Ein in New York kotierter ETF auf brasilianische Aktien brach vorbörslich um 27 Prozent ein. Ein Währungskontrakt an der Börse CME notierte den Real bei 5,55 pro Dollar. Das ist zwar keine direkte Preisfeststellung. Die Bewegung signalisiert jedoch einen Einbruch des Real von mehr als 10 Prozent gegenüber dem Schlusskurs vom Freitag.
Händler in São Paulo rechnen am Montagmorgen mit massiven Verkäufen nach dem überraschenden Wahlsieg von Präsident Lula da Silva gegenüber Flávio Bolsonaro. Möglicherweise werden sogar automatische Handelsunterbrüche (Circuit Breakers) ausgelöst.
Auch in den USA und in Europa kotierte Aktien mit Brasilien-Geschäft brachen ein. XP und Itau Unibanco Holding verloren im frühen US-Handel mindestens 26 Prozent. Banco Santander und Telefonica gaben um mehr als 5 Prozent nach.
Kursrückgänge auf breiter Front
«Es wird ein harter Tag. Der Markt wird alles neu bewerten», sagte Bruno Funchal, CEO von Bradesco Asset Management. Das Unternehmen verwaltet 1,1 Billionen Real (221 Milliarden Dollar). «Alle wurden überrascht. Jeder versucht zu verstehen, was passiert ist.»
Ein in Tokio kotierter ETF auf brasilianische Aktien stürzte um 15 Prozent ab. Das ist der grösste Tagesverlust seit 2008. Auch brasilianische Dollar-Anleihen gaben über alle Laufzeiten hinweg nach. Einzelne Papiere verloren mehr als 1,5 Cents und führten die Verluste bei Schwellenländeranleihen an.
Das Brokerhaus Monte Bravo schätzte im Vorfeld, dass der Leitindex Ibovespa bei einem Sieg Lulas in der ersten Handelsstunde um 11 Prozent einbrechen könnte. Die Société Générale signalisierte beim Real ein mögliches Minus von bis zu 10 Prozent. Gleichzeitig könnten die Renditen lokaler Anleihen um 150 bis 250 Basispunkte steigen.
In einer am Freitag veröffentlichten Umfrage der Citigroup unter 73 Investoren rechnete die Mehrheit mit Kursverlusten beim Real von mindestens 5 Prozent. Zudem erwarteten die Befragten einen Anstieg der Swap-Sätze um mehr als 1 Prozentpunkt.
Ein automatischer Handelsunterbruch (Circuit Breakers) greift, wenn der Ibovespa-Index um 10 Prozent oder mehr nachgibt. Der Handel wird dann für 30 Minuten ausgesetzt. Weiten sich die Verluste nach Wiederaufnahme auf 15 Prozent aus, ruht der Handel für eine weitere Stunde. Bei einem Minus von 20 Prozent entscheidet der Börsenbetreiber B3 über die Dauer des Handelsstopps.
An den Derivatemärkten des Landes – sie gehören zu den liquidesten in Lateinamerika – gibt es keine solchen Circuit Breakers. Dort gelten stattdessen Handelslimiten. Für Swap-Sätze gilt eine Bandbreite von 90 Basispunkten in beide Richtungen. Währungs-Futures können sich um 6 Prozent nach oben oder unten bewegen. Sobald eine dieser Limiten erreicht wird, stoppt der Handel praktisch. Die Börse muss dann eine Ausweitung der Bandbreite bewilligen.
Das letzte Mal griff ein automatischer Handelsunterbruch bei brasilianischen Aktien Anfang 2020. Damals erschütterte die Pandemie die weltweiten Märkte.
Lula holte in der Stichwahl 51,8 Prozent der Stimmen. Die Märkte trauen ihm kaum die Haushaltsdisziplin zu, die Brasilien für tiefere Zinsen bräuchte. Bolsonaro kam nach Angaben der Wahlbehörde auf 48,2 Prozent, wobei fast alle Stimmen ausgezählt sind.
Bolsonaro forderte eine Annullierung des Ergebnisses. Er warf dem Obersten Gerichtshof vor, die Regeln kurz vor Schluss durch eine Verlängerung der Abstimmungszeiten geändert zu haben.
«Die Kombination aus enttäuschten Markterwartungen und einem langwierigen politischen Streit dürfte brasilianische Aktien, Anleihen und den Real belasten», sagte Rajeev De Mello, Chief Investment Officer bei Gama Asset Management. «Für Anleger ist das Ergebnis eindeutig negativ.»
Optimistische Prognosen
Viele Investoren hatten sich auf einen Sieg Bolsonaros eingestellt. Sein überraschender Vorsprung im ersten Wahlgang Anfang Monat löste eine kräftige Rally aus. Ausländische Gelder flossen in Milliardenhöhe ins Land. Die Anleger setzten auf eine strikte Haushaltspolitik, die künftige Zinssenkungen erlaubt hätte. Institute wie UBS Global Wealth Management, Morgan Stanley, JPMorgan und Citigroup gaben reihenweise optimistische Empfehlungen für brasilianische Anlagen ab.
Lula kündigte vor der Stichwahl etliche Wählergeschenke an, und die Umfragen deuteten auf ein knappes Rennen hin. Viele Anleger bauten deshalb Absicherungen für ihre Portfolios auf. Dennoch galt ein Sieg Bolsonaros weithin als Basisszenario.
«Die Märkte waren darauf nicht vorbereitet», sagte Anna Wu, Anlagestrategin und Gründerin von Floodlines Research. «Meiner Ansicht nach ist das mehr als eine blosse Schockreaktion. Dem lokalen Markt drohen nun echte Risiken durch Staatsverschuldung und Währungsschwäche.»
Haushaltsprobleme
Lula kehrte im Januar 2023 ins Präsidentenamt zurück. Der 80-jährige Linkspolitiker wollte das Leben der brasilianischen Arbeiterklasse verbessern. Er kurbelte den Konsum an und baute auf der Kreditausweitung der Pandemiezeit auf. Gegen die rasant steigenden Defizite unternahm er jedoch wenig. Für Investoren sind genau diese Fehlbeträge der Grund für die weltweit mitunter höchsten Realzinsen.
Brasiliens Haushaltsprobleme sitzen tief. Die Belastung zeigt sich in der gesamten Wirtschaft. Die Verschuldung der Privathaushalte liegt auf einem Rekordhoch. Millionen Firmen sind im Zahlungsrückstand. Auch landwirtschaftliche Betriebe fallen in beispiellosem Ausmass mit Zahlungen aus. Die Regierung hat kaum Handlungsspielraum. Die Staatsschulden liegen bei über 80 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Zudem ist das Budget weitgehend durch gesetzliche Pflichtausgaben gebunden.
Ende 2024 spitzten sich die Zweifel an Lulas Sparwillen zu. Ein Ausverkauf drückte den Real auf ein Rekordtief. Er erfasste Aktien, Anleihen in Lokalwährung und Dollar-Papiere gleichermassen.
Trotzdem verlief die Entwicklung an den brasilianischen Märkten in seiner dritten Amtszeit schlussendlich positiv, wenn auch holprig. Die hohen Zinsen bremsen zwar die Wirtschaft. Gleichzeitig machen sie die Währung für Carry-Trades attraktiv. Ein schwächerer Dollar und die Umschichtung weg von US-Märkten halfen den Schwellenländern zusätzlich.
Alvaro Vivanco, Stratege bei Wells Fargo, rechnete vor der Stichwahl vom Sonntag mit einer Abwertung. Bei einem überraschenden Lula-Sieg sah er den Real bei Wiedereröffnung der Märkte am Montag bei 5,30 pro Dollar. Guilherme Abbud, CEO bei Persevera Asset Management, hielt eine Abwertung um 7 Prozent sowie einen Handelsunterbruch am Aktienmarkt für «möglich».
«Es könnte noch schlimmer kommen. Abwärtsbewegungen lösen meist mehr Panik und emotionsgetriebene Stop-Loss-Verkäufe aus», sagte Abbud. «Vorerst ist die Aussicht auf eine wirtschaftspolitische Wende dahin. Lula könnte bei den Ausgaben zwar vorsichtiger werden. Die Märkte gewähren ihm diesen Vertrauensvorschuss aber kaum.»
(Bloomberg/cash)

