Aktuell kostet die DocMorris-Aktie gut 63 Franken, was einer Steigerung um 147 Prozent seit Jahresbeginn entspricht. Im Januar startete die Aktie noch bei 29 Franken, bevor sie Anfang Februar auf 53 Franken kletterte, als in einer Nacht-und-Nebel-Aktion das Schweizer Geschäft an die Migros verkauft wurde. Bis Juni sank der Titel jedoch wieder auf 29 Franken. Erst eine Mitteilung des deutschen Gesundheitsministers zur erstmaligen Einführung von E-Rezepten läutete danach das neuste Aufbäumen der Aktie ein.
Mit der Jahresentwicklung gehört der Titel der Online-Apotheke zu den Überfliegern im Swiss Performance Index (SPI). Nach dem Biotech-Unternehmen Newron ist dies das zweitgrösste Kursplus im Index.
Im ersten Quartal 2023 hat DocMorris wie erwartet weniger umgesetzt und unter dem Strich auch klar weniger verdient. Wie das Unternehmen jedoch betonte, wurde im zweiten Quartal gegenüber dem ersten Quartal ein Umsatzplus von 2 Prozent erreicht. Dies sei ein "Wendepunkt" und eine "Ausgangslage für profitables Wachstum", so DocMorris.
Aus dem Verkauf des Schweizer Geschäfts "Zur Rose" an die Migros flossen der Online-Apotheke bisher knapp 300 Millionen Franken zu. Die Eigenkapitalquote erhöhte sich in der Folge markant auf 48,9 Prozent. Trotzdem sind sich Analysten äusserst uneins, wie es mit der Aktie weitergeht.
Grosses Aufwärtspotenzial
Positiv gestimmt ist Research Partners. Am Montag erhöhte deren Analyst Urs Kunz das Kursziel von 63 auf 80 Franken, was gegenüber dem aktuellen Kurs einem Aufwärtspotenzial von 27 Prozent entspricht.
Die Resultate zum ersten Halbjahr hätten seine Erwartungen erfüllt, schreibt Kunz. "Durch den Verkauf des Schweizer Geschäfts an die Migros haben sich die finanziellen Risiken einer allfälligen Kapitalerhöhung deutlich reduziert", begründet der Analyst die Erhöhung des Kursziels. Ausserdem hätten viele Shortseller ihre Positionen glattstellen müssen, was den Aufwärtstrend verstärkt habe. Deshalb liege der faire Wer der Aktie klar über dem aktuellen Kurs.
Diese positive Kursentwicklung in diesem Jahr sollte allerdings nicht darüber hinwegtäuschen, dass das aktuelle Kursniveau Welten vom Allzeithoch bei 500 Franken im Januar 2021 entfernt ist. Entscheidend für den weiteren Verlauf bleibt, ob das E-Rezepts in Deutschland ohne Diskriminierung der Versandapotheken flächendeckend eingeführt wird. Das verspricht zumindest ein Gesetzesentwurf des deutschen Gesundheitsministeriums Mitte Juli.
Rating bleibt auf «Sell»
Auch UBS-Analyst Sebastian Vogel erhöht das Kursziel von DocMorris: Von 27 auf 29,50 Franken. Damit erwartet er aber, dass die Aktie 53 Prozent an Wert verlieren wird. "Trotz der kurzfristigen Prognoserevisionen und der jüngsten Fortschritte bei der Einführung elektronischer Rezepte bleiben wir bei unserer Ansicht, dass Versandapotheken wie DocMorris ihren Marktanteil am deutschen Markt für verschreibungspflichtige Medikamente nicht über 5 Prozent hinaus ausbauen werden", erklärt Vogel das Festhalten am "Sell"-Rating.
DocMorris müsse sich in einem ausgeprägten lokalen stationären Wettbewerb behaupten, ohne Preisvorteile bei verschreibungspflichtigen Medikamenten zu haben, während der Zugang zu elektronischen Rezepten für Online-Apotheken schwierig bleibe. Falls das E-Rezept in Deutschland nicht erfolgreich eingeführt wird, könnte 2025 eine erneute Kapitalbeschaffung für DocMorris drohen.
"Darum gehen wir weiterhin davon aus, dass der Marktanteil der Online-Versandapotheken am deutschen Markt für verschreibungspflichtige Arzneimittel bis zum Geschäftsjahr 2027 auf lediglich 5 Prozent steigt", sagt UBS-Analyst Vogel. Er teile die vorsichtige Ansicht einiger Branchenakteure, dass die kürzlich von DocMorris vorgestellte Lösung zur Erleichterung der Kommunikation zwischen elektronischen Gesundheitskarten und Patientenhandys für den Zugriff auf elektronische Rezepte in naher Zukunft nicht greifen wird.
Bei DocMorris gibt es kaum Zwischentöne. Analysten erwarten alles oder nichts von der Online-Apotheke. Zurzeit scheint die Hoffnung auf einen neuen Höhenflug grösser zu sein, als die Angst vor Verlusten. DocMorris bleibt aber eine heisse Wette, solange die E-Rezepte in Deutschland nicht definitiv eingeführt werden.

1 Kommentar
Was nicht gesagt wird ist, dass die UBS ihren 20% Anteil an DOCM leer verkauft hat! Burn UBS burn! Die Zukunft ist "on-line"!