Die Zahlen zum dritten Quartal sind der letzte Wegweiser in diesem Jahr, wie gut sich die Unternehmen in einem schwierigen operativen Umfeld geschlagen haben. Dies dürfte dann auch darüber entscheiden, wie gut das Börsenjahr 2026 ausfällt.
Einmal mehr hat im bisherigen Jahresverlauf der Nasdaq 100 die anderen Indizes hinter sich gelassen. Der US-Technologieleitindex (+21,6 Prozent) gewinnt zweistellig hinzu, während sich der Dow Jones (+6,8 Prozent) und der Euro Stoxx 50 (+5,8 Prozent) vor dem Swiss Market Index (SMI) mit einem Kursgewinn von 2,7 Prozent einreihen.
Die Strategen der drei Finanzhäuser Deutsche Bank, Goldman Sachs und UBS erwarten insgesamt eine positive Berichtssaison. Die US-Investmentbank sieht beim S&P 500 einen Marktkonsens, der für das dritte Quartal ein Wachstum des Gewinns pro Aktie von 27 Prozent gegenüber dem Vorjahr erwartet. Diese Konsensschätzung für das Wachstum im dritten Quartal ist der höchste Wert zu Beginn einer Berichtssaison seit 2021.
Dennoch implizieren die Konsensschätzungen für das dritte Quartal eine Verlangsamung gegenüber der im zweiten Quartal erzielten Wachstumsrate von 33 Prozent. Aber weder aktuelle makroökonomische Daten noch Signale durch den KI-Investitionsboom deuten auf eine Abschwächung im dritten Quartal hin. Damit seien die Weichen für ein weiteres Quartal mit Ergebnissen gestellt, die über den Konsenserwartungen liegen, so die Konklusion des Strategen Ben Snider von Goldman Sachs.
Ähnlich wie in den Vorquartalen dürften die zwei Sektoren Informationstechnologie und Energie fast 80 Prozent zum Gewinnwachstum des aktuellen Quartals beisteuern. Zudem werde für den Medianwert der jeweiligen Sektoren ein Anstieg des Gewinns pro Aktie (EPS) von mehr als 30 Prozent im Jahresvergleich erwartet.
Demgegenüber fallen die Bottom-up-Schätzungen für die Konsumsektoren besonders pessimistisch aus: Hier deuten die Prognosen auf Sektorebene auf kein Gewinnwachstum hin. Die Analystenschätzungen würden zudem auf Sektorebene eine grosse Streuung aufweisen, erläutert der Experte Snider von Goldman Sachs.
KI-Sektor im Fokus
Auf Einzeltitelebene dürften Aktien aus dem Bereich der KI-Infrastruktur im dritten Quartal für mehr als die Hälfte des Gewinnwachstums des S&P 500 verantwortlich sein. Die zehn Aktien mit dem grössten Beitrag werden voraussichtlich mehr als zwei Drittel des gesamten Gewinnwachstums des S&P 500 in diesem Quartal ausmachen, wobei Micron und Nvidia zusammen für mehr als ein Drittel des Indexwachstums stehen.
Die letzte Woche veröffentlichten Ergebnisse von Micron markierten einen überzeugenden Auftakt in das Quartal. Das Unternehmen meldete ein Gewinnwachstum von 1003 Prozent gegenüber dem Vorjahr, übertraf die Konsensschätzungen für den Gewinn pro Aktie und gab einen starken Ausblick.
In Bezug auf das Wachstum und die Streuung kommt der UBS-Stratege Keith Parker zu ähnlichen Schlussfolgerungen. «Die Gewinne und Umsätze der S&P-500-Unternehmen sind stark gestiegen. Zugleich haben die Konsensprognosen für das mittelfristige Umsatzwachstum - gemessen an unserem proprietären Indikator - ein Niveau erreicht, wie es zuletzt vor Jahrzehnten der Fall war. Eine solche Entwicklung ist typisch für Erholungsphasen.»
Parallel dazu sei die Unternehmensrentabilität, gemessen am proprietären Indikator «HOLT-CFROI», in den vergangenen fünf bis sechs Jahren um fast 10 Prozentpunkte gestiegen. CFROI steht für «Cash Flow Return on Investment» und ist eine Bewertungskennzahl, die die ökonomische Rendite eines Unternehmens oder Geschäftsbereichs im Verhältnis zum gesamten investierten Kapital misst. Sie wird als interner Zinsfuss (IRR) ausgedrückt und ermöglicht einen bereinigten Vergleich der Cashflow-Generierung über verschiedene Asset-Lebenszyklen hinweg.
Bei näherer Betrachtung zeigten sich jedoch erhebliche Unterschiede bei den Wachstums- und CFROI-Trends, schreibt Parker in seiner Analyse weiter. Die führenden 20 bis 40 Prozent der US-Unternehmen - gemessen an der erwarteten durchschnittlichen jährlichen Wachstumsrate des Umsatzes und am CFROI - vergrössern ihren Vorsprung hinsichtlich Wachstum und Rentabilität gegenüber schwächeren Vergleichsgruppen.
Dennoch gibt es zahlreiche Unternehmen mit hoher Wachstumsdynamik und starkem CFROI, deren Aktienkurse – basierend auf unserem Bewertungsmodell – deutlich unter dem Niveau notieren, das durch ihre soliden Fundamentaldaten gerechtfertigt wäre, so der UBS‑Experte. Zu dieser Gruppe gehören Unternehmen wie Sterling Infrastructure, Otis, Westinghouse Air Brake, eBay, Expedia, Blackrock, Cigna oder American Express.
Demgegenüber stehen viele Aktien, die im Verhältnis zu ihrem Umsatzwachstum und ihrer Rentabilität mit hohen Bewertungskennzahlen gehandelt werden, so der UBS-Experte weiter. Das sind Titel wie Citigroup, Victoria's Secret, Callaway Golf, Walmart, Starbucks, Hyatt Hotels oder Jefferies.
Kann Europa zu den USA aufholen?
Mit Blick auf 2027 fallen die Revisionen für den S&P 500 Index äusserst positiv aus, was die Kluft beim Gewinnwachstum erneut vergrössern könnte, meinen die Strategen der Deutschen Bank (DB) um Maximilian Uleer.
Für die USA werde für 2027 ein Gewinnwachstum von 18 Prozent prognostiziert - ein Rückgang gegenüber fast 30 Prozent im laufenden Jahr, aber immer noch deutlich mehr als in Europa mit Plus 15 Prozent im Jahr 2026 und Plus 10 Prozent im Jahr 2027.
Mit Blick auf das Jahr 2027 fallen in Europa die Revisionen sowohl unter Einbeziehung als auch unter Ausschluss des Energiesektors positiv aus. Die Konsensprognosen für ein Gewinnwachstum von 10 Prozent erscheinen weitgehend plausibel, auch wenn die Schätzungen im Jahresverlauf typischerweise nach unten korrigiert würden, so der Experte der Deutschen Bank.
Einerseits könnten die Gewinnerwartungen und der Ausblick für 2027 unter Druck geraten, da die Absicherungen gegen Energiekosten ab dem vierten Quartal auslaufen. Andererseits sprechen eine positive konjunkturelle Dynamik und eine erhöhte Inflation für ein stärkeres Gewinnwachstum, meint der Stratege Uleer von der Deutschen Bank.

