Die Übernahmeschlacht um die Commerzbank ist verloren. Nun könnte die Bereitschaft der deutschen Regierung zu Gesprächen mit dem italienischen Angreifer UniCredit über eine Übernahme des Frankfurter Instituts einer Konsolidierung im europäischen Bankensektor ‌neuen Schub ⁠verleihen. «Das potenzielle Geschäft zwischen UniCredit und der Commerzbank schafft die Basis für einen europäischen Champion», sagte Antonio Reale, Co-Leiter für europäische Banken ⁠bei der Bank of America. Dies erhöhe den Druck auf die Konkurrenz, ebenfalls nach mehr Grösse und Macht zu streben.

Die Bundesregierung hatte jüngst ihren Widerstand ‌gegen die Pläne von UniCredit-Chef Andrea Orcel aufgegeben. Bundesfinanzminister Lars Klingbeil will ihn am 14. ‌September zu Gesprächen in Berlin treffen. Der Widerstand der Bundesregierung bröckelte, ​nachdem der italienische Finanzkonzern im Juli seinen Anteil an der Commerzbank auf knapp 50 Prozent aufgestockt hatte. Diese Beteiligung reicht aus, um Hauptversammlungsbeschlüsse massgeblich zu beeinflussen und beispielsweise Aufsichtsratsmitglieder zu bestimmen.

Befürworter einer Konsolidierung argumentieren, dass grössere Banken die steigenden Kosten für Technologie und Regulierung besser bewältigen können. Die Europäische Zentralbank (EZB) und die Europäische Kommission fordern seit langem grenzüberschreitende Zusammenschlüsse in der Finanzbranche. ‌Sie betonen, dass Europa grössere Institute benötige, um mit der US-Konkurrenz mithalten zu können.

Die nach Marktkapitalisierung grösste US-Bank JPMorgan Chase ist LSEG-Daten zufolge in etwa so viel wert wie die fünf grössten europäischen Banken zusammen, zu denen unter anderem BNP Paribas, HSBC und Santander ​gehören. Während viele Regierungen in der Europäischen Union (EU) solchen Deals bislang skeptisch gegenüberstanden, bewerten Banker und Analysten ​die veränderte Haltung der Bundesregierung als möglichen Wendepunkt.

Die Europäische Kommission hofft, dass ​eine Fusionswelle die politische Integration vorantreibt. Die Brüsseler Behörde bemüht sich seit Jahren um eine Vertiefung des Binnenmarktes, wozu auch die seit langem durch die Mitgliedsstaaten ‌verzögerte Bankenunion gehört. «In gewisser Weise haben die Banken auf die Vollendung der Bankenunion gewartet, um zu fusionieren, jedoch scheint es nun umgekehrt zu sein», erklärte Nicola de Caro, Analyst bei Morningstar DBRS. Die praktischen Erfahrungen könnten die Integration des Bankensektors beschleunigen, sodass beide Prozesse letztlich parallel ​verlaufen.

Experten weisen jedoch auf erhebliche Hindernisse hin. Grenzüberschreitende Fusionen seien ⁠vor allem dann sinnvoll, wenn sie einen klaren Mehrwert böten. Da der europäische ​Markt stark fragmentiert ist, verfügen Banken ⁠in verschiedenen Ländern oft über unterschiedliche Plattformen, was Synergien erschwert. Zudem scheuen viele Regierungen davor zurück, den Einfluss auf ihre nationalen Bankensysteme ‌aufzugeben, da sie im Falle einer Bankenpleite weiterhin für die Rettung geradestehen müssten. Dies zeigten jüngst die Versuche Spaniens, die 16-Milliarden-Euro-Offerte von BBVA für Sabadell zu erschweren, sowie der Widerstand Italiens gegen Pläne von UniCredit bei der ‌Banco BPM.

Die Ausgangslage im Fall der Commerzbank ist jedoch eine andere, da UniCredit über die ​Tochter HypoVereinsbank bereits stark in Deutschland vertreten ist und somit lokale Synergien nutzen kann. Ein Zusammenschluss würde ein Institut mit einer Bilanzsumme von mehr als 1,3 Billionen Euro (1,5 Billionen Dollar) schaffen. Dies wäre zwar immer noch kleiner als BNP Paribas oder HSBC, könnte aber als Vorbild dienen.

(Reuters)