Vollgeld-Initiative - «Das Nein der SNB zum Vollgeld ist schwer nachvollziehbar»

Im Juni wird über die Annahme der Vollgeld-Initiative abgestimmt. Im cash-Video-Interview sagt Initiant Reinhold Harringer, weshalb ein neues Geldsystem nötig sei und wie er sich die ablehnende Haltung der SNB erklärt.
15.02.2018 10:35
Von Pascal Züger
Reinhold Harringer ist Ökonom und Mitglied des Vollgeld-Initiativkomitees.
Bild: cash

"Das heutige Finanzsystem ist voller Risiken", sagt Ökonom Reinhold Harringer im Video-Interview mit cash. Es häufe sich ein riesiger Schuldenberg an, auch in der Schweiz. Betroffen seien davon die privaten Haushalte. "Und irgendwann geht jedes Schuldensystem kaputt."

Harringer und weitere Initianten fordern deshalb ein Umkrempeln des heutigen Geldsystems, in dem Geschäftsbanken elektronisches Geld, so genanntes Giralgeld, selber erzeugen dürfen. Mit dem vorgeschlagenen neuen Vollgeld-System dürfte nur noch die Schweizerische Nationalbank (SNB) elektronisches Geld bereitstellen. Geschäftsbanken hingegen würden zu reinen Finanzintermediären degradiert, die nur noch Kredit mit Geldern vergeben könnten, die zu 100 Prozent von der Nationalbank gedeckt sind.

Als radikaler Umbau des heutigen Systems mit völlig ungewissem Ausgang bezeichnete Rudolf Minsch, Chefökonom der Economiesuisse, in einem cash-Interview vom November 2016 die Idee des Vollgelds. Auf der ganzen Welt sei so etwas noch nie versucht worden, die Schweiz würde zu einem gewaltigen Versuchslabor. Auch National-, Stände- und Bundesrat haben sich seither gegen die Initiative ausgesprochen, die am 10. Juni 2018 vor das Volk kommen wird.

"Wir sehen keine Risiken", entgegnet Harringer der Kritik. Vollgeld sei nicht etwas völlig Neues, denn Bargeld sei bereits Vollgeld. Ausserdem könne das sich im Umlauf befindende Giralgeld bei einem Volks-Ja innerhalb von einem Tag auf Vollgeld umgestellt werden. "Die Umstellung ist durchdacht und kann mit geringen Risiken bewerkstelligt werden."

Vollgeld stösst auch bei zahlreichen Geldexperten - zumindest theoretisch - auf Sympathien. Jedoch wird häufig gerade die Umstellung zum neuen System als Problem angesehen. Beim Übergang zum neuen System sei die Finanzstabilität gefährdet, heisst es oft. 

Auch die SNB ist gegen Vollgeld

Bei der Bevölkerung kommt das Vollgeld-Anliegen zwar gut an - so hatten sich in einer cash-Umfrage vom April 2015 ganze 72 Prozent für die Initiative ausgesprochen. Doch dürfte es das Anliegen sehr schwer haben, zumal die Gegnerschaft immer grösser wird: Neben der Politik, verschiedenen Verbänden und zahlreichen Geschäftsbanken ist auch die SNB klar gegen eine Systemänderung.

Ausgerechnet die SNB, die durch die Umstellung mehr Verantwortung und Macht bekäme, sträubt sich also dagegen. "Dass die Nationalbank ein Vollgeld-System ablehnt, ist schwer nachvollziehbar", meint Harringer dazu. Offenbar möchte die SNB diese Macht derzeit nicht oder habe Angst vor der Verantwortung, mutmasst der Vollgeld-Initiant. Und fügt an: "Vollgeld würde natürlich bedingen, dass gewisse Dinge geändert werden müssen. Und jede Umstellung macht Beamten und Angestellten zuerst einmal Angst."

Mitte Januar bekräftigte die SNB ihre ablehnende Haltung zur Vollgeldinitiative. Gemäss SNB-Präsident Thomas Jordan würde eine Annahme des Begehrens die Schweizer Wirtschaft "in eine Phase grosser Unsicherheit stürzen". Es wäre eine Abkehr von der bewährten Aufgabenverteilung zwischen Zentralbank und Geschäftsbanken. Der Nationalbank würde "eine schwere Rolle in der Kreditvergabe" aufgebürdet. Dies würde zu einer nicht wünschenswerten Zentralisierung führen, welche das gute Funktionieren der Wirtschaft "durch politische Einflussnahme, falsche Anreize und fehlenden Wettbewerb im Bankgeschäft" beeinträchtigen würde.

Im cash-Video-Interview sagt Reinhold Harringer ausserdem, was ein Vollgeld-System für die beiden Grossbanken Credit Suisse und UBS sowie für Bankkunden bedeuten würde und welches Ergebnis er am 10. Juni bei der Volksabstimmung erwartet.