Der Euro-Stoxx-Bankenindex ist innerhalb von zwei Wochen um rund 8 Prozent gefallen, auf den niedrigsten Stand seit Juni abgerutscht und am Donnerstag in eine technische Korrektur übergegangen. Die Aktien von Société Générale, Crédit Agricole und Deutsche Bank sind jeweils um mehr als 15 Prozent von ihren jüngsten Höchstständen eingebrochen. Die Valoren der UBS verloren in der gleichen Zeitspanne nur 11 Prozent. 

Der starke Anstieg der Anleiherenditen ist die Hauptursache für diesen plötzlichen Kursrückgang; er erhöht die Risiken für Kreditnehmer und schmälert den Wert der von Banken gehaltenen Staatsanleihen. Ein Grossteil der Unruhe konzentriert sich auf Frankreich, wo politische Turbulenzen und Sorgen um die Staatsfinanzen den Renditeaufschlag französischer Staatsanleihen gegenüber deutschen Papieren auf den höchsten Stand seit mehr als einem Jahrzehnt getrieben haben.

«Die Anleiherenditen scheinen eine Schmerzgrenze überschritten zu haben, die Investoren dazu veranlasst, die Fundamentaldaten neu zu bewerten», sagte Roberto Scholtes, Leiter der Strategieabteilung bei der Singular Bank. «Sollten die Zinsen so stark steigen, wie es die aktuellen Renditekurven vorwegnehmen, könnte die Zahl der notleidenden Kredite erheblich zunehmen, während sich das Kreditwachstum und das Firmenkundengeschäft verlangsamen würden.»

Andererseits folgt der Rücksetzer bei Bankaktien auf eine rasante Rallye, bei der sich die Kurse seit 2022 verdreifacht hatten. Optimisten verweisen auf das Gesamtbild: Die Bilanzen der Banken sind heute robuster als während der europäischen Staatsschuldenkrise vor mehr als zehn Jahren.

Es ist unwahrscheinlich, dass sich der Renditeanstieg negativ auf die Fundamentaldaten auswirkt, sofern die Renditen nicht weiter steigen und dauerhaft auf hohem Niveau verharren. Anstatt eines Wendepunkts scheint es eher so, als hätte sich ein wenig der Druck aus einem zuvor sehr beliebten Investmentthema genommen.

Aufwärtstrend vorerst gestoppt

«Auch die Marktpositionierung spielt eine Rolle, da Bankenwerte bei Investoren hoch im Kurs standen und einige Titel bereits sehr stark nachgefragt waren», merkte Scholtes an. «Wir halten die Bedenken für übertrieben, doch die Aktien dürften so lange unter Druck bleiben, bis die Renditekurven und Risikoprämien nachhaltig sinken.»

Der Aufwärtstrend bei Bankaktien schien in den vergangenen Jahren kaum zu stoppen; lediglich die im April letzten Jahres eingeführten Zölle im Rahmen des sogenannten «Liberation Day» und der Ausbruch des Iran-Konflikts hatten den Kursanstieg kurzzeitig gebremst. Der Sektor führte zwei Jahre in Folge die Gewinne des regionalen Leitindex Stoxx 600 an, da sich die Wirtschaft als widerstandsfähig erwies und die Unternehmensgewinne stark anstiegen.

Doch vor einigen Wochen, als die Unsicherheit hinsichtlich Frankreichs in den Fokus rückte, begannen Derivatestrategen, Optionen auf den Bankensektor als Absicherungsinstrument zu empfehlen. Sie verwiesen auf die hohe Dichte an Positionierungen in diesem Sektor sowie auf die Erwartung, dass dieser anfällig für die sich in Paris zusammenbrauenden Risiken sei.

Laut einer im vergangenen Monat von der Bank of America durchgeführten Umfrage unter Fondsmanagern waren netto 25 Prozent der europäischen Marktteilnehmer in Bankaktien übergewichtet; damit zählte der Sektor zu den beliebtesten der Region.

In einer separaten Analyse schlugen die Derivatestrategen der BofA vor, den Sektor als Stellvertreter für die Absicherung gegen die Turbulenzen in Frankreich zu nutzen. Sie begründeten dies damit, dass der Euro-Stoxx-Bankenindex stärker auf deutliche Schwankungen der Renditespanne zwischen französischen und deutschen Staatsanleihen reagiere als der CAC-40-Index (der die wichtigsten französischen Unternehmen umfasst) oder breitere europäische Marktindizes.

Fokus auf den Spreads

Angesichts der zunehmenden politischen und haushaltspolitischen Sorgen um Frankreich mussten die Staatsanleihen des Landes im Zuge eines weltweiten Ausverkaufs von Staatspapieren besonders starke Kursverluste hinnehmen. Steigende Renditen kommen Banken normalerweise zugute, da sie höhere Erträge aus der Kreditvergabe erzielen können. Doch das Tempo dieser Entwicklung weckte bei einigen Investoren Befürchtungen hinsichtlich möglicher Auswirkungen auf die Bilanzen der Banken.

Europäische Bankenaufseher geben an, zusätzliche Prüfungen der mit diesen Beständen verbundenen Risiken durchzuführen. Ihrer Einschätzung nach werden die positiven Auswirkungen auf den Zinsüberschuss derzeit «weitgehend durch die negativen Folgen der fallenden Anleihekurse ausgeglichen».

Nach Angaben der Europäischen Bankenaufsichtsbehörde (EBA) machten Staatsanleihen Ende vergangenen Jahres rund 13 Prozent der Vermögenswerte der Banken aus.

Die weitere Entwicklung des Sektors hängt von der künftigen Renditeentwicklung ab. Strategen von JPMorgan bezeichneten in einer Analyse vom 7. Oktober den «stimmungsbedingten Kursrückgang» bei französischen Banken als günstigen Einstiegszeitpunkt; ihr Basisszenario geht davon aus, dass die Renditen nicht signifikant weiter steigen werden.

Die Strategen von Morgan Stanley unter der Leitung von Marina Zavolock schrieben, es bedürfe «einer längeren Phase der Volatilität am Anleihemarkt und einer Ausweitung des Renditeabstands zwischen französischen (OAT) und deutschen (Bund) Staatsanleihen, um die derzeit starken Fundamentaldaten zu gefährden».

Eine bevorstehende Verlagerung des Marktfokus hin zu den Erträgen könnte dem Sektor etwas Entlastung bringen, da die europäischen Banken in wenigen Wochen mit der Veröffentlichung ihrer Ergebnisse für das dritte Quartal beginnen. Strategen von Barclays unter der Leitung von Anshul Gupta erklärten, sie «erwarten, dass sich die Aufmerksamkeit wieder auf die Fundamentaldaten richtet, was die Solidität des Sektors erneut unterstreichen dürfte».

Luis Buceta von Creand Asset Management äusserte sich dahingehend, dass die Berichtssaison widerspiegeln sollte, dass die Fundamentaldaten der europäischen Wirtschaft intakt bleiben. «Wir rechnen weiterhin mit einem Wachstum des Kreditvolumens, angetrieben durch die aktuelle Phase des Konjunkturzyklus und die Erwartung steigender weltweiter Investitionen – und das in einem Zinsumfeld, das für den Finanzsektor derzeit noch recht günstig ist», schrieb er.

(Bloomberg/cash)