Die Zahlensaison am Schweizer Aktienmarkt nimmt in der neuen Börsenwoche so richtig Fahrt auf. Von Dienstag bis Freitag legen 17 an der SIX kotierte Schweizer Unternehmen ihre Bücher offen. Darunter sind fünf Unternehmen aus dem Swiss Market Index (zur Übersicht der Termine geht es hier).

Die Geschäftszahlen von Firmen, die bislang ihre Quartalszahlen veröffentlicht haben, waren teils sehr erfreulich. So legten die Aktien des Duftstoffherstellers Givaudan oder der Onlineapotheke DocMorris nach den Zahlenvorlagen letzte Woche im zweistelligen Prozentbereich zu. Die beiden Titel standen zuoberst an der Tabelle der besten Schweizer Aktien der abgelaufenen Woche.

Die Geschäftsberichte kommen vor dem Hintergrund einer stark anziehenden Schweizer Börse. So verbuchte der Swiss Market Index allein in der letzten Woche mit einem Zuwachs von 4,4 Prozent die Hälfte der Jahresperformance (plus 8,2 Prozent - mehr dazu hier). Hintergrund ist eine Sektorenrotation in defensive Werte. Bei nicht überzeugenden Quartalszahlen könnten Investoren 

cash.ch konzentriert sich bei der Wochen-Vorschau auf die drei grössten Titel punkto Börsenwert: ABB (Zahlenveröffentlichung am 20. Oktober), Nestlé und Roche (beide am 22. Oktober). Aus dem SMI publizieren überdies Holcim und Sika ihre Geschäftszahlen (am 23. Oktober).

ABB:

Die Vorgaben für das Industrie- und Technologieunternehmen sind klar: «Insgesamt erwarten wir steigende Aufträge, Umsätze und eine höhere Marge im Jahresvergleich», schreibt die Zürcher Kantonalbank (ZKB) in einer Vorschau. Gemäss Analystenkonsens wird ein Quartalsgewinn von rund 1,4 Milliarden Franken erwartet, was über 10 Prozent des Vorjahresergebnisses liegt. Der Umsatz soll um 15 Prozent zulegen.

Im Fokus des Marktes ist wie schon in den letzten Quartalen die wachstumsstärkste Sparte Elektrifizierung, die das Geschäft der Rechenzentren beziehungsweise deren Stromversorgung beinhaltet. Dieses macht etwa 10 Prozent des ABB‑Umsatzes aus und war mitverantwortlich für die markante Steigerung des ABB-Aktienkurses, der 2026 in der Spitze 50 Prozent gegenüber Jahresanfang zulegte. ABB entwickelt etwa zusammen mit Nvidia Stromversorgungssysteme für besonders grosse KI-Rechenzentren.

Für die Elektrifizierungssparte von ABB erwartet die ZKB ein Wachstum von 50 Prozent gegenüber dem Vorjahresquartal, für die anderen ABB-Segmente Motion und Automation jeweils ein niedriges zweistelliges Wachstum. Anleger schauen bei den Quartalszahlen über alle drei ABB-Sparten insbesondere auf den Auftragseingang, also den Grundstein des künftigen Umsatzes. Hier liegt die Messlatte hoch: Im zweiten Quartal legte dieser im Vergleich zum Vorjahresquartal um 28 Prozent zu. Für das dritte Quartal rechnet die ZKB nun sogar mit einem Zuwachs von 34 Prozent.

Die Quartalszahlen von ABB kommen mit Blick auf den Aktienkurs in einer etwas heiklen Phase. ABB hat an der Börse die Aura einer KI-Aktie erlangt. Die Tech-Schwäche an den Aktienmärkten weltweit hat den Titel nun aber fast auf den Stand von Ende April zurückgeworfen und die Jahresperformance auf 33 Prozent abschmelzen lassen. Eine leise Enttäuschung beim Zahlenset am Dienstag könnte angesichts der angeschlagenen Tech-Stimmung am Markt zu weiteren Einbussen beim Aktienkurs führen.

Nestlé:

Nestlé-Chef Philipp Navratil, seit etwas mehr als einem Jahr im Amt, musste bei der Präsentation der Zweitquartalszahlen Mitte Juli eine bittere Pille schlucken. Der Aktienkurs rasselte am selben Tag 8 Prozent in den Keller. Das harte Verdikt des Marktes: «Zu wenig positive Überraschungen» – dies bei recht soliden Zahlen. Die ungeduldigen Investoren gaben der Nestlé-Führung einen Denkzettel wegen Ausbleibens der im letzten Jahr angekündigten Veränderungen beim Nahrungsmittelkonzern. Nestlé will sich bekanntlich stärker auf wachstums- und margenstärkere Geschäftsfelder konzentrieren.

Eine Wiederholung des Aktienabsturzes im Juli-Ausmass würde bei den Drittquartalszahlen vom nächsten Donnerstag jedoch überraschen. Erstens hat Nestlé mit der Auslagerung des problematischen Wassergeschäftes in ein Joint Venture mit Peranel nun einen wichtigen Schritt in Sachen Konzernumbau getan. Zweitens erwarten Analysten im Vorfeld keine Wunderdinge beim operativen Geschäft im dritten Quartal. Die Erwartungen sind entsprechend verhalten. Viele Marktbeobachter erwarten gar eine leichte Abschwächung des Wachstums im Vergleich zum zweiten Quartal.

Eine weitgehend stabile Entwicklung des realen internen Wachstums (RIG) – eine wichtige Richtgrösse für Nestlé, die Preiserhöhungen oder Wechselkurseffekte ausschliesst – wäre angesichts anspruchsvollerer Vergleichswerte ein solides Ergebnis, schreibt etwa Barclays. Die britische Bank erwartet ein Umsatzwachstum von 3,5 Prozent, zusammengesetzt aus 1,8 Prozent RIG und 1,7 Prozent Preiserhöhungen. Das ist leicht höher als der Marktkonsens (3,3 Prozent). «Die zentrale Frage bleibt, ob Nestlé weiterhin Fortschritte in Richtung des Ziels eines realen internen Wachstums von über 2 Prozent erzielen kann», schreibt Barclays. Nestlé veröffentlicht keine Gewinnzahlen zum dritten Quartal.

Die Aktie von Nestlé hat im September und Oktober eine Achterbahnfahrt hinter sich. Vor zwei Wochen geriet der Titel mit rund 74 Franken und einem Acht-Monate-Tief gefährlich nahe an Kursniveaus, welche in der Krisenzeit im Herbst 2025 erreicht wurden. Mit einer Aufholrallye und neun Handelstagen in Folge mit Kursgewinnen konnte sich die Aktie in den letzten zwei Wochen nun etwas vom Stress befreien (mehr dazu hier). 

Mit rund 82 Franken befindet sich die Aktie aber immer noch nicht auf einem Niveau, auf dem Investoren sie auf lange Frist sehen wollen. Die Deutsche Bank hält die Aktie auch auf diesem Niveau nicht unbedingt für günstig. Die Bewertung aufgrund des Kurs-Gewinn-Verhältnisses von 16 bedeutet einen Aufschlag von rund 8 Prozent gegenüber dem Sektor. Diese Prämie sei historisch betrachtet nur dann wesentlich höher gewesen, wenn das RIG mindestens 2 Prozent betrug.

Roche:

Der Partizipationsschein (PS) und die weniger gehandelte Aktie von Roche gehörten zuletzt zu den «Outperformern» im Swiss Market Index. Der PS hat Ende letzter Woche den höchsten Stand seit April 2022 erreicht. Trotz eines überwiegend positiven Newsflows in den letzten Wochen dauerte es aber relativ lange, bis der Titel in Fahrt kam. Mit den Kurs-Avancen hat Roche punkto Jahresperformance (plus 16 Prozent) nun den Rivalen Novartis überholt (plus 15 Prozent), der lange Zeit in diesem Jahr das Duell deutlich dominiert hatte.

Ob der PS und die Aktien nach der Bekanntgabe der Drittquartalszahlen weiter zulegen können, hängt insbesondere davon ab, ob das Management rund um CEO Thomas Schinecker den Ausblick auf das ganze Geschäftsjahr erhöhen wird. Das wäre unüblich, aber ganz ausgeschlossen ist es nicht.

«Wenn man im Halbjahr ist, dann hat man eigentlich einen relativ guten Blick, wie das zweite Halbjahr laufen wird», sagte Schinecker nach der Präsentation der Halbjahreszahlen Ende Juli gegenüber AWP. «Ich glaube nicht, dass es da so viele Unsicherheitsfaktoren gibt.» Aus diesen Statements kann man schliessen, dass Roche die Prognosen für das ganze Jahr zumindest bestätigen wird. Das sind Umsatzwachstum im mittleren einstelligen Prozentbereich und Wachstum des Kerngewinns pro Aktie im hohen einstelligen Prozentbereich.

Für das dritte Quartal erwartet der Markt ein Umsatzwachstum von 5 Prozent auf 15,8 Milliarden Franken zu konstanten Wechselkursen, wobei die Sparten Pharma mit 5 Prozent und Diagnostik mit 4 Prozent zugelegt haben sollen. Bei den Medikamenten haben die Experten vor allem ein Auge auf die Entwicklung des Augenmittels Vabsymo, dessen Wachstum im Ersthalbjahr erneut hinter den Erwartungen zurückblieb. Besser als erwartet liefen dagegen Hemlibra, Tecentriq und auch Perjeta.

Die Halbjahreszahlen waren wenig aufregend und lagen nur leicht über den Erwartungen, was den PS-Kurs dennoch um 5 Prozent ansteigen liess. Nach den deutlichen Kursgewinnen der letzten Wochen dürfte der PS kaum in diesem Mass zulegen, sollten die Drittquartalszahlen «bloss» im Rahmen der Erwartungen liegen.

Daniel Hügli
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