Experten glauben, dass weitere Institute nachziehen könnten. Zwar verlangen viele Banken schon seit einiger Zeit negative Zinsen von privaten Kunden, räumten bislang allerdings Freibeträge von 100'000 Euro oder mehr ein.

Das änderte sich jetzt mit dem Eingeständnis der Volksbank Raiffeisenbank Fürstenfeldbruck, neue Tagesgeldkonten mit einem Negativzins von 0,5 Prozent für das gesamte Guthaben zu belegen. Die Kreissparkasse Stendal führte eine ähnliche Regelung ein und die Frankfurter Volksbank soll laut der Frankfurter Allgemeinen Zeitung einen solchen Schritt zumindest erwägen. Das Institut erklärte auf Nachfrage, es sei noch nichts entschieden.

Negativzinsen für Banksparer sind auch in der Schweiz bei einem Leitzins von -0,75 Prozent nicht unbekannt. Laut Experten wird die Zahl der Institute, die einen solchen Strafzins verhängen, wohl noch zunehmen. Auf die gesamten Guthaben erhebt aber bisher nur die Alternative Bank der Schweiz einen Negativzins. 

Auch EZB im Minuszins-Territorium

Im September war der EZB-Einlagesatz auf minus 0,5 Prozent gesenkt worden, was es für Geschäftsbanken teurer macht, überschüssige Gelder bei der Zentralbank zu parken. Gleichzeitig wurden aber Ausnahmen eingeführt. Deutsche Banken hatte die EZB-Zinspolitik vor den Änderungen im September jährlich rund 2,4 Milliarden Euro gekostet.

Bloomberg hat Experten gefragt, ob sie eine Ausweitung der Negativzinsen für Privatkunden ohne Freibeträge erwarten: Friedrich Heinemann, Leiter des Bereichs Unternehmensbesteuerung und Öffentliche Finanzwirtschaft am ZEW: "Jetzt bricht der Damm. Nun wird rasch eine Kettenreaktion einsetzen. Banken, die nicht mit Negativzinsen nachziehen, würden mit Liquidität geflutet." Dies könne kein Bankvorstand in Deutschland verantworten. "Gesetzliche Versuche, Negativzinsen für Normalkunden zu verbieten, wären unerlaubte Eingriffe in die freie Preisbildung und würde die Banken zum Verlustgeschäft verdammen."

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Risikoarme Anlagetipps in Zeiten von Negativzinsen

Hans-Peter Burghof vom Lehrstuhl für Bankwirtschaft und Finanzdienstleistungen an der Universität Hohenheim sagrt: "Es könnte sein, dass weitere Banken folgen und Negativzinsen von ihren privaten Kunden ab dem ersten Euro verlangen werden. Vieles wird von den Signalen der EZB abhängen. Sollte der Einlagensatz auf Dauer im negativen Bereich verharren, haben die Banken gar keine andere Wahl."

Signal an Neukunden

Isabel Schnabel, Professorin für Financial Economics an der Universität Bonn und mögliches neues EZB-Direktoriumsmitglied, äusserte sich im Gespräch mit Bloomberg wie folgt: "Bislang dürften Negativzinsen vor allem dazu dienen, Neukunden zu signalisieren, dass die Bank keine zusätzlichen Kundengelder benötigt." Schnabel geht davon aus, dass die Banken bei Bestandskunden sehr viel zurückhaltender sein werden, denn Negativzinsen sind bei den Kunden extrem unbeliebt.

Aloys Prinz, Direktor am Institut für Finanzwissenschaft II der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster, äussert sich pessimistischer: "Ich gehe davon aus, dass die Dämme gebrochen sind. Weitere Banken werden ebenfalls auf private Einlagen einen negativen Zins ab dem ersten Euro verlangen. Und wenn es viele sind, werden es irgendwann auch alle sein." Die Banken suchten nach alternativen Einnahmequellen - und Bareinlagen mit negativen Zinsen zu belegen sei eine Möglichkeit.

(Bloomberg/cash)