Donald Trump muss einen «Exit» aus dem Iran-Krieg finden. Je früher, desto besser. Fakt ist: Die Entwicklung des von ihm angezettelten und ganz offensichtlich strategiearmen Krieges gegen den Gottesstaat verlief nicht nach seinen Wünschen. Iran ist nicht Venezuela. Zwar wurde eine erhebliche Zerstörung von Militärinfrastruktur erreicht, der Iran ist wirtschaftlich geschwächt und politisch isoliert. Aber das Terrorregime wurde nicht gestürzt, und das Land wird nach einer gewissen Zeit wohl auch wieder an seinem Atom-Programm weiterarbeiten.
Handlungsbedarf zum Rückzug besteht für den US-Präsidenten aber nicht primär wegen der Kriegsresultate. Im November stehen die Zwischenwahlen in den USA an. Dort steigen die Treibstoffpreise, die Inflation zieht an, der Krieg ist in der Bevölkerung unpopulär. Trumps Umfragewerte sind im Keller. Die Zwischenwahlen drohen zum Debakel für die Konservativen zu werden.
Investoren haben den Handlungszwang Trumps schon vor Wochen antizipiert. «Gäbe es die Midterm Elections im November nicht, wäre ich beunruhigter», sagte ein Anlagechef einer Schweizer Privatbank im cash-Interview im April. Das Antizipieren einer raschen Beendigung des Konfliktes trieb die Börsen wieder nach oben, vor allem in den USA. Der S&P 500 schloss am Freitag die sechste Woche hintereinander mit einem Gewinn. Der breit gefasste Aktien-Index - wie auch der Nasdaq Composite – befindet sich auf einem Rekordhoch.
Hält die Marktdynamik an? Daran gibt es Zweifel. Es gibt die alte Börsenweisheit «Buy the Rumor, Sell the Fact» (wörtlich: Kaufe bei Gerüchten, verkaufe bei Fakten). Sie besagt, dass Aktienkurse oft schon im Stadium der Spekulationen und Gerüchte zulegen, um bei einer offiziellen Bekanntgabe, also bei den Fakten, wieder zu fallen, weil die Investoren Gewinne einstreichen. Kurz: Die Börsen spiegeln die Erwartungen der Marktteilnehmer an zukünftige Entwicklungen.
Ein Ende des Iran-Krieges wird den Aktienmärkten kaum weitere Impulse verleihen und in den nächsten Monaten sogar wieder den Rückwärtsgang einlegen. Denn die Märkte werden sich - ohne Kriegsablenkung - wieder auf die fundamentalen Faktoren konzentrieren: Befinden sich die Börsen in einer KI-Blase? Wie nachhaltig ist das Gewinnwachstum der Firmen im Nachgang des Krieges und in Zeiten rückgängiger Konsumentenausgaben? Wie wirkt sich die Inflation auf die Geldpolitik der Notenbanken aus? Haben Investoren bald wieder Bedenken wegen der US-Staatsverschuldung und wegen des sinkenden Dollars? Und wird der Konflikt am Golf nicht weiter lodern, auch ohne direkte Beteiligung der USA?
Investoren sollten immer vor Augen halten: Der Anstieg der Börsen wird auch in diesem Jahr hauptsächlich genährt von wenigen Sektoren, in einigen Märkten sogar von ein paar wenigen Aktien. So in Korea. Das macht die Märkte verwundbar. Anleger sollten daher einen Blick in ihr Depot werfen und sich fragen, mit welchen Aktien man ins zweite Halbjahr gehen will - und von welchen man sich trennen sollte.

