Nach Jahren mit tiefroten Zahlen und teuren Rechtsstreitigkeiten ist die Deutsche Bank endlich in ruhigerem Fahrwasser angekommen. "Boring is the new sexy" ist die Devise der Banker, die der Schlagzeilen um Milliardenverluste, Betrugsvorwürfe und Strafen längst überdrüssig sind.

Bis 2022 wollte CEO Christian Sewing den Umbau zu einem "langweiligeren" Institut abgeschlossen haben, das sich mehr auf Privat- und Firmenkunden konzentriert. Er hat das grösste deutsche Geldhaus knapp neun Milliarden Euro gekostet. "Insgesamt ist uns das vielleicht gut gelungen", bilanzierte Sewing vor einigen Wochen auf einer Konferenz in Berlin. "Aber auch in den letzten Jahren sind uns Fehler unterlaufen, die wir eben in der Nachschau etwas besser machen sollten."

Sewings Bilanz fällt allerdings gemischt aus. Er und sein Team haben einige Ziele erreicht oder sogar übertroffen, andere wurden verfehlt oder aufgegeben. Die Deutsche Bank steht zwar heute schlanker und robuster da - doch die alten Abhängigkeiten vom Investmentbanking bestehen weiterhin, die Pandemie und ihre Folgen haben sie sogar noch verstärkt. Und die Dauerbaustelle ist noch immer offen: Wenn das Frankfurter Institut profitabler werden will, um auch im internationalen Maßstab mitzuhalten, müssen die Kosten weiter runter.

Der Weg war nicht von Anfang an klar. "Die Deutsche Bank stand mit dem Rücken zur Wand", sagt Andreas Thomae, Spezialist für Corporate Governance beim Vermögensverwalter Deka Investment, einem der grösseren Aktionäre der Bank. Die Deutsche Bank habe ein Identitätsproblem gehabt, sagt Patrick Rioual von der Ratingagentur Fitch: "Es gab mehrere Ideen - von einem Institut mit Hauptfokus auf die Investmentbank bis hin zu einer Universalbank mit einem diversifizierten Geschäftsmodell und einer starken Privatkundenbank."

Sewing formulierte das Ziel: Das schwankungsanfällige Investmentbanking sollte nicht mehr als 30 Prozent der Erträge im Kerngeschäft ausmachen. Doch es kam anders. Ausgerechnet die Corona-Pandemie mit ihren Turbulenzen an den Finanzmärkten sorgte dafür, dass der Handel mit Anleihen und Devisen wieder zum Gewinntreiber wurde. Und 2021 war ein Rekordjahr im Geschäft mit Fusionen und Übernahmen (M&A), die Provisionen aus dem Emissions- und Beratungsgeschäft wuchsen.

Die Boni sprudelten wieder

Am Ende steuerte die Investmentbank 2020 und 2021 rund 40 Prozent der Erträge und über 75 Prozent des Gewinns vor Steuern bei. Die Boni sprudelten wieder, und Christian Sewing durfte sich über Gehaltserhöhungen freuen: Im Jahr 2020 stieg seine Vergütung um 46 Prozent, 2021 um weitere 20 Prozent. Die Erträge mit den Firmen- und Privatkunden kamen dagegen angesichts der Dauer-Niedrigzinsen auf dem ohnehin hart umkämpften Markt in Deutschland nicht vom Fleck.

"Es wäre besser gewesen, wenn die stabilen Bereiche mehr gewachsen wären als die Investmentbank", sagt Thomae von der Deka. Doch das zu Ende gehende Jahr brachte auch im Finanzsektor eine Zeitenwende. Angesichts der drohenden Rezession und der hohen Inflation liegt das Geschäft mit Fusionen, Übernahmen und Börsengängen weitgehend brach. Die Leitzinserhöhungen der US-Notenbank Fed und der Europäischen Zentralbank sorgten dagegen für Freude etwa im Anleihengeschäft.

Rückblickend erwischten Sewing und sein Team ein günstiges Zeitfenster für den Umbau, sagen Analysten. "Die Bank konnte den Grossteil der schweren Aufgaben noch vor der Abschwächung der Konjunktur angehen", betont Rioual. Das Management der Bank habe "die richtigen Entscheidungen zur richtigen Zeit getroffen und profitierten dabei auch von günstigen Marktbedingungen", merkt Moody's-Analyst Olivier Panis an. Die Ratingagentur hat die Kreditwürdigkeit der Deutschen Bank seit 2019 zweimal hochgestuft. Von dem Ziel, 18.000 Stellen zu streichen, hat sich das Frankfurter Geldhaus verabschiedet. Man verdiene wieder gut, es gebe also keinen Grund mehr dazu, hieß es. Das dritte Quartal 2022 war das neunte in Folge mit schwarzen Zahlen nach Jahren von Milliardenverlusten.

Blick auf die Krise bei der Credit Suisse

Dass das nicht selbstverständlich ist, zeigt der Blick auf die Krise bei der Credit Suisse - sie weckt bei vielen Managern Erinnerungen an die eigenen dunklen Jahre. Jetzt freut man sich, dass die Deutsche Bank nicht mehr im Rampenlicht steht.

Die Vergangenheit holt sie noch oft genug ein. Erst im September forderte die BaFin die Umsetzung von Maßnahmen gegen Geldwäsche und Terrorismusfinanzierung und drohte mit einem Zwangsgeld. Das Institut muss die BaFin-Anordnungen zur Prüfung tausender Kunden aus 2018 und 2019 rechtzeitig umsetzen. Die Bank betonte, sie werde weiterhin die nötigen Ressourcen in ihr Kontrollumfeld einsetzen.

Ein Dorn im Auge bleibt den Aufsehern das Geschäft mit Hochrisiko-Krediten. Die Europäische Zentralbank (EZB) fordert von der Deutschen Bank deshalb einen zusätzlichen Kapitalaufschlag. Aktionäre pochen auf die Aufarbeitung des Greenwashing-Skandals bei der Fondstochter DWS, auch weil das Thema Nachhaltigkeit in der Finanzindustrie immer mehr in den Vordergrund rückt. Außerdem will sich die Bank gegen Schadenersatzforderungen einer spanischen Hotelkette wegen Verlusten bei angeblich riskanten Währungsderivaten wehren. Hierzu leitete die Bank Anfang 2021 eine interne Untersuchung ein.

"In Zukunft müssen die stabilen Bereiche wieder eine grössere Rolle einnehmen", fordert Deka-Manager Thomae. Analysten sind sich einig, dass der Anteil der Investmentbank an den Erträgen im Kerngeschäft in den kommenden Jahren um mehrere Prozentpunkte schrumpfen wird, auch wenn das Anleihengeschäft weiter boomt. "Den Großteil des Wachstums bis 2025 erwarten wir nicht aus der Investmentbank", bestätigt Deutsche-Bank-Vorstand Fabrizio Campelli, Chef der Investmentbank und der Unternehmensbank, im Gespräch mit Reuters. Vorher hatte er als Chief Transformation Officer den Umbau des Geldhauses organisiert.

Eine Baustelle bleibt die Rendite: Das neue Ziel ist eine Aufwandsquote (Cost-Income-Ratio) von weniger als 62,5 Prozent der Erträge. Analysten sind da angesichts der Inflation und der regulatorischen Kosten skeptisch. "Im aktuellen inflationären Umfeld könnte das schwierig werden", sagt Moody's-Experte Panis. Analysten gehen davon aus, dass die Bank die Kennziffer von derzeit 73 Prozent bis 2025 nur auf 69 Prozent drücken kann.

(Reuters)