In den letzten drei Monaten sind bei börsennotierten europäischen Unternehmen Übernahmeangebote in Höhe von etwa 37 Milliarden Euro eingetrudelt. Schnäppchenjäger von Blackstone bis Cinven versuchen die Gunst der derzeit geschwächten Aktienmärkte zu nutzen. In einigen Fällen können die Zielfirmen nicht entscheiden, ob die Aktionäre ein gutes Angebot erhalten.

Der Münchener Laborbetreiber Synlab und der norwegische Anbieter von Online-Kleinanzeigen Adevinta haben kürzlich Private-Equity-Angebote erhalten, die nach Ansicht ihrer Führungsetagen nicht den langfristigen Wert widerspiegeln. Beide Firmen haben sich zu dem ungewöhnlichen Schritt entschlossen, ihren Aktionären keine Empfehlung über Annahme oder Ablehnung der Angebote zu geben. Stattdessen forderten sie sie auf, ihre eigene Entscheidung zu treffen.

"Vorstände der Zielunternehmen verzichten zunehmend auf klare Empfehlungen", meint Josh Rosen, Analyst bei United First Partners. Stattdessen gebe es eher unentschiedene, an Bedingungen geknüpfte Positionen.

Die Entscheidungen fallen schwer

Vorstand und Aufsichtsrat von Synlab teilten Anfang des Monats mit, das Angebot von Cinven in Höhe von 2,2 Milliarden Euro sei aus finanzieller Sicht "nicht angemessen". Als Beleg zitierten sie zwei Gutachten, die zum selben Ergebnis kommen. Gleichwohl habe sich nach Gesprächen mit anderen Interessenten "das Angebot von Cinven als das attraktivste im aktuellen Umfeld herausgestellt". Ausserdem schätze man die Unterstützung Cinvens für Synlabs Strategie.

Synlabs Vorstand und Aufsichtsrat enthielten sich letztlich jeglicher Empfehlung und kamen zu dem Schluss, dass jeder Aktionär "seine eigene Entscheidung darüber treffen muss". Die Führungskräfte werden ihre eigenen Aktien andienen.

Der Spielraum wurde auch erreicht

Ähnlich unentschieden zeigten sich die unabhängigen Verwaltungsräte von Adevinta angesichts eines Angebots der Finanzinvestoren Permira und Blackstone in Höhe von 14 Milliarden Euro einschliesslich Schulden. Zwar seien sie überzeugt, dass ein höherer Wert erreicht werden könne, aber dennoch liege die Offerte "innerhalb der Spanne" dessen, was fair sei, und einige risikoscheue Investoren könnten verkaufen wollen, hiess es in ihrer Stellungnahme.

Da sich Adevintas Kernaktionäre — der norwegische Medienkonzern Schibsted und die Auktionsplattform eBay — mit den Bietern bereits handelseinig waren, kamen die Verwaltungsräte letztlich zu dem Schluss, dass es nur begrenzte Alternativen gab und legten den Aktionären das Angebot vor.

Laut Mark Kelly von MKP Advisors, ist es für Manager und Verwaltungsräte schwieriger geworden, Übernahmeangebote abzulehnen, da es Finanzinvestoren aufgrund des höheren Zinsniveaus wenig Spielraum haben, das Angebot aufzubessern.

Angst vor Unterbewertung

"Viele Vorstände können nicht eindeutig ‘ja’ sagen, weil sie das Gefühl haben, dass ihre Aktien vom Aktienmarkt zuvor erheblich unterbewertet wurden", so Kelly. "Gleichzeitig sehen Angebote mit hohen Aufschlägen auf den aktuellen Kurs aber attraktiv aus."

Angesichts des wirtschaftlichen Klimas und der Unsicherheit sei die Wahrscheinlichkeit einer Bewertungslücke zwischen Bietern und Zielunternehmen grösser, so Nick Bryans, Partner der Anwaltskanzlei Baker McKenzie in London.

Einige Geschäfte werden auch angefochten, etwa der Versuch von Schaeffler, beim Automobilzulieferer Vitesco Technologies die anderen Aktionäre über ein 3,6 Milliarden Euro schweres Übernahmeangebot herauszukaufen. David Einhorns Greenlight Capital hat Vitesco aufgefordert, auf ein besseres Angebot zu drängen oder andere Alternativen zu verfolgen.

Der Vorstand und der Aufsichtsrat von Vitesco haben in mehreren öffentlichen Erklärungen eingeräumt, dass einige Aktionäre das Angebot als zu niedrig ansehen. Sie haben auch versprochen sicherzustellen, "dass die Erfolgsfaktoren von Vitesco Technologies in einer möglichen künftigen Unternehmensstruktur beibehalten und geschützt werden".

(Bloomberg)