Anlegerinnen und Anleger werden verstärkt in Rüstungs-, Energie- und Technologieaktien investieren, da der Nahost-Konflikt Regierungen zwingt, Sicherheit und wirtschaftliche Eigenständigkeit in den Vordergrund zu stellen.
Jahrelang belohnte die Wall Street Unternehmen, die die Globalisierung vorantrieben, während viele Länder kritische Infrastruktur, Lieferketten und Ressourcen vernachlässigten. Doch diese Ära ist vorbei, sagen Anleger – der Iran-Konflikt beschleunigt wirtschaftliche Veränderungen, die bereits durch die Corona-Pandemie, Russlands Ukraine-Invasion und den US-Handelskrieg angestossen wurden.
«Ich vermute, viele leugnen noch immer, dass sich die Welt verändert hat», sagte John Wyn-Evans, Leiter der Marktanalyse bei Rathbones. «Covid-19 und der Russland-Ukraine-Krieg waren Weckrufe – doch wir haben auf die Schlummertaste gedrückt. Jetzt läutet der Wecker erneut.»
Der Krieg hat die Nachfrage nach dem US-Dollar und US-Vermögenswerten erhöht. Gleichzeitig suchen Investoren gezielt nach Unternehmen, die eine Schlüsselrolle bei der Absicherung von Lieferketten spielen oder von Investitionen in künstliche Intelligenz, grüner Energie und Rüstung profitieren. Im Jahr 2026 führen Energie, Rohstoffe, Versorger und Industriewerte die Performance im MSCI World Index an.
«Es ist ein struktureller Neuanfang für das globale System», erklärte Sahil Mahtani, Direktor bei Ninety One. «Globalisierung endet nicht – aber sie läuft nicht mehr im Leichtmodus. Die Annahmen, die die letzten 30 Jahre prägten, werden jetzt gleichzeitig infrage gestellt.»
Europas Vorstoss zur Eigenständigkeit
Die nächste Phase der Globalisierung wird je nach Region, verfügbarem Kapital und Dringlichkeit der nationalen Regierungen unterschiedlich schnell verlaufen. Europa gibt dabei das Tempo vor, sagen Analysten.
«Veränderungen in der globalen Ordnung motivieren Europa, in strategischen Bereichen wie Rüstung und Energie selbstständiger zu werden», betonte Sanjiv Tumkur, Leiter Aktien bei Rathbones.
Der MSCI Europe Aerospace and Defense Index, zu dem Rheinmetall, Leonardo und Rolls-Royce gehören, legte in den letzten zwölf Monaten rund 35 Prozent zu. Tumkur erwartet, dass Regierungsaufträge vor allem an Unternehmen wie BAE Systems und Thales fliessen, die in elektronischer Kriegsführung und Luftabwehr aktiv sind.
Auch kleinere Rüstungstechnologie-Unternehmen verzeichnen starke Zuwächse: Exail Technologies, ein französischer Hersteller von Minensuch-Drohnen, stieg seit Anfang 2025 um etwa 600 Prozent.
Deutschland spielt eine zentrale Rolle. Die grösste Volkswirtschaft Europas erhöht ihre Militärausgaben als Reaktion auf die russische Aggression, und die Bedeutung des 500-Milliarden-Euro-Infrastrukturprogramms «kann nicht hoch genug eingeschätzt werden», so Hugh Gimber, Globaler Marktstratege bei JPMorgan Asset Management.
«Wenn Europa 2026 bereits entschlossen war, seine Abhängigkeit von anderen Nationen zu verringern, hat der Nahost-Konflikt diese Entschlossenheit nur noch verstärkt», erklärte Gimber.
Ein UBS-Korb mit Nicht-Rüstungswerten, die von staatlichen Investitionen profitieren, stieg seit März 2025 um fast 50 Prozent, als Deutschlands Konjunkturprogramm Gestalt annahm. Gleichzeitig trieb die EU-Investition in grüne Energie und kritische Infrastruktur einen Anstieg von etwa 75 Prozent in einem Goldman-Sachs-Korb für erneuerbare Energien.
Themen wie erneuerbare Energien, Netzmodernisierung, Batteriespeicher und Wasserstoff kommen Unternehmen wie Vestas Wind Systems, National Grid und SSE zugute, so Tumkur.
«In fortgeschrittenen Volkswirtschaften lag die Investitionsquote am Einkommen seit Jahrzehnten auf niedrigem Niveau», sagte Christian Keller, Leiter der Wirtschaftsanalyse bei Barclays. «Besonders der Westen hat sehr wenig investiert – das ändert sich jetzt» und fügte hinzu: «Länder müssen aufbauen».
Rückkehr der «Old Economy»
In den USA, wo der Aktienmarkt lange von Tech-Giganten dominiert wurde, bringt der Drang nach Eigenständigkeit die sogenannte Old Economy» zurück in den Fokus. Paul Eitelman, Globaler Chef-Anlagestratege bei Russell Investments, betonte, die USA seien «wahrscheinlich etwas weiter» als andere Länder, wenn es um strategische Eigenständigkeit geht.
«Wir haben bedeutende Fortschritte bei Energiesicherheit und -unabhängigkeit gemacht», sagte Eitelman. «Doch in einer fragmentierteren Welt sind diese Themen heute genauso relevant wie in vergangenen Jahrzehnten.»
Anleger zeigen vermehrtes Interesse an «Old-Economy»-Unternehmen, die Güter transportieren oder Rohstoffe liefern. Das führte zu einem Führungswechsel im S&P 500: Energie-, Rohstoff- und Industrieaktien führen nun die Rangliste an.
Die Rückkehr von Donald Trump ins Weisse Haus und sein Vorstoss für mehr Eigenständigkeit sind ein weiterer Faktor. Sein «One Big Beautiful Bill Act» soll die inländische Produktion fördern.
Die Rallye in diesem Marktsegment wird auch durch US-Bemühungen befeuert, die Führungsrolle in der KI zu halten. Unternehmen wie GE Vernova, Vertiv Holdings und Eaton profitieren etwa vom Ausbau von Rechenzentren. Vergangene Woche verzeichnete Madison Air Solutions, das Kühlsysteme für Rechenzentren herstellt, den grössten US-Börsengang eines Industrieunternehmens seit 1999.
«Der Fokus auf Resilienz bedeutet, dass es ein Wettrüsten um Ressourcen geben wird», erklärte Sameer Samana, Leiter Globaler Aktien und Real Assets bei Wells Fargo Investment Institute. «Eine Konsequenz: Anleger sollten Vollallokationen in Rohstoffe in ihren Portfolios haben.»
Samana erwartet, dass die grössten Tech-Unternehmen weiterhin von der US-Regierung unterstützt werden. Daher empfiehlt er, gezielt in Tech und verwandte Sektoren zu investieren, die von dieser Entwicklung «mitgenommen» werden.
Asiens Weg zur Resilienz
Anleger kaufen asiatische Aktien mit starken Exportaussichten, da ausländische Regierungen mehr Resilienz in Energie und Rüstung anstreben.
«Die ersten Profiteure sind Unternehmen, die von Europas Streben nach Autarkie abhängen. Doch die langfristige strukturelle Geschichte könnte Asiens eigenen Weg zur Eigenständigkeit betreffen», sagte Charu Chanana, Chef-Anlagestrategin bei Saxo Markets.
«Exportverbindungen nach Europa sind sichtbarer und einfacher zu monetarisieren, während viele asiatische Länder bei ihrem Streben nach Eigenständigkeit noch am Anfang stehen. Die Gewinnwirkung wird daher erst später spürbar», fügte sie hinzu.
Ein Beispiel ist Contemporary Amperex Technology (CATL), der weltweit grösste Batteriehersteller, dessen in Hongkong notierte Aktie seit Beginn des Iran-Kriegs um etwa 40 Prozent stieg. Der südkoreanische Rüstungskonzern Hanwha Aerospace ist ein weiterer Starperformer: Die Aktie handelt nahe einem Rekord, nachdem sie in diesem Jahr um rund 50 Prozent zulegte.
Koreanische und japanische Rüstungshersteller profitieren unterdessen von steigenden Inlandsausgaben und Exportchancen, so Analysten. «Wir sehen eine rasche Zunahme der Investitionen in koreanische Rüstungs- und Industrieunternehmen», sagte Manishi Raychaudhuri, CEO von Emmer Capital Partners. «Grosse europäische Rüstungskäufer – insbesondere Polen – importieren mittlerweile mehr aus Korea als aus den USA.»
Die grosse Frage ist nun, ob sich der Nahost-Krieg als echter Wendepunkt für die Globalisierung erweist. «Es sieht so aus, als würden wir uns vom Höhepunkt der Globalisierung entfernen», sagte Eitelman von Russell Investments. «Ich würde nicht sagen, sie ist vorbei. Die bisherigen Anzeichen deuten eher auf eine Umgestaltung globaler Lieferketten hin – nicht auf eine komplette Deglobalisierung.»
(Bloomberg/cash)
