Alcon, Stadler und Co. - Die deprimierende Performance der Schweizer Börsenneulinge

In den letzten zwei Jahren liessen sich 17 Firmen an der Schweizer Börse kotieren. Wie eine Auswertung von cash zeigt, konnten davon nur zwei Titel den Markt schlagen. Viele hingegen sind abgestürzt.
25.09.2019 23:02
Von Pascal Züger
Ein Blick auf das Abschneiden der Schweizer IPOs ist kein Grund zur Freude.
Ein Blick auf das Abschneiden der Schweizer IPOs ist kein Grund zur Freude.
Bild: pixabay.com

Es ist drei Monate her, als sich mit dem Verpackungsunternehmen Aluflexpack zuletzt eine Firma an der Schweizer Börse kotieren liess. Die ersten Börsentage konnte die Aktie zunächst etwas zulegen, doch schon bald folgte die Ernüchterung in Form von sinkenden Kursen. Heute ist die Aktie wieder auf dem gleichen Stand wie beim Börsengang, während der Gesamtmarkt über diesen Zeitraum besser performte.

Und Aluflexpack ist keine Ausnahme: Wie eine cash-Auswertung der 17 Börsengänge an der Schweizer Börse SIX in den letzten zwei Jahren zeigt, können performancemässig mit Stadler Rail und SIG gerade mal zwei Neueinsteiger den Gesamtmarkt, gemessen am Swiss Performance Index, schlagen. Zehn Titel sind sogar im zweistelligen Prozentbereich abgestürzt (siehe Tabelle am Artikelende).

"Es ist eine Normalität, dass bei Börsengängen die Mehrheit schlecht performt", sagt Tim Schläpfer, Fondsmanager bei 3V Asset Management, auf cash-Anfrage. Der Markt wolle einen positiven Leistungsausweis des Managements, eine hohe Visibilität sowie eine gute Profitabilität sehen, bevor er einsteige. Zudem sei das allgemeine Marktumfeld ungünstig für IPOs, da der Appetit der Investoren auf risikoreiche Small Caps derzeit relativ klein sei. "Von 2015 bis 2017 sah es noch anders aus, da kamen viele Börsengänge gut aus den Startlöchern."

«Unausgereifte Geschäftsmodelle»

Auch Marc Possa, CEO von VV Vermögensverwaltung, sieht eine Teilschuld im schwierigeren Marktumfeld. Doch geht er mit einigen Firmen hart ins Gericht: "Teilweise sind unausgereifte Geschäftsmodelle an die Börse gekommen, ich denke da etwa an Polyphor."

Die Biotech-Firma hat noch keine Produkte auf den Markt gebracht und seit dem Börseneinstieg im Mai bereits 83,6 Prozent an Wert eingebüsst. Im Sommer musste die Entwicklung eines zunächst vielversprechenden Antibiotikums abgebrochen werden, da zu viele Patienten ein akutes Nierenversagen erlitten hatten. Als letzten Strohhalm gibt es für Investoren noch das Krebsmedikament Balixafortide, welches jedoch noch weit von der Marktreife entfernt ist. Ein Investment ist derzeit nicht zu empfehlen.

Als massive Misserfolge erwiesen sich auch die ersten Börsenmonate der Rohstofffirma Blackstone Resources (-92,6 Prozent), des sozialen Netzwerks Asmallworld (-75,6 Prozent) und von Igea Pharma (-64,8 Prozent) aus den Niederlanden, die vergangenen Dezember fast schon unbemerkt an die Schweizer Börse ging. Sie alle können mit ihrem Geschäftsmodell nicht überzeugen und sind von Anlegern tunlichst zu meiden, da eine Wende zum Guten doch eher unwahrscheinlich ist.

Enttäuschend waren auch die Minus 44,6 Prozent von Klingelnberg, einem Hersteller von Werkzeugmaschinen. Gemäss Fondsmanager Possa wurde die Firma von den Problemen der Autoindustrie in Mitleidenschaft gezogen, das Reboundpotenzial sei jedoch "erheblich". Ähnlich euphorisch zeigt sich Pascal Furger von der Bank Vontobel: "Wir erwarten eine Fortsetzung der erfolgreichen Marktdurchdringung im Segment Stirnräder, die im Laufe der Zeit zu einem Anstieg der Ebit-Marge führen wird", schreibt der Analyst in einem Kommentar. Er empfiehlt zum Kauf der Klingelnberg-Aktie mit einem Kursziel bei 48 Franken - das liegt ganze 60 Prozent über den aktuellen 29,90 Franken. 

Die (wenigen) gelungenen Börsendebuts

Als positiven Ausreisser unter den Börsennovizen bezeichnet Fondsmanager Schläpfer den Zughersteller Stadler Rail, der seit dem Börsengang um 7,5 Prozent angestiegen ist und den Markt damit knapp schlagen konnte (6,4 Prozent). Die Firma habe Qualität und das Management um Firmenpatron Peter Spuhler geniesse eine hohe Glaubwürdigkeit. Schläpfers Fonds - der sich auf Schweizer Small und Mid Caps fokussiert - hat bereits den Börsengang mitgemacht und hält den Titel unverändert als mittelgrosse Position.

Stadler Rail kann derzeit volle Auftragsbücher vorzeigen, zudem wurde jüngst durch ein neues Joint Venture mit der indonesischen PT Inka der Markteintritt in Asien vollzogen. Das eröffnet neue Wachstumsmöglichkeiten, nachdem Stadler über 10 Jahre lang nach einem Partner in Asien suchte. Doch die Erwartungen an die Firma sind inzwischen sehr hoch, künftige Enttäuschungen könnten den Kurs belasten. Mittelfristig jedoch ein vielversprechendes Investment.

Der zweite Überperformer (+13,4 Prozent seit IPO) ist die auf Verpackungen spezialisierte SIG. Die Zahlen überzeugen bisher, künftig rechnet das Unternehmen zudem mit einem Umsatzwachstum von 4 bis 6 Prozent und einer Gewinnmarge (Stufe Ebitda) von 27 bis 28 Prozent. Mit einem Kurs-Gewinn-Verhältnis für 2019 von 16 ist die Aktie weiterhin attraktiv, jedoch sollte die Entwicklung der Verschuldung im Auge behalten werden.

Direkter Sprung in den SMI

Ebenfalls ganz flott kam das Novartis-Spinoff Alcon in die Gänge (+6,0 Prozent versus +6,6 Prozent Gesamtmarkt), welches aufgrund der hohen Marktkapitalisierung (aktuell 28,5 Milliarden Franken) auf Anhieb die Aufnahme in den Leitindex SMI schaffte. Der Augenspezialist befindet sich aber derzeit in einer Umbauphase, das vergangene Quartal wurde mit einem Verlust abgeschlossen.

Der Übergang von Alcon zu einem erfolgreichen, selbstständigen Unternehmen könnte noch eine Weile dauern. Ob der Turnaround gelingen wird, ist ungewiss, scheint aber im Aktienkurs bereits eingepreist zu sein: Die Bank Vontobel berechnet für Alcon ein adjustiertes KGV 2020 von 29,2. Für einen Einstieg ist das doch etwas gar teuer.

Performance der Börsengänge in der Schweiz in den letzten zwei Jahren

Aktie IPO-Datum Performance
seit IPO
Entwicklung SPI
seit IPO
Aluflexpack 28.06.2019 +0,2 Prozent +1,8 Prozent
Stadler Rail 12.04.2019 +7,5 Prozent +6,4 Prozent
Alcon 09.04.2019 +6,0 Prozent +6,6 Prozent
Medacta 04.04.2019 -21,2 Prozent +6,8 Prozent
Igea Pharma 20.12.2018 -64,8 Prozent +21,9 Prozent
Fundamenta 06.12.2018 +1,0 Prozent +16,3 Prozent
SIG 28.09.2018 +13,4 Prozent +12,1 Prozent
Obseva 13.07.2018 -42,5 Prozent +14,9 Prozent
Blackstone Resources 09.07.2018 -92,6 Prozent +16,6 Prozent
Lalique 25.06.2018 -27,2 Prozent +17,5 Prozent
Klingelnberg 20.06.2018 -44,6 Prozent +19,3 Prozent
Polyphor 15.05.2018 -83,6 Prozent +13,2 Prozent
Ceva* 04.05.2018 +7,8 Prozent +15,8 Prozent
Medartis 23.03.2018 -12,2 Prozent +20,4 Prozent
Sensirion 22.03.2018 -10,1 Prozent +18,5 Prozent
Asmallworld 20.03.2018 -75,6 Prozent +18,2 Prozent
Poenina 16.11.2017 -2,1 Prozent +16,5 Prozent

*Ceva wird von der französischen Firma CMA CGM übernommen. 
Quellen: cash und SIX, Zahlen vom 25.09.2019

 
Aktuell+/-%
Stadler Rail N43.54+0.46%
Aluflexpack N37.20-2.87%
SIG Combi Grp N21.04+0.29%
SPI13'569.32+0.55%
Polyphor N7.9800.00%
ASMALLWORLD N3.320+5.40%
IGEA Pharma Rg0.460-3.77%
Klingelnberg N21.60+4.35%
Vontobel Holding N73.90+0.89%
Novartis N86.02+0.58%
SMI10'934.62+0.53%
Alcon Rg64.28-0.80%
Medacta Group N97.30+0.93%
Fundamenta Real N17.950-1.10%
ObsEva Rg3.920-5.77%
Lalique Group N36.00+1.69%
Medartis Hldg N44.80+0.34%
Sensirion Hldg N62.40+0.81%