Die Valoren der Baustoffhersteller haben harzige Börsenwochen seit dem Ausbruch des Iran-Krieges hinter sich. Seit Jahresbeginn setzt es bei Amrize (-1 Prozent), Holcim (-7 Prozent), Sika (-9 Prozent) sowie den baunahen Werten Arbonia (-25 Prozent), Geberit (-19 Prozent) oder Implenia (-18 Prozent) kleinere bis grössere Kursverluste ab. 

Dämpfend auf die Bautätigkeit wirken sich primär die steigenden Zinsen aus. So ist die Rendite für zehnjährige deutsche Staatsanleihen Mitte Mai 2026 auf den höchsten Stand seit fünfzehn Jahren geklettert.

Das andere Problem liegt in Deutschland respektive der Eurozone. Das von der Bundesregierung angestossene Investitionsprogramm in Milliardenhöhe entfaltet noch nicht die erhoffte positive Wirkung auf die Konjunktur. 

Entsprechend zurückhaltend zeigen sich Experten. Am Gewerbeimmobilienmarkt in Deutschland sei zunächst nicht mit einer deutlichen Erholung zu rechnen, erklärte LBBW-Chef Rainer Neske in einem Gespräch mit Bloomberg. «Ich gehe derzeit von einer mehrjährigen Talphase am Markt für Gewerbeimmobilien aus», erklärte Neske.

Dahinter würden inflationäre Risiken stehen, die Zinserhöhungen und höhere Baukosten nach sich ziehen könnten. «Gleichzeitig trifft dies auf eine allgemein schwache wirtschaftliche Entwicklung und weiterhin hohe Homeoffice-Quoten», so der LBBW-Chef weiter. 

Der durch den Iran-Krieg ausgelöste Anstieg der Inflation ist dabei nur ein Faktor. In den nächsten Monaten dürfte die Branche die Lieferkettenunterbrechungen beim Erdöl durch die blockierte Seestrasse von Hormus zu spüren bekommen. Je länger der Erdölpreis hoch bleibt, desto stärker werden die steigenden Kosten zeitverzögert auf die Margen durchschlagen. 

Holcim und Sika gut aufgestellt

Der Konsens geht von einem durchschnittlichen Margendruck beim Gewinn vor Zinsen und Steuern (Ebit) von etwa 32 Basispunkten für europäische Baustoffhersteller im Jahr 2026 aus, erläutern die Ökonomen von Bloomberg in einem Kommentar in der vergangenen Woche. Die Experten erwarten in einer Szenarioanalyse nun einen deutlicheren Gewinnrückgang, falls der Ölpreis im Jahr 2026 seinen Jahresdurchschnitt von 88 Dollar pro Barrel gegenüber 68 Dollar im Jahr 2025 beibehält.

Die implizite Margenerosion liegt gemäss Bloomberg im Durchschnitt bei 49 Basispunkten, mit 27 Basispunkten für Holcim, 24 für Sika, 54 für Heidelberg Materials und 84 für Kingspan. Dies spiegelt unterschiedliche Brennstoffmixe, Preisverzögerungen und operative Hebelwirkungen wider. Holcim und Sika stechen hervor, da alternative Brennstoffe, ein Spezialproduktmix und eine schnellere Erholung den Kostenschock abmildern. Kingspan und Heidelberg Materials bleiben die Unternehmen mit dem grössten Abwärtspotenzial, mit einer Diskrepanz von 71 beziehungsweise 36 Basispunkten zum Konsens.

Gemäss Jahresbericht 2025 von Holcim werden 39 Prozent alternative Brennstoffe bei der Klinkerproduktion verwendet - sogenannte thermische Substitutionsrate. Der Konzern hat das Ziel, diesen Anteil bis 2030 auf 50 Prozent zu steigern. Zudem wird gemäss Firmenangaben bei 14 europäischen Werken der thermische Energiebedarf zu mehr als 80 Prozent aus alternativen Brennstoffen wie Biomasse oder recycelten Abfällen gedeckt.

Zuversicht vorhanden

Die Industrie zeigte sich bis Mitte Mai noch zuversichtlich. Fünf von der UBS befragte Firmen blicken trotz der Störungen im Nahen Osten und deren Auswirkungen auf die Energiepreise sehr zuversichtlich in ihre Finanzprognosen, und dies unabhängig davon, ob das erste Quartal bereits solide wie bei Holcim, Titan und Victrex oder schwieriger wie bei Heidelberg Materials und Cementir Holding begonnen hatte.

In den meisten Märkten, in denen Januar und Februar aufgrund des schwierigen Wetters mit negativen Absatzmengen starteten, erholte sich die Aktivität im März deutlich. Diese Stärke setzte sich im April und, falls erwähnt, auch im Mai fort, so die UBS-Experten.

Europa, Nordafrika und Lateinamerika verzeichneten im Allgemeinen einen starken Jahresstart hinsichtlich struktureller Preissteigerungen. Absicherungsgeschäfte und die schnelle Umsetzung von Zuschlägen sorgen dafür, dass die Inflation der Inputkosten gut unter Kontrolle ist. Damit sollte ein negatives Preis-Kosten-Verhältnis vermieden werden.

Insgesamt dürften die Titel der Baustoffhersteller und baunahen Werte vorerst verhalten tendieren, bis sich eine abschliessende Einigung im Nahost-Konflikt materialisiert. Dauert der Patt in der Strasse von Hormus bis in den Herbst hinein an, dann könnte es zu einer neuerlichen Bewertungskorrektur nach unten kommen, weil die Absicherungstransaktionen gegen steigende Energiepreise zum Jahresende hin auslaufen. Hernach dürften die höheren Energiekosten dann voll auf die Margen durchschlagen, was die Börse wohl schon vorher einpreisen wird. 

Thomas Daniel Marti
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