Die Eurozone kämpft immer wieder mit denselben Problemen. Laut Thomas Stucki, Chefökonom der St.Galler Kantonalbank (SGKB), wird sich daran auch in Zukunft nichts ändern. Denn die wirtschaftlichen, politischen und strukturellen Unterschiede zwischen den Eurozonenländern sind gross - und das Wachstum bleibt bescheiden.
Laut den jüngsten Wachstumsprognosen der OECD dürfte das Bruttoinlandsprodukt (BIP) der Währungsgemeinschaft in diesem Jahr um 0,8 Prozent und im nächsten Jahr um 1,2 Prozent wachsen. Der OECD-Schnitt liegt bei 1,5 respektive 1,7 Prozent, der globale Schnitt bei 2,8 und 3,1 Prozent für die beiden Jahre.
Da die Eurozone und die Europäische Zentralbank (EZB) über keine wirksamen Sanktionsmechanismen verfügen und ein Zwangsaustritt nicht möglich ist, ist die finanzielle Disziplin in vielen Ländern gering. In vielen Eurozone-Ländern wird das bescheidene Wachstum durch eine Neuverschuldung finanziert. Zwängsläufig «wird das Konstrukt immer wieder hinterfragt werden», so Stucki in einer am Montag publizierten Mitteilung.
Hintergrund des Kommentars ist die am Donnerstag, 11. Juni, anstehende Leitzinserhöhung der EZB. Über 90 Prozent der von LSEG befragten Expertinnen und Experten gehen von einem Zinsschritt von 2 auf 2,25 Prozent aus - so auch Stucki von der SGKB.
Doch ob die Zinserhöhung zum jetzigen Zeitpunkt nötig und richtig ist, sieht der Ökonom kritisch. Er argumentiert, die EZB sei stärker politisch bestimmt als die Spitzen anderer Zentralbanken. Es überrascht daher nicht, dass sich die EZB rasch nach ersten Kritiken wegen steigender Ölpreise in ihrer Kommunikation auf Zinserhöhungen einschoss - und nun über weniger Spielraum verfügt.
Ebenfalls kritisch sieht er das Anlegervertrauen zur Gemeinschäftswährung - besonders in Krisenzeiten. «Sobald es geopolitisch oder wirtschaftlich kritischer wird, kommt der Euro unter Druck», schreibt der Experte und verweist auf die Verluste gegenüber dem Dollar und Franken nach dem US-Angriff auf den Iran im März.
Diese beiden fundamentalen Gründe - politische Einflüsse auf die EZB und mangelndes Anlegervertrauen - dürften denn auch für den nächsten Schwächeanfall des Euro ausschlaggebend sein. Denn für den Ökonomen ist es nur eine Frage der Zeit: «Die Frage dabei ist nicht ‘ob’, sondern ‘wann’». Dasselbe gelte für einen Franken-Euro-Kurs unter 90 Rappen.

