Mitte August ein Jahresplus von 27 Prozent aufweist. Der Titel ist mit einem KGV von 40 immer noch stolz bewertet. Am 12. November werden Anlegerinnen und Anleger mit Argusaugen die Angaben zum bedeutendsten Markt China analysieren. Gerade dort droht sich das Wirtschaftswachstum auch wegen des Evergrande-Dramas weiter zu verlangsamen.

Termine der Zahlensaison zum dritten Quartal 2021 am SMI

Givaudan 12. OktoberSwiss Re 29. Oktober
Nestlé 20. OktoberGeberit 3. November
Roche 20. OktoberCredit Suisse 4. November
ABB 21. OktoberSwiss Life 9. November
Sika 22. OktoberAlcon 10. November
Novartis 26. OktoberZurich Insurance 11. November
UBS 26. OktoberRichemont*12. November
Logitech*26. OktoberSGS**25. Januar 
Swisscom 28. OktoberLonza**26. Januar 
Holcim 29. OktoberPartners Group**22. März 

* Ergebnis 2. Quartal **Jahresergebnis 2021

Auch einem anderen SMI-Börsenüberflieger dürfte die hohe Bewertung zum Nachteil gereichen. Das diesjährige Kursplus beläuft sich beim Augenheilkundespezialisten Alcon auf 24 Prozent, das KGV liegt bei 37 - Gewinnmitnahmen könnten mit den Zahlen erfolgen. Weniger brisant ist die Situation hingegen bei den Pharmagrössen Roche und Novartis mit ihrem soliden Geschäftsmodell, die mit einem KGV von 20 und 13 moderat bewertet sind. Bei diesen dürfte die Erstarkung des Dollars das Ergebnis für den wichtigen US-Markt besser ausfallen lassen. 

Im dritten Quartal haben sich wohl auch Unternehmen schwergetan, die zuvor direkt von der Corona-Pandemie profitiert haben. Dazu gehört der Computerzubehörhersteller Logitech. Wer etwa erst vor kurzem Equipment für das heimische Büro gekauft hat, benötigt wahrscheinlich nicht gleich wieder Maus, Tastatur oder Headset. Zugute kommt dem Titel, dass er in den letzten vier Wochen bereits 11 Prozent korrigiert hat. Ob dies das Ende der Fahnenstange ist, werden die Quartalszahlen am 26. Oktober weisen.

Wenig Abwärtspotenzial bei Finanztiteln

Für die aktuelle Marktlage gut gerüstet sind hingegen die Bankentitel. Die steigenden Renditen stützen das traditionelle Zinsgeschäft. Zudem ist die Anlegerstimmung an den Aktienmärkten immer noch positiv, was sich in den Handelsgebühreneinahmen zeigen sollte. Es ist nicht zufällig, dass die UBS entgegen dem Markt in den letzten vier Wochen 1,3 Prozent hinzugewonnen hat. Die Grossbank ist trotz des diesjährigen Kursanstiegs von 23 Prozent mit einem KGV von 10 günstig bewertet. Für einen Kursrücksetzer könnte vielmehr die am 13. Dezember erwartete Entscheidung im Steuerstreit mit Frankreich sorgen.

Bei den Versicherungen wie Swiss Life oder Zurich Insurance ist schon ziemlich viel Negatives eingepreist - die Erwartungen sind vergleichsweise bescheiden. Die immer noch günstige Bewertung mit einem KGV von 13 für Swiss Life und 15 für Zurich Insurance bietet Schutz gegen unten und die hohen Dividendenrenditen von über 4 Prozent steigern die Attraktivität der Titel zusätzlich. Zudem ist das Risikobewusstsein der Kunden in der Krise weltweit gestiegen. Dies dürfte das Wachstum sowohl im Leben- wie auch im Nichtlebengeschäft begünstigen und sich in den Drittquartalszahlen abbilden.

ManuelBoeck
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