Hätte man vor ein paar Jahren unter Anlegern einen Goldpreis von über 5000 Dollar je Unze ausgerufen, man wäre wohl als Schwärmer abgetan worden. Und heute: Dass die Feinunze mehr als 5000 Dollar wert sein kann, ist bewiesen. Ende Januar knackte das Edelmetall diese Marke und stieg weiter bis auf 5500 Dollar. Doch die Entwicklung kam unter Schwankungen, war laut Anlagespezialisten auch emotional getrieben, was ein Warnsignal gewesen sei, dass der Trend überzogen ist, hiess es.

Mit Sicherheit sagen lässt sich: Zum Monatswechsel hat der Goldpreise den Rückwärtsgang eingelegt, sich deutlich von den Spitzenwerten um 5500 Dollar entfernt und ist am Freitag wieder unter die 5000-Dollar-Schwelle gefallen. Der Hintergrund war: Der Name Kevin Warsh als neuer Chef der US-Notenbank Fed sickerte durch - noch bevor der amerikanische Präsident, Donald Trump, die Wahl offiziell bekannt geben sollte.

Solche Volatilität könne darauf hindeuten, «dass die erreichten Preise das Risiko einer Korrektur erhöhen, zumindest vorübergehend», sagt GianLuigi Mandruzzato, Ökonom von EFG International. Er hat beobachtet: Bei den 5350 Dollar pro Unze, die am letzten Donnerstag auf dem Weg nach unten durchschritten wurden, notierte das gelbe Edelmetall mehr als 40 Prozent über seinem 200-Tage-Durchschnitt, einem Mass für den mittel- bis langfristigen Trend. Zur Notierung um 5000 Dollar, wo sich Gold am Freitag noch befand, resultierte eine rund 28-prozentige Differenz.

Seit Anfang der 1970er-Jahre kam es 14-mal vor, dass der Goldpreis 20 Prozent oder mehr über dem mittel- bis langfristigen Trend gelegen hatte. Jedes Mal stand er sechs Monate später unter dem Spitzenwert, aber noch über dem entsprechenden Wert des 200-Tage-Durchschnitts. Der Preis fiel jeweils, zum Teil deutlich, aber insgesamt eher moderat. Ein paar Beispiele:

  • Vergleichsweise gemässigt verlief die Entwicklung im Dezember 2009: Damals kletterte der Goldpreis auf 1226 Dollar je Unze, die 200-Tage-Schnitt betrug 974 Dollar. Somit lag der Spitzenwert 25,9 Prozent über dem entsprechenden Trendwert. Sechs Monate später war die Feinunze 1207 Dollar wert - das waren gut 1,5 Prozent weniger als das Hoch und 23,9 Prozent mehr als der entsprechende, vormaligen 200-Tage-Schnitt.  
  • Die Bewegungen waren aber auch schon kräftiger als Ende 2009 und markanter als im Frühjahr 2026: Im Mai 1973 etwa erreichte der Feinunzenpreis 126 Dollar, der 200-Tage-Schnitt lag bei 75,50 Dollar. Der Spitzenwert übertraf den entsprechenden Trendwert um 66,9 Prozent. Sechs Monate später wurde die Feinunze zu 92 Dollar gehandelt. Das waren rund 27 Prozent weniger als der Spitzenwert und knapp 22 Prozent mehr als der vormalige Wert des 200-Tage-Schnitts.
  • Und im Januar 1980 stieg Gold auf bis zu 835 Dollar, während der 200-Tage-Schnitt bei 357 Dollar lag. Also überstieg der Spitzenwert den entsprechenden Trendwert um 133,9 Prozent. Sechs Monate danach stand der Goldpreis bei 609 Dollar - 27,1 Prozent unter dem Spitzenwert und 70,6 Prozent über dem vormaligen Wert des 200-Tage-Schnitts.

Ein Absinken um 27 Prozent gegenüber dem zuletzt verzeichneten Höchststand - 5594 Dollar - würde den Goldpreis auf rund 4400 Dollar zurücksetzen.

Damit dies geschient, braucht es einen Anlass, der die Investoren nach den Verkäufen am Freitag zu einem weiteren Umbau ihrer Geldanlagen bringt. Die Ernennung des neuen Chefs der US-Notenbank Fed könne ein solcher Grund sein, sagt EFG-Ökonom Mandruzzato. 

Mit Kevin Warsh tritt einer den Fed-Vorsitz an, der zwar eigentlich als Befürworter einer eher restriktiven Geldpolitik gilt und damit auch zu höheren Zinsen geneigt ist. Er hatte sich aber im Vorfeld der Wahl auf Trump zubewegt und sich öffentlich für niedrigere Zinssätze ausgesprochen. So sagte er unter anderem: «Wir können die Zinssätze deutlich senken.» Verbunden mit dem technologischen Wandel und den Investitionen aus dem In- und Ausland in die US-Wirtschaft seien tiefere Zinsen der Grundstein «für unsere Produktivitätsrevolution», so der 55-Jährige.

Laut Mandruzzato muss sich der frisch Gewählte nun in eine ganz bestimmte Stellung bringen, damit die Nachfrage nach Gold und damit der Preis weiter zurückgehen. Einerseits müsse er von den Marktteilnehmern als unabhängig von US-Präsident Donald Trump wahrgenommen werden. Dieser nahm immer wieder Anläufe, die amerikanische Zentralbank und ihren Chef Jerome Powell unter Druck zu setzen. Das hatte unter Investoren Sorgen um die Unabhängigkeit der Notenbank hervorgerufen.

Andererseits müsse sich der Neue als «glaubwürdiger Inflationsbekämpfer» erweisen. So wird er das Vertrauen der Anleger in auf US-Dollar lautende Vermögenswerte stärken - was die Nachfrage nach sicheren Häfen wie Gold verringert. Diesem Nimbus wird Warsh freilich erst nach seinem effektiven Amtsantritt gerecht werden können.

Geopolitische Unsicherheit und Zentralbankkäufe bestimmen Goldpreis weiterhin mit

Geopolitische Unwägbarkeiten haben das Geschehen an den Edelmetallmärkten mitgeprägt. Man muss nicht weit zurückblicken, so sieht man: Das Aufflammen des internationalen Handelskonflikts im April 2025, die weitere Zollpolitik der Vereinigten Staaten, dann der US-Eingriff in Venezuela sowie das von Trump ausgehende Umkreisen von Grönland der USA. Weiter läuft der Krieg in der Ukraine, und der Nahe Osten ist ein Brennpunkt der Weltpolitik geblieben.

Eine Entspannung würde die Nachfrage nach als sicher geltenden Vermögenswerten senken - insbesondere würden Investoren den Goldbestand in ihren Portfolios überdenken und wahrscheinlich so weit zurückfahren, dass der Goldpreis deutlicher nachgibt - eine derzeit noch ferne Perspektive, wie Mandruzzato sagt. 

Seiner Auffassung nach werden die den Goldpreis antreibenden Käufe der Zentralbanken anhalten oder zumindest nicht erheblich zurückgehen. Die neuesten verfügbaren Daten zu den Ankäufen der Zentralbanken liessen zumindest keinen nennenswerten Rückgang der Nettokäufe erkennen.

«Traditionell reagieren die Ankäufe der Zentralbanken relativ unempfindlich auf Marktpreise, da sie strategisch unter Berücksichtigung der langfristigen Sicherheit und Liquidität der Vermögenswerte beschlossen und schrittweise durchgeführt werden», so der Ökonom.

Im Umkehrschluss: Sofern die Gemengelage kippt, der neue Fed-Chef die Märkte enttäuscht und somit beunruhigt, die geopolitischen Spannungen nachlassen und die Zentralbanken sich neu ausrichten, fallen wesentliche Stützen des Goldpreises weg. Wie wahrscheinlich dies ist, bleibt indes abzuwarten.

Reto Zanettin
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