Gleichzeitig warnte das US-Startup Anthropic in seinem am Montag offiziell veröffentlichten Emissionsprospekt vor den Gefahren künstlicher Intelligenz (KI). Ein Datum für das Debüt an ‌der US-Technologiebörse Nasdaq ⁠oder finanzielle Details wie die Zahl der ausgegebenen Aktien nannte Anthropic in dem Dokument nicht.

Das Unternehmen hält an ⁠seinen Börsenplänen fest, obwohl der Erzrivale OpenAI wegen Affären um ausser Kontrolle geratene KI-Modelle sein Debüt verschiebt. Auch andere Kandidaten warten lieber ab. Sie ‌befürchten, wegen der jüngsten Kursturbulenzen an den Finanzmärkten Abstriche beim Emissionspreis machen zu müssen. Anthropic ‌dürfte Schätzungen zufolge auf eine Marktkapitalisierung von 1,5 Billionen ​Dollar kommen. Das ist zwar etwa eineinhalbmal so viel wie bei der jüngsten Finanzierungsrunde im vergangenen Mai. Anthropic hatte jedoch ursprünglich eine Bewertung von etwa zwei Billionen Dollar angepeilt.

Lieber den Spatz in der Hand als die Taube auf dem Dach

«Vielleicht hätten sie im nächsten Jahr eine höhere Bewertung erzielen können, aber sie haben sich entschieden, 'das Pflaster schnell abzuziehen'», sagte Anlagestratege ‌Matt Kennedy vom ETF-Anbieter Renaissance Capital. Der Börsengang verschaffe dem Startup zum einen grössere finanzielle Flexibilität und setze zum anderen interne Ressourcen frei, die bislang durch die Emissionspläne gebunden waren.

Mit dem Emissionserlös will Anthropic unter anderem in Forschung und Entwicklung sowie ​den Ausbau der KI-Infrastruktur investieren. Anleger bezweifeln jedoch zunehmend, dass sich die Investitionen auszahlen werden, und ​befürchten massive Abschreibungen. Gleichzeitig treiben steigende Zinsen die Kosten in die Höhe. «Unser ​Erfolg hängt zu einem grossen Teil von unserer Fähigkeit ab, weiterhin die fortschrittlichsten und leistungsfähigsten KI-Modelle zu entwickeln», hiess es im Börsenprospekt weiter. «Sollte uns dies ‌nicht gelingen, könnte dies unser Geschäft schwer beeinträchtigen.»

Sprunghaftes Wachstum – zahlreiche Fallstricke

Bislang ist davon jedoch nichts zu spüren. Im zweiten Quartal steigerte das Startup seinen Umsatz im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um fast 1400 Prozent. In der ersten Jahreshälfte 2026 erwirtschaftete Anthropic einen ​Erlös ​von insgesamt 16,3 Milliarden Dollar, hiess es im Börsenprospekt weiter. Gleichzeitig ⁠vervielfachte sich der Verlust auf 80,7 Milliarden Dollar. Ein Viertel des Umsatzes ​erzielt Anthropic jedoch mit lediglich zwei ⁠Grosskunden. Diese und andere Abnehmer hätten meist keine langfristigen Verträge abgeschlossen. Sie könnten daher jederzeit Auftragsvolumina reduzieren oder stornieren. Zu ‌den wichtigsten Kooperationspartnern des Startups zählen Amazon und Google.

Anthropic warnt im Börsenprospekt darüber hinaus eindringlich vor den Gefahren einer sich weiter beschleunigenden KI-Entwicklung. Menschliche Entwickler drohten die Kontrolle zu verlieren, weil sie nicht schnell genug ‌angemessene Vorsichtsmassnahmen umsetzen könnten. So könnten die KI-Modelle versuchen, sich ihrer Abschaltung zu entziehen oder erpresserisches ​Verhalten an den Tag legen. Nach einer Serie von Cyberattacken autonom agierender KI-Agenten warnen führende Experten, darunter auch Anthropic-Chef Dario Amodei, vor einer drohenden Auslöschung der Menschheit und fordern eine strengere Regulierung der Branche.

(Reuters)