Schwindende Hoffnungen auf einen Frieden zwischen den USA und dem Iran haben die europäischen Aktienmärkte am Dienstag auf Talfahrt geschickt. Anleger zeigten sich nervös, nachdem US-Präsident Donald Trump die jüngsten Forderungen aus Teheran als «Müll» zurückgewiesen hatte und warnte, die seit Anfang April geltende Waffenruhe werde nur noch künstlich am Leben gehalten. Der Dax gab bis zum frühen Nachmittag in der Spitze 1,4 Prozent auf bis zu 24'018 Punkte nach. Der EuroStoxx50 fiel ähnlich stark auf bis zu 5819 Zähler.
«Im Konflikt mit dem Iran scheint sich der Ton wieder zu verschärfen», konstatierte Commerzbank-Analyst Michael Pfister. «Entscheidend ist, dass die Strasse von Hormus ohne eine wie auch immer geartete Einigung weiter geschlossen bleibt, mit all den dazugehörigen Auswirkungen auf die Inflation und die Zentralbankentscheidungen.» Mit jedem Tag, der vergehe, dürften die Konsequenzen dieser Schliessung gravierender werden. Die Ölpreise legten wie bereits zum Wochenauftakt um rund drei Prozent zu. Die Nordseesorte Brent verteuerte sich um bis zu 3,6 Prozent auf 107,96 Dollar je Barrel; der Preis für US-Leichtöl WTI zog in der Spitze um 3,9 Prozent auf 101,91 Dollar an. «Der Optimismus hinsichtlich eines baldigen Friedensabkommens scheint wieder zu schwinden», konstatierte Suvro Sarkar, Energieexperte bei der DBS Bank. «Wenn wir bis Ende Mai keine Einigung sehen, dann sind Aufwärtsrisiken für die Ölpreise definitiv gegeben.»
Inflation im Blick
Mit Spannung warteten Investoren auf die Daten zur Inflation in den USA am Nachmittag. Von Reuters befragte Experten erwarten für April einen Anstieg auf 3,7 Prozent. Steigende Ölpreise infolge des Iran-Kriegs haben die deutsche Inflation im April auf den höchsten Stand seit mehr als zwei Jahren getrieben. Waren und Dienstleistungen kosteten 2,9 Prozent mehr als ein Jahr zuvor, wie das Statistische Bundesamt am Dienstag eine frühere Schätzung bestätigte. Angesichts des Ölpreisschocks ist laut Bundesbankchef Joachim Nagel eine Zinserhöhung der EZB weiterhin eine Option.
Unterdessen schauten Finanzexperten im Mai nicht mehr ganz so pessimistisch auf die deutsche Wirtschaft. Das Barometer der Konjunkturerwartungen für die kommenden sechs Monate stieg überraschend um 7,0 Punkte auf minus 10,2 Zähler, wie das Mannheimer Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) mitteilte. Die leichte Erholung sei eine positive Überraschung, sagte Robin Winkler, Deutschland-Chefvolkswirt der Deutschen Bank. «Gleichwohl sind die Konjunkturerwartungen der Analysten weiterhin deutlich schlechter als vor Ausbruch des Irankrieges.» Der Konflikt im Nahen Osten habe die Wachstumserwartungen für die nächsten Monate mehr oder weniger zunichtegemacht.
Bayer-Aktie im Aufwind - Münchner Rück unter Druck
Bei den Einzelwerten schossen Bayer-Aktien mit einem Plus von rund sechs Prozent an die Dax-Spitze. Ein starkes Agrargeschäft hat dem Pharma- und Agrarkonzern zum Jahresstart überraschend viel Rückenwind verliehen. Der bereinigte operative Gewinn (Ebitda) lag im ersten Quartal mit 4,45 Milliarden Euro mehr als 500 Millionen Euro über den Vorhersagen der Analysten. «Ergebnis Crop Science war stark, vor allem Soja und Maissaatgut, sowie Kostensenkungen», kommentierten die Analysten der DZ Bank.
Dagegen brachen die Titel der Münchener Rück in der Spitze mehr als sechs Prozent ein und sackten damit auf den niedrigsten Stand seit eineinhalb Jahren. Der weltweit zweitgrösste Rückversicherer hat angesichts bröckelnder Preise sein Geschäft in den Verhandlungen mit den Erstversicherern deutlich zurückgefahren. In der April-Erneuerungsrunde, in der es vor allem um Geschäft in Asien geht, habe man 18,5 Prozent weniger Geschäft gezeichnet. «Da einige vergleichbare Unternehmen bei der Vertragsverlängerung weiter wuchsen, gehen wir davon aus, dass dies heute im Fokus vieler Anleger stehen wird», kommentierten die Analysten der Investmentbank Jefferies.
(Reuters)

