Anleger werden laufend mit neuen Kurszielen und Ratings konfrontiert - erstellt von Banken, Brokern oder unabhängigen Analysehäusern. Die Aktien-Experten schauen nicht nur ganz genau auf Unternehmenszahlen und das Management, sie kennen die jeweilige Branche und beobachten die Konkurrenz der Unternehmen.

Daraus entstehen ihre Ratings: «Buy», «Hold» oder «Sell». In anderen Worten: Die Analysten geben ihre Empfehlung ab, ob die Aktie gekauft, behalten oder verkauft werden soll. Einige Bank haben eine andere Wortwahl und verwenden Begriffe wie «Outperform», «Market Perform» oder «Undeperform» - sie meinen damit aber dasselbe. In ihrer Einschätzung fokussieren sich die Experten meist auf längere Frist, circa zwölf Monate. Dennoch können neue Ratings kurzfristig deutliche Kursbewegungen auslösen.

Dabei dienen die Werte als solider Indikator für die Marktstimmung. Dieser gewinnt an Wert, wenn der Konsens betrachtet wird. Wenn mehr als die Hälfte der Analysten ein Titel zum Kauf empfehlen, hat das mehr Gewicht als nur ein Experte. 

87 Prozent: Die Schweizer Top-Aktie

cash.ch hat die Analystenratings von Schweizer Aktien innerhalb des SPI-Index analysiert, wobei nur solche in Betracht gezogen wurden, die über mindestens zehn Urteile verfügen. Wie Finanzmarktdaten des Analysetools der London Stock Exchange Group (LSEG) zeigen, gibt es derzeit besonders ein Titel, der Experten zu überzeugen scheint: Lonza. Von den 24 Ratings sind nämlich 87,5 Prozent Kaufempfehlungen. Nur drei Halten-Empfehlungen liegen vor und keine Verkaufsempfehlung. 

Dabei weist der Titel des Pharmazulieferers in diesem Jahr einen sehr volatilen Kurs und nur knapp 2 Prozent Gewinn aus. Im vergangenen Jahr erklomm die Wachstumsaktie noch das Siegertreppchen des SMI und gewann 51 Prozent an Wert.

Die Seitwärtsbewegung in diesem Jahr ist auf verschiedene Ursachen zurückzuführen. Die Zollkeule von Us-Präsident Donald Trump hatte ihren Teil dazu beigetragen, genau so der starke Schweizer Franken oder fehlende Impulse für die Aktie. 

Dennoch findet sich die Aktie auch unter den neuesten Top-Picks für 2026 von Vontobel mit einem Kursgewinnpotenzial von 25 bis 35 Prozent im kommenden Jahr. Insbesondere der neue Standort in Vacaville, Kalifornien, dürfte sich positiv auswirken.

Ein weiterer Lonza-Optimist ist bei der amerikanischen Bank Morgan Stanley zu finden. Er hatte vor wenigen Tagen erst das Rating erhöht und sieht derzeit einen attraktiven Einstiegszeitpunkt. Wie er begründet, bietet Lonza anhaltendes Wachstum unter makroökonomischem Rückenwind. Schub komme mittelfristig von Zinssenkungen sowie einer Umschichtung in den Investorenportfolios hin zum Gesundheitssektor. 

Aktienkurse der Pharmabranche werden Ratings (noch) nicht gerecht

Ebenfalls weit vorne im Ranking zu finden sind weitere Gesundheitstitel wie Alcon oder Galderma. Ihre Ratings weisen über 70 Prozent Kaufempfehlungen aus, auch Siegfried überzeugt mit 72 Prozent. 

Insbesondere der Optimismus bei Alcon erstaunt, da der Augenheilkonzern doch 16 Prozent an Wert seit Januar eingebüsst hat, wonach die Aktien zu den grössten Verlierern zählen am Schweizer Markt. Alcon hatte zwei enttäuschende Quartale hingelegt und konnte im November endlich etwas Beruhigung hineinbringen. Die befürchtete erneute Senkung der Jahresprognose blieb aus und die Erwartungen wurden mehrheitlich erfüllt.

Wie schon bei Lonza, waren auch hier die Zölle nicht gerade hilfreich, zudem drückten höhere Vertriebs- und Marketingkosten für neue Produkte die Marge. Diese Neulancierungen sollen gemäss Experten dem Wachstum ab dem kommenden Jahr jedoch Schub verleihen.

Bei Siegfried ist die Jahresbilanz noch rund 10 Prozent «höher» - also 26 Prozent Verlust. Der Pharmazulieferer legte ein geringes Wachstum im ersten Halbjahr hin, auch der Lagerabbau von Kunden und der starke Schweizer Franken belasteten. 

Gegenteilig präsentiert sich der Kurs von Galderma: Plus 58 Prozent seit Januar. Die Produkte Sculptra, Restylane oder Relfydess sowie das Geschäft mit Fillern und Biostimulatoren überzeugen und übertrafen bis anhin die Erwartungen der Analysten. Für den Hoffnungsträger Nemluvio rechnet die UBS gar mit einem risikobereinigten Spitzenumsatz von 3,5 Milliarden US-Dollar.

Apropos Pharma: Roche und Novartis finden sich in der unteren Hälfte der Liste wieder. So überzeugen die Basler Index-Schwergewichte aktuell nur 47 Prozent, beziehungsweise 32 Prozent der Experten. Beide weisen etwa ähnlich viele Verkaufsempfehlungen aus, während bei Novartis die Halteempfehlungen klar die Mehrheit aus machen. Studiendaten, höhere Medikamentenpreise, Generikakonkurrenz, Zollkonflikt, auslaufende Patente und ein zunehmender Wettbewerb haben hier ihre negative Wirkung gezeigt.  Auf Jahressicht haben die Aktien dennoch beide mehr als 15 Prozent zulegen können. 

Übersicht der Kaufempfehlungen von Schweizer Aktien

Drei Schweizer Lieblinge

Ebenfalls im Mittelfeld befinden sich die Aktien von weiteren traditionellen Anleger-Favoriten wie UBS, Lindt&Sprüngli, Richemont oder Nestlé. Der Lebensmittelkonzern kommt auf knapp 46 Prozent, wobei die Halten-Empfehlungen anteilsmässig genau gleich ausmachen. Zwei Verkaufsempfehlungen runden die 24 Ratings ab. 

Die UBS kommt immerhin auf 63 Prozent und belegt somit den achten Rang, hinter Holcim und Sika, welche beide 63,64 Prozent von 22 Ratings erreicht haben. Davor reiht sich noch Richemont ein. Von 26 Ratings raten 18 Experten zum Kauf, die restlichen acht sind derzeit neutral eingestellt. Lindt&Sprüngli schafft es, mehr als ein Drittel Experten (konkret fünf) auf seiner Seite zu haben, wobei mehr Haltenempfehlungen (konkret acht) vorliegen und nur eine Verkaufsempfehlung. 

Im Jahreskurschart überzeugen Richemont und Lindt dennoch mehr als UBS und Nestlé. Sie haben beide weniger als 10 Prozent dazugewonnen, während der Luxuskonzern und der Schokoladenhersteller 26, respektive 15 Prozent zugelegt haben. 

(Wenig) überraschende Schlusslichter

Wenig überraschend bildet Swatch mit nur 10 Prozent Kaufempfehlungen das Schlusslicht. Noch klarer wird der Pessimismus, wenn man genauer hinsieht: Zwei Kauf-, sechs Halten, und zwölf Verkaufsempfehlungen. Mit dieser Bilanz wäre der Uhrenkonzern auch nach Verkaufsanteil wohl das Schlusslicht. 

Dabei stehen die Aktienjahresbilanz nicht so schlecht da: Die Inhaberaktien haben 0,2 Prozent eingebüsst, die Namensaktien 4,4 Prozent gewonnen. Aus dem SLI mussten sich die Titel dennoch verabschieden.

Bemängelt wird beim Bieler Konzern immer wieder das Management um Nick Hayek. Es ist von strukturellen Problemen und einer «wenig klaren» Strategie die Rede. Ebenfalls ist Swatch stark im Sog des gesamten Sektors, der nach wie mit Zollsorgen und schwachen Endmärkten strauchelt.

Zwei weitere Aktien, die zwar seit Januar überzeugen, in ihren Kaufratings jedoch unter 16 Prozent liegen, sind Temenos und Zurich mit einem Anteil von 13 und 15 Prozent. Bei Zurich raten zehn von 19 Experten sogar zum Gegenteil: dem Verkauf.

In den schriftlichen Statements der Experten sind verschiedene Ursachen für die Verkaufsempfehlungen zu finden. Von fehlenden Aktientriggern, einer zu hohen Bewertung, Enttäuschung über das Ausbleiben eines Aktienrückkaufes, fehlende Dynamik in der Gewinnentwicklung oder einmal mehr, der Wechselkurs von Dollar und Franken.

Umstrittene Aussagekraft

Während bei einigen Titeln also wenig überraschende Ratings vorliegen, kommen bei anderen eher mal Fragezeichen auf. Wie aussagekräftig solche Meinungen sind, ist generell umstritten. 

Kritiker sind der Meinung, dass Aktienanalysen kaum einen Mehrwert bringen, was sich auch durch modernere Technik, detaillierte Daten und bessere Analysetools nicht gross verändert habe. Einige Börsianer sehen sogar ein typisches Muster: wenn die Kurse fallen, werden die Kursziele reduziert, sobald die Kurse steigen, werden sie erhöht. Zudem muss auch immer auf den Zeitpunkt der letzten Änderung geachtet werden - dieser kann je nachdem weit zurückliegen, was die Glaubwürdigkeit weiter einschränkt. 

Auch muss zwischen Buy-Side- und Sell-Side-Analysten unterschieden werden. Erstere arbeiten für institutionelle Anleger und veröffentlichen ihre Einschätzungen nicht, während Sell-Side-Analysten im Auftrag von Banken arbeiten - was ihre Unabhängigkeit regelmässig infrage stellt.

Skeptiker verweisen ausserdem auf strukturelle Interessenkonflikte. Viele Ratings würden eher zu positiv ausfallen, denn wer zu kritisch ist, riskiert, den Zugang zu Unternehmensführungen oder wichtigen Bankkunden zu verlieren. 

Ratings dienen also eher als Orientierungshilfe - sind aber schlussendlich kein Erfolgsgarant. Vielmehr wird empfohlen, sich an Fundamentaldaten und nachhaltigen Geschäftsmodellen zu orientieren.

Aisha Gutknecht arbeitet seit Juli 2024 als Redaktorin für cash.ch.
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