cash.ch: Herr Geukens, man hört immer häufiger, dass 2026 endlich ein Jahr für «Stock Picker» werden könnte. Wie sehen Sie das?

Bart Geukens: Im vergangenen Jahr waren Small Caps tatsächlich nicht die prickelndste Anlageklasse. Europäische Small Caps haben das vierte Jahr in Folge unterperformt, trotz umfangreicher fiskalischer und geldpolitischer Unterstützung in der Eurozone sowie konjunktureller Frühindikatoren, die sich zum Besseren gewendet haben. Small Caps entwickelten sich in Märkten wie Deutschland, Italien, Spanien und Portugal stark, während Grossbritannien, die Schweiz, die Benelux-Staaten und Schweden zurückblieben. Gleichzeitig war zu beobachten, dass einige US-Investoren Europa wiederentdeckt haben. Allerdings geschah dies vor allem über passive ETFs. Diese Käufe erfolgten weitgehend undifferenziert, sodass einzelne Titel deutlich zulegen konnten - teilweise war dies fundamental nicht zu erklären. Inzwischen ist die Streuung am Markt deutlich gestiegen. Ein solches Umfeld ist besonders günstig für aktives «Stock Picking». Insofern halte ich es für gut möglich, dass wir nun eine Phase höherer Selektivität erleben, in der Investoren nicht mehr pauschal den Index oder ETFs kaufen, sondern gezielt Themen und Einzeltitel auswählen.

Diese chronische Unterperformance hat zu erheblichen Bewertungsunterschieden zwischen Large und Small Caps geführt …

Über die vergangenen vier Jahre hinweg haben Small Caps kumuliert rund 25 Prozent schlechter abgeschnitten. Das ist in etwa vergleichbar mit der Entwicklung während der Finanzkrise 2009 - mit einem entscheidenden Unterschied: Damals gab es eine massive wirtschaftliche Korrektur, heute hingegen nicht. Die heutige Unterperformance war primär von Unsicherheit und Angst getrieben: geopolitische Risiken, Inflation, der Krieg in der Ukraine. Viele dieser Faktoren haben sich inzwischen zumindest teilweise beruhigt. Dadurch hat sich das Umfeld für Small Caps deutlich verbessert.

Erwarten Sie deshalb, dass diese künftig stärker wieder auf niedrige Bewertungen achten und damit günstigere, aber risikoreichere Titel bevorzugen?

In gewissem Umfang ja. Wir sehen beispielsweise, dass sich führende Konjunkturindikatoren in Europa verbessern. Zudem wirken die Zinssenkungen der EZB mit zeitlicher Verzögerung. Auch wenn sich dies noch nicht vollständig in höheren Wachstumsprognosen widerspiegelt, sind graduelle Verbesserungen erkennbar. Das erklärt unter anderem, warum Banken wieder zunehmend bereit sind, kleinere Unternehmen zu finanzieren. Dies sollte alles für Small und Mid Caps sprechen.

In den vergangenen zwölf Monaten haben europäische Aktienmärkte (währungsbereinigt) deutlich besser abgeschnitten als die US-Märkte. Hat Trump mit der Beanspruchung von Grönland diesen Kapitalabfluss beschleunigt?

Geopolitische Ereignisse sind nicht zwangsläufig Auslöser für Marktkorrekturen – die vielen Trump-Beispiele sind Zeuge. Für die Kapitalmärkte sind vielmehr die wirtschaftliche Lage, die Geld- und Fiskalpolitik sowie die Gewinnentwicklung entscheidend. Gleichzeitig haben aber US-Aktien über viele Jahre hinweg stark überperformt und machten zeitweise fast 70 Prozent des MSCI World aus - ein historisches Niveau. Bei maximalem Optimismus gegenüber US-Anlagen und gleichzeitig ausgeprägtem Pessimismus gegenüber Europa begannen Investoren, mit Trumps Unterstützung, ihre Allokation zu überdenken. Die Erkenntnis, nicht alle Eier in einen Korb zu legen, führte zu einer stärkeren Diversifikation weg vom Dollar und von US-Aktien. Gleichzeitig haben sich die fundamentalen Rahmenbedingungen in Europa verbessert, unterstützt durch das deutsche «Bazooka»-Ausgabenprogramm von 1 Billion Euro über die nächsten zehn Jahre sowie durch Zinssenkungen der EZB. Die Gründe für das Weiterbestehen des Kapitalabflusses aus den USA nach Europa sind somit nach wie vor gegeben.

Welche Sektoren finden Sie im derzeitigen Umfeld besonders attraktiv?

Wir sind konsequente Bottom-up-Stockpicker und treffen keine Sektorallokationsentscheidungen. Dennoch beobachten wir derzeit einen ausgeprägten Superzyklus im Halbleiterbereich. Elektrifizierung ist ebenfalls ein zentrales Thema. Banken und andere Finanzwerte waren nicht nur im vergangenen Jahr der stärkste europäische Sektor, sondern sind trotz der enormen Kursgewinne weiterhin moderat bewertet. Auch Bergbauunternehmen profitieren von steigenden Preisen für Edelmetalle sowie für Industriemetalle wie Kupfer. Das schafft ein positives Umfeld. Schliesslich sehen wir bei Baustoffen Anzeichen einer Stabilisierung, obwohl die Bauaktivität insgesamt noch auf niedrigem Niveau liegt.

Welche Sektoren erscheinen Ihnen weniger attraktiv?

Der Chemiesektor bleibt herausfordernd, insbesondere wegen hoher Importe und Überkapazitäten in China. Im Softwarebereich sehen wir eine klare Zweiteilung: Unternehmen, die von KI profitieren, und solche, die unter Druck stehen. Letztere haben zwar bereits deutlich korrigiert, doch angesichts technologischer Unsicherheit und der Sorge vor Margendruck bleiben die Risiken bestehen. Daher bevorzugen wir derzeit Hardware gegenüber Software. Auch der Mediensektor steht unter Druck, da KI-generierte Inhalte zunehmend in Konkurrenz zu klassischen Inhalten treten.

Welche Einzeltitel finden Sie besonders attraktiv?

Im Bereich Halbleiterausrüstung gefallen uns unter anderem Inficon und VAT aus der Schweiz sowie Besi aus den Niederlanden. Diese Aktien haben sich bereits gut entwickelt, dennoch bleiben wir investiert, da wir uns weiterhin in einem positiven Momentum befinden. Ebenfalls interessant finden wir Bechtle aus Deutschland. Die deutsche Regierung setzt verstärkt auf Digitalisierung, und nach Jahren der Unterinvestition ergeben sich erhebliche Chancen für den IT-Infrastruktur-Anbieter. Im Bereich Elektrifizierung bevorzugen wir Prysmian, dass stark vom Ausbau der Offshore-Windenergie, von Rechenzentren und von hohen Kupferpreisen profitiert. SPIE, eine langjährige Portfoliokomponente, ist massgeblich am Ausbau der Energieinfrastruktur beteiligt und bindet grosse Übertragungsprojekte deutscher Versorger an. Eine etwas andere Aktie ist Reply aus Italien. Der IT-Dienstleister litt im vergangenen Jahr unter einer Wachstumsverlangsamung, was die Bewertung deutlich gesenkt hat. Als IT-Berater sehen wir Reply jedoch als potenziellen Profiteur der KI-Transformation.

Kursentwicklung von Inficon und VAT (in Franken.

Sie haben zwei Schweizer Unternehmen erwähnt. Wie beurteilen Sie generell den Schweizer Markt?

Mein Fonds verfolgt einen klaren Qualitätsfokus. Wir suchen langfristig gut positionierte Qualitätsunternehmen zu angemessenen Bewertungen. Die Schweiz bietet eine Vielzahl hervorragender, international führender Unternehmen mit starken Nischenpositionen. Gleichzeitig muss man anmerken, dass Schweizer Aktien häufig hoch bewertet sind - Qualität spiegelt sich hier meist auch im Preis wider.

Gibt es weitere Schweizer Unternehmen, die Sie attraktiv finden, aber derzeit nicht halten?

Belimo ist ein sehr gutes Beispiel. Es handelt sich um ein exzellentes, allerdings auch sehr teuer bewertetes Unternehmen. Belimo ist wahrscheinlich der aussichtsreichste Titel in Europa für Investoren, die vom Ausbau von Rechenzentren in den USA profitieren möchten.

Kursentwicklung von Belimo in Franken.

Können Sie Ihren Ansatz «Qualität zu angemessenem Preis» näher erläutern?

Wir sind überzeugt, dass qualitatives Wachstum langfristig überdurchschnittliche Renditen erzielt. Deshalb investieren wir bevorzugt in Unternehmen, die in strukturell wachsenden Märkten tätig sind, starke Wettbewerbspositionen besitzen und oft Marktführer oder zumindest führende Anbieter in attraktiven Nischen sind. Entscheidend sind hohe Markteintrittsbarrieren, Preissetzungsmacht sowie ein klarer Wettbewerbsvorteil - etwa durch Technologie, Patente, Markenstärke oder Kostenführerschaft.

Welche Rolle spielen die Führungskräfte?

Ebenso wichtig ist ein starkes Management. Gerade bei Small Caps kann das Management über Erfolg oder Misserfolg entscheiden. Wir achten auf Integrität, Erfahrung, Eigenbeteiligung und eine klare strategische Vision. Auch wenn viele dieser Kriterien schwer messbar sind, sind wir überzeugt, dass genau sie langfristig den Unterschied machen. Erst im zweiten Schritt betrachten wir die Bewertung. Wir sind nicht bereit, jeden Preis für Qualität zu zahlen, sondern streben unter realistischen Annahmen eine Verdopplung des Unternehmenswerts innerhalb von fünf Jahren an.

Bart Geukens ist ein erfahrener Fondsmanager mit langjähriger Spezialisierung auf europäische Small Caps. Er kam 2005 zu DPAM – eine Tochtergesellschaft von Crédit Agricole - und verantwortet dort seit vielen Jahren die europäische Small Cap Strategie. Zuvor war er als Portfolio Manager bei Fortis Investment Management tätig. Seine akademische Ausbildung umfasst einen Master in Commercial Engineering an der Universität Hasselt, einen Master in Financial and Fiscal Sciences an der Universität Antwerpen sowie einen MBA in Indien. Zudem ist er CFA Charterholder.

Luca_Niederkofler
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