Auch in der neuen Woche dürften Börsianer zwischen KI-Euphorie und geopolitischen Ängsten schwanken. «Am Ende der Handelswoche zeigt sich für Anleger ein unverändertes Gesamtbild: Der ‌Pfad zu ⁠einem Frieden im Nahen Osten bleibt womöglich lang und steinig», sagt Timo Emden vom Analysehaus Emden Research.

Die vom Iran unterstützte Hisbollah-Miliz lehnte zuletzt eine Waffenruhe ⁠im Libanon ab, während Israel einen Truppenabzug ausschloss. Der Iran macht ein Ende der israelischen Angriffe im Libanon zur Bedingung für ein Friedensabkommen mit den USA.

«Dennoch sorgt die fortwährende Kriegsunsicherheit an den Finanzmärkten ‌immer weniger für eine Zunahme der Risikoaversion - auch dank fortgesetzter KI-Fantasie», schreiben die Experten der Helaba. So ‌lag der Dax am Freitagnachmittag trotz starker Schwankungen im Wochenverlauf mit 24'997 Punkten ​nur 0,4 Prozent unter dem Vorwochenschluss.

Laut den LBBW-Analysten besteht jedoch zwischen dem unsicheren geopolitischen Umfeld und steigenden Indizes nur ein scheinbarer Widerspruch. Die grosse Mehrzahl der Aktienkurse entwickelt sich demnach unterdurchschnittlich und reagiert damit durchaus auf die wachsenden Schwierigkeiten.

Der Swiss Market Index (SMI) gab im Wochenverlauf wie der Dax etwas nach. Auffallend waren die rückläufigen Kurse bei Partners Group, welche um 12,8 Prozent veroren. Nestlé kämpften ebenfalls mit rückläufigen Notierungen und beendeten die Woche mit Minus 3,5 Prozent, gefolgt von Holcim (-2,6 Prozent) und Richemont (-2,5 Prozent).

Auf der anderen Seite hielten sich die Valoren von UBS gut im Vergleich zur jüngsten Vergangenheit, als die Aktien in Konsolidierungsphasen jeweils stark tauchten. Auf Wochenfrist resultierte bei der Schweizer Grossbank ein Plus von 1,4 Prozent. 

SpaceX-Börsengang als Test für die KI-Hausse

Auch die Ölpreise legten in der alten Woche um drei bis sechs Prozent zu. «Das alles wird durch das Thema KI überdeckt», heisst es im LBBW-Bericht. Dessen Sog ziehe immer mehr Aktien nach oben, sofern diese direkt oder ‌indirekt vom Bau und Ausrüstung der gewaltigen Rechenzentren profitieren könnten - Halbleiter und deren Produktion, Stromversorgung, Vernetzung, Spezialmaterialien. «Auf uns wirkt dies wie das Schlussfeuerwerk der KI-Hausse.»

Der Rekord-Börsengang von SpaceX kommenden Freitag, bald gefolgt von Anthropic und OpenAI, läute nun die Phase der Gewinnmitnahmen für die Risikokapitalgeber ein. Er dürfte ein wichtiger Test dafür werden, wie aufnahmefähig ​die Kapitalmärkte für hoch bewertete Wachstumsunternehmen noch sind, kommentieren die Experten der Schweizer Privatbank Reichmuth. Zugleich könnte das Börsendebüt ​laut Analyst Timo Emden erneut von den Krisenherden und geldpolitischen Fragezeichen ablenken.

Zinserhöhung der EZB fast in Stein gemeisselt

Im ​Fokus steht auch der Zinsentscheid der Europäischen Zentralbank (EZB) am Donnerstag. Mehr Inflation, noch keine Lösung im Iran-Krieg, Unsicherheit weit und breit: Die Währungshüter um EZB-Chefin Christine Lagarde haben ausreichend Gründe, nächste Woche ihren ‌Leitzins zu erhöhen.

Ökonomen und Finanzmarktexperten rechnen fest damit, dass die Notenbanker den Einlagensatz am Donnerstag von 2,0 auf 2,25 Prozent anheben werden - zum ersten Mal seit fast drei Jahren. «Die EZB möchte unbedingt den Fehler der Jahre 2022/2023 vermeiden, als die Zinsanhebungen zu spät erfolgten und die Inflation damit lange ungebremst ansteigen konnte», heisst es in ​einem Bericht ​der DZ Bank.

Die neue Konjunkturdaten-Woche eröffnen am Montag die April-Zahlen für die Auftragseingänge der ⁠deutschen Industrie. Nun werde sich zeigen, ob das deutliche Plus im März - wie vom Wirtschaftsministerium vermutet - ​in erster Linie einem Sondereffekt zuzurechnen ⁠war, sagt Commerzbank-Ökonom Ralph Solveen.

Ebenfalls zum Wochenstart warten Anleger auf das Barometer der Beratungsfirma Sentix für Juni. Dieses zeigt an, wie Börsianer auf die Konjunktur in ‌der Euro-Zone blicken. Am Dienstag folgen Zahlen zur deutschen Industrieproduktion und zum Aussenhandel in Deutschland und China.

Inflation im Fokus

Im Fokus zur Wochenmitte stehen US-Inflationszahlen für Mai. Nachdem die US-Verbraucherpreise im März um 0,9 Prozent gegenüber dem Vormonat gestiegen waren und im April um 0,6 Prozent, zeichnet ‌sich laut Experten auch für Mai ein deutlicher Anstieg ab.

«Insgesamt würden diese Zahlen sicherlich die Debatte am Leben erhalten, ​ob die US-Notenbank wegen der Inflationsrisiken die Zinsen anhebt», sagt Solveen von der Commerzbank. «Wir erwarten allerdings weiterhin nicht, dass es im Offenmarktausschuss für einen solchen Schritt eine Mehrheit geben wird.»

Am Donnerstag blicken Börsianer auf den US-Index für die Erzeugerpreise (PPI) im vergangenen Monat. Die von den Produzenten erhobenen Preise gelten als Vorläufer für die weitere Entwicklung der Verbraucherpreise. Zum Wochenschluss werden zudem die endgültigen ‌deutschen Inflationszahlen für Mai veröffentlicht.

(Reuters/cash)