Jede zweite Person würde gerne vor 65 in den Ruhestand gehen. Doch Wunsch und Wirklichkeit einer Frühpensionierung liegen oft weit auseinander, weil zu wenig Geld vorhanden ist. Gründe dafür können sein: Erwerbspausen und Teilzeitarbeit, eine fehlende dritte Säule, ein tiefer Umwandlungssatz der Pensionskasse, eine hohe Lebenserwartung, ein anspruchsvoller Lebensstil sowie spät im Leben einsetzende Sparanstrengungen.
Zudem neigen Schweizerinnen und Schweizer nach wie vor weniger zum Investieren und eher zum reinen Sparen. Weniger als die Hälfte besitzt Aktien; vier von fünf parkieren zumindest einen Teil ihres Geld auf einem Konto, wo es sich wegen der anhaltend tiefen Zinsen kaum vermehrt.
Handkehrum: Wer gut plant und zielstrebig handelt, erhöht die Chancen auf einen komfortablen Ruhestand. Eine solche Planung setzt nicht nur auf die AHV, die berufliche Vorsorge und die dritte Säule: «Ein ab 40 einsetzender und konsequent durchgeführter privater Vermögensaufbau ist notwendig», sagt Andreas Lichtensteiger, Geschäftsführer des Finanzplanungs- und Beratungsunternehmens Vermögenspartner.
Der Experte bezeichnet jenen privaten Vermögensaufbau als vierte Säule der Altersvorsorge. Gesagt ist damit, dass AHV, Pensionskasse und dritte Säule um einen Pfeiler - das Investieren ohne staatliche Vorgaben - erweitert und die persönliche Vorsorge so breiter abgestützt wird.
Zwei Fragen stellen sich unmittelbar:
- Erstens: Wie viel zusätzliches Kapital ist überhaupt notwendig, damit man den gewünschten Lebensstandard aufrechterhalten kann?
- Zweitens: Was muss man tun, um das notwendige Kapital zu beschaffen?
Kapitallücke kann mehrere hunderttausend Fragen gross sein
Zur Antwort auf die erste Frage hilft ein Beispiel. Es geht von einer 40-jährigen Person aus, die alleinstehend und konfessionslos in Zürich lebt und dort Steuern bezahlt. Sie schätzt ihren Bedarf für den Lebensunterhalt nach der Pensionierung auf 100'000 Franken pro Jahr.
Sie wird die AHV-Maximalrente erhalten, aus der Pensionskasse das Kapital (rund 720'000 Franken) beziehen, über ein Säule-3a-Guthaben (rund 450'000 Franken) und Erspartes (rund 110'000 Franken) verfügen. Die Lebenserwartung wird bei 90 Jahren angesetzt. Das ist mehr als die statistische Lebenserwartung von Herrn und Frau Schweizer und trägt deshalb zu einer umsichtigen Planung bei.
Für diese Person hat Lichtensteiger ein notwendiges Kapital aus der «vierten Säule» von 570'000 Franken berechnet. So viel Geld wird die 40-jährige Person bis zur Pensionierung beschaffen müssen, damit sie den angepeilten Lebensstandard durch die AHV-Rente, das Kapital aus der zweiten und dritten Säule sowie dem separat aufgebauten Vermögen decken kann.
Die Antwort zur zweiten Frage - «Was tun?» - führt über eine persönliche Bestandsaufnahme, die den Kapitalbedarf - die 570'000 Franken -, den Anlagehorizont, die Risikofähigkeit sowie die Risikobereitschaft erfasst. Wer viel Risiko eingehen kann und will, wird erwartungsgemäss höhere Renditen erzielen. Deswegen wird er oder sie pro Monat weniger Geld sparen beziehungsweise investieren und die vierte Säule stecken müssen. Lichtensteiger hat folgendes berechnet:
| Risiko | Erwartete Rendite (in %) | Sparbetrag pro Monat (in CHF) |
| tief | 1 | 1500 |
| 2 | 1300 | |
| 3 | 1200 | |
| mittel | 4 | 1000 |
| 5 | 900 | |
| 6 | 700 | |
| hoch | 7 | 600 |
Geht die Beispielperson ein mittleres Risiko ein, kann sie mit einer Rendite von 4 Prozent rechnen. Dann muss sie der Expertenkalkulation zufolge 1000 Franken pro Monat investieren, damit sie bis zur Pensionierung auf 570'000 Franken kommt.
Wichtig ist konsequentes und langfristiges Geldanlegen - sowie finanzieller Spielraum an den Monatsenden: Ein relativ hohes Einkommen bei moderaten Ausgaben wird erforderlich sein, damit jemand einen Betrag von 1000 Franken - oder mehr - pro Monat zur Seite bringen kann. Für Alleinstehende wie die Person im Beispiel ist das oft machbar. Enger wird es für Leute, die knapp verdienen und Familie haben.
ETF-Sparpläne als «erstklassiger Weg zum langfristigen Vermögensaufbau»
Die klassischen Eckpunkte des Investierens gelten auch beim Geldanlegen für die Altersvorsorge - beispielsweise, dass man über Anlageklassen, Branchen und Länder hinweg diversifiziert, die Marktentwicklung verfolgt, Risiken auf die persönliche Tragfähigkeit und Bereitschaft abstimmt oder die Nerven im Zaun hat, wenn die Börsen vorübergehend fallen. Das alles kann in Eigenregie und über ein selbst verwaltetes Portfolio geschehen oder über einen professionellen Vermögensverwalter - der allerdings nicht gratis arbeitet.
Da man sich bei einem früh einsetzenden Vermögensaufbau, etwa als 30- bis 40-jährige Person, auf Jahre und Jahrzehnte ausrichtet, sind auch Gefässe gefragt, die ein konsequentes Vorgehen unterstützen - einen sozusagen also «bei der Stange halten».
Unter anderem genau damit werben Anbieter von ETF-Sparplänen (ETF: Exchange-Traded Fund). Auf einfache und kostengünstige Weise könnten regelmässig kleinere oder grössere Beträge eingesetzt werden, heiss es - ähnlich den Daueraufträgen, die man beispielsweise für das Begleichen der Miete einrichtet. Andreas Lichtensteiger pflichtet bei: «ETF-Sparpläne sind ein erstklassiger Weg zum langfristigen Vermögensaufbau, da sie ein diszipliniertes Sparen über lange Zeit hinweg fördern.»
ETF-Sparpläne
Bis vor kurzem waren ETF-Sparpläne in der Schweiz wenig verbreitet. Mittlerweile sind sie beliebter geworden. Die Grundidee ist einfach: Man entscheidet sich, in welchen oder welche ETF man investieren will, und setzt Monat für Monat eine bestimmten Betrag ein, der optimalerweise per Dauerauftrag vom Lohnkonto aus überwiesen wird. Er ist nicht sakrosankt, sondern kann zwischendurch auch geändert werden.
Dieses quasi-automatische Investieren über längere Zeit hinweg hat auch bei moderaten Renditen Vorteile, etwa das Ausnutzen des Zinseszinseffekts. Hingegen muss man mit zeitweiligen Verlusten aufgrund von Marktschwankungen rechnen. Zudem lohnt es sich, die Kosten genau zu prüfen. Auch wenn sie generell tief erscheinen, gibt es von Anbieter zu Anbieter Unterschiede.
In einer Gesamtbetrachtung stellt man seine Altersvorsorge also auf die AHV, die Pensionskasse, die Säule 3a und eine Geldanlage, etwa einen ETF-Sparplan, ab.
Bei solchen ETF-Plänen sind einige Punkte wichtig. Zunächst: Die Kosten unterscheiden sich von Anbieter zu Anbieter, ein genauer Blick darauf wird sich langfristig auszahlen. Dann: Zur breiten Streuung bieten sich mehrere geografisch unterschiedliche ETF an - es gibt solche, welche den Schweizer Aktienindizes SMI, SLI und SPI abbilden, und solche, die dem US-Aktienmarkt folgen.
ETF auf den oft genannten MSCI World Index erfassen laut Faktenblatt zwar mehr als 1300 Titel aus 23 Ländern. De facto aber machen die USA rund 70 Prozent und Technologietitel gut 25 Prozent des Index aus. Allein die sieben grossen US-Technologiewerte - die «Magnificent 7» - sind zu 22 Prozent gewichtet. Der Weltaktienindex hat also durchaus Schlagseite.
Ein weiterer Punkt: Das investierte Geld liegt mit Vorteil in der Schweiz und nicht im Ausland. Denn ein Kapitalausfuhrverbot eines anderen Landes könnte den Zugriff auf das Vermögen unmöglich machen. Wer auf Jahre und Jahrzehnte hinaus plant, bedenkt diesen womöglich irgendwann eintretenden Fall vorsichtshalber.
Und schliesslich drängt die Frage: Warum soll man überhaupt Geld für eine «vierte Säule» einsetzen, wenn man es doch für Pensionskasseneinkäufe oder die dritte Säule verwenden, so die persönliche Vorsorge stärken und dabei erst noch Steuervorteile ausnutzen kann?
Die Antwort lautet zum einen: «In jedem Fall sollte in eine 3a-Wertschriftenlösung einbezahlt werden - zum Vermögensaufbau und wegen der Steuervorteile», so Lichtensteiger.
Pensionskasseneinkäufe sind gemäss dem Experten in jungen Jahren - 35 bis 40 - aus mehreren Gründen nicht ratsam: Erstens sei das Geld grundsätzlich gebunden und darum für Jahrzehnte nur ausnahmsweise verfügbar. Zweitens sei die Rendite der Pensionskasse kaum planbar. Sie schwanke von Jahr zu Jahr und von Kasse zu Kasse. Und drittens: Die Steuervorteile seien in höherem Alter grösser, weil die Abzüge bei dann höherem Einkommen und höherer Progressionsstufe stärker ins Gewicht fielen.
Darum: «Ab 35 hat der Vermögensaufbau Vorrang. Erst ab 55 wird die Optimierung der Altersvorsorge, insbesondere über Pensionskasseneinkäufe, aktuell.»

