Wir befinden uns im Zeitalter der Mässigung - zumindest, was den Alkoholkonsum betrifft. Über 70 Prozent der Europäerinnen und Europäer konsumieren weniger Alkohol, von den 25- bis 35-Jährigen hat sogar jeder vierte komplett aufgehört zu trinken. Dies führt zu fundamentalen Veränderungen in der Getränkeindustrie.

So wies der Brauereikonzern Carlsberg diese Woche bei der Ergebnispublikation darauf hin, dass er erstmals in seiner Unternehmensgeschichte weniger als die Hälfte des Umsatzes mit Bier erzielt. Der Luxusgüterkonzern LVMH wiederum wandelt diese Herausforderung durch eine zusätzliche Premiumisierung seiner Luxusgetränke in Potenzial um, und die Aktien von Spirituosenherstellern wie Rémy Cointreau oder Pernod Ricard notieren derweil auf 15- bis 20-Jahres-Tiefstständen.

Gleichzeitig eröffnen diese Veränderungen Chancen für Value-Investoren. Denn noch stärker als die Getränkebranche selbst sind deren Zulieferindustrien von dieser Entwicklung betroffen. Vorne mit dabei: Glasproduzenten.

Bilanzstärke als Erfolgsindikator

Der Trend weg von alkoholischen Getränken hat Glasproduzenten zunächst schwer getroffen. Seit rund zwei Jahren befinden sich deren Aktienkurse im Sinkflug. Die Papiere von zwei der drei grössten europäischen Glashersteller sind seit Sommer 2023 zwischen 40 Prozent (Verallia, Frankreich) und 70 Prozent (Gerresheimer, Deutschland) gefallen. Der dritte im Bunde, Vidrala (Spanien), legte im gleichen Zeitraum hingegen knapp 35 Prozent zu - eine Ausnahmeerscheinung.

Ebenfalls eine negative Kursbilanz weist der Schweizer Glashersteller Vetropack auf. Seit Sommer 2023 haben die Titel rund die Hälfte an Wert verloren, seit dem Allzeithoch vor vier Jahren bei etwa 64 Franken sogar rund 65 Prozent.

Kursentwicklung von Vetropack (in Franken) und Verallia (in Euro).

Während weniger gut gepolsterte Unternehmen Opfer einer Marktkonsolidierung und eines Kapazitätsabbaus werden dürften, sollten Firmen mit einer soliden Bilanz, einer guten Positionierung und einem starken Cashflow - der zu keinen Dividendenkürzungen zwingt - gestärkt aus dieser Phase hervorgehen. Für Anlegerinnen und Anleger eröffnen sich damit Chancen, zumal die Bewertungen zuletzt deutlich gesunken sind.

Zwei besonders interessante Unternehmen sind die oben erwähnten Vetropack und Verallia. Sie punkten mit soliden Bilanzen und Fundamentaldaten, vergleichsweise hohen und bislang als sicher geltenden Dividenden, erheblichem Kurspotenzial sowie überwiegend positiven Analysteneinschätzungen.

Fokussierte Anlagen

Verallia und Vetropack produzieren ausschliesslich Glasbehälter für die Getränke- und Lebensmittelindustrie und gelten damit als sogenannte «Pure Plays». Zwar sind die Risiken höher als bei diversifizierten Konkurrenten, doch sind es eben auch die Gewinnchancen - vorausgesetzt, es kommt zu einer Verbesserung der Rahmenbedingungen.

Flaschenproduktion bei Vetropack.

Flaschenproduktion bei Vetropack.

Quelle: ZVG

Verallia ist mit einer Marktkapitalisierung von rund 2,8 Milliarden Euro etwa zehnmal grösser als Vetropack mit rund 300 Millionen Franken. Während Verallia den Grossteil des Umsatzes in westeuropäischen Märkten erzielt, erwirtschaftet Vetropack rund die Hälfte in Osteuropa. Für den Schweizer Glashersteller wurde aber genau dies zum Problem. 

Seit Jahren belastet der Krieg in der Ukraine die dortigen Geschäfte und im moldawischen Markt stellen exorbitante Energiepreise eine zentrale Herausforderung dar. Moldawien ist seit dem Ukraine-Krieg von der russischen Energie abgeschnitten und muss deutlich teurere westeuropäische Energie importieren. Die dortigen Schmelzkapazitäten hat Vetropack deshalb bis Sommer 2026 heruntergefahren oder stillgelegt.

Verallia wiederum litt unter einem enttäuschenden Sommer, in dem sowohl Volumen als auch Preis-Mix unter den Erwartungen lagen - besonders das Biergeschäft entwickelte sich schwach. In der Folge wurde der Ausblick gesenkt.

Gute Substanz und hohe Rentabilität

Trotz der Vielzahl negativer Schlagzeilen, die Anlegerinnen und Anleger derzeit auf die Probe stellen, sollten die positiven Aspekte nicht aus dem Blick geraten: Beide Unternehmen verfügen über eine solide Substanz, die Ausschüttungen erscheinen nachhaltig und bei einer Stabilisierung beziehungsweise Verbesserung der Rahmenbedingungen dürften die Gewinne pro Aktie stark steigen.

Vetropack punktet mit der Bilanzstärke. Die Eigenkapitalquote liegt bei über 60 Prozent, das Verhältnis von Nettoschulden zum Ebitda beträgt nur 1,5,  und das Preis-Buchwert-Verhältnis liegt bei tiefen 0,6. Zudem übersteigt der freie Cashflow die Dividenden um den Faktor 1,2. 

Diese Kennzahlen deuten nicht nur auf eine moderate Verschuldung hin, sondern auch darauf, dass der Markt Vermögenswerte und Anlagen unter ihrem bilanzierten Wert bewertet - für ein Unternehmen mit vernachlässigbarem Goodwill, ohne nennenswerte Rechtsstreitigkeiten oder sonstige Altlasten eher ungewöhnlich. Gleichzeitig unterstreichen sie die finanzielle Tragfähigkeit der Dividenden. Mit einer Rendite von 4,4 Prozent liegt Vetropack am oberen Ende des Wettbewerbsvergleichs.

Demgegenüber weist das Unternehmen die niedrigsten Margen innerhalb der Vergleichsgruppe aus. Mit einer Gewinnmarge von rund 1 Prozent hätte eine weitere Verschlechterung der Geschäftslage hier den grössten negativen Hebel.

Bei Verallia sticht hingegen die hohe Rentabilität hervor. Die Reingewinnmarge liegt bei 4,6 Prozent, und die weniger schwankungsanfälligen Ebitda-Margen bewegen sich trotz Gegenwinds weiterhin über 20 Prozent (Vetropack: 14,4 Prozent) - mit tendenziell steigender Entwicklung. Die Eigenkapitalrendite von knapp 17 Prozent ist die höchste im Sektor, jene von Vetropack beträgt lediglich 3,1 Prozent.

Nur 300 Gramm statt der handelsüblichen 750 Gramm bringt die neue Bordeaux-Flasche von Verallia auf die Waage.

Nur 300 Gramm statt der handelsüblichen 750 Gramm bringt die neue Bordeaux-Flasche von Verallia auf die Waage.

Quelle: IMAGO/Oliver Langel

Dafür ist die Eigenkapitalquote tiefer und die Verschuldung höher als beim Schweizer Konkurrenten. Aus diesem Grund wird beim französischen Glasproduzent auch eine Reduktion der Dividende für das Geschäftsjahr 2025 von 1,7 auf 1,08 Euro prognostiziert. Die Dividendenrendite sinkt damit von 7,3 Prozent auf nachhaltigere, aber weiterhin attraktive 4,7 Prozent.

Gewinnwachstum, Investorenstimmung und Bewertung

Für beide Unternehmen prognostizieren Analystinnen und Analysten einen kräftigen Gewinnanstieg. Bei Verallia wird bis zum Geschäftsjahr 2027 mit einem Plus des Gewinns pro Aktie von rund 61 Prozent gerechnet. Bei Vetropack sind die beiden Analysten (Zürcher Kantonalbank und Berenberg) noch deutlich optimistischer: Sie erwarten eine Verfünfzehnfachung. Der Konsens empfiehlt die Aktien beider Unternehmen zum Kauf.

Auch die eher kurzfristigeren Kursziele bieten Potenzial. Für Vetropack wird innerhalb der nächsten zwölf Monate ein Kursanstieg von rund 62 Prozent erwartet, bei Verallia sind es rund 11 Prozent.

Drei Punkte sprechen für diese beiden Value-Titel: eine äusserst negative Investorenstimmung, der Nachweis, dass die Firmen das operative Geschäft trotz erheblicher Herausforderungen rasch an veränderte Rahmenbedingungen angepasst haben und positive Aussichten bei Margen und Ausschüttungen.

Für value-orientierte Anlegerinnen und Anleger mit Geduld dürften die beiden Aktien nach den jüngsten Bewertungskorrekturen verstärkt in den Fokus rücken. Während Vetropack vor fünf Jahren noch mit einem Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) von rund 18x gehandelt wurde, bewegt sich dieses seit einigen Monaten zwischen 9,5x und 13x - und damit unter dem langfristigen Durchschnitt von 13x.

Verallia erreichte kurz nach dem Börsengang Mitte 2020 ein Bewertungsniveau von über 20x. Nach den jüngsten Kursrückgängen wird die Aktie nun mit einem KGV zwischen 8x und 12x gehandelt, bei einem langfristigen Schnitt von rund 12x.

Luca_Niederkofler
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