Haben Schweizer Firmen ein «VW-Problem»?

Der Volkswagen-Skandal rückt das Thema «nachhaltiges Wirtschaften» in den Fokus der Anleger. Wie sind Schweizer Firmen diesbezüglich aufgestellt? Die Meinungen darüber gehen auseinander.
12.10.2015 01:00
Von Ivo Ruch
Mit manipulierten Dieselmotoren geriet VW in die Schlagzeilen.

Die Reaktion kam schnell und heftig: Als bekannt wurde, dass der Volkswagen-Konzern im grossen Stil Diesel-Motoren manipuliert hatte, stürzte die VW-Aktie ins Bodenlose. Innerhalb von wenigen Handelstagen löste sich die Hälfte der Marktkapitalisierung in Luft auf. Der Schock war umso grösser, als VW bislang zu den weltweit verantwortungsvollsten Unternehmen zählte.

Als Reaktion auf die enthüllten Manipulationen wurden die VW-Aktien aus mehreren Indizes gekippt, die auf sogenannt nachhaltige Unternehmen setzen. So zum Beispiel aus den Dow Jones Sustainability-Indizes (DJSI). "VW gilt nicht länger als Industrie-Leader im Bereich Automobile und Komponenten", schrieben die Index-Betreiber in einer Mitteilung. Das Beispiel von VW zeigt, wie schnell die kurzfristige Profitmaximierung zum schmerzhaften Bumerang werden kann.

Gleichzeitig rückt das Thema Nachhaltigkeit wieder vermehrt in den Fokus. In diesem Zusammenhang stellt sich die Frage, welche Schweizer Firmen in diesem Bereich als vorbildlich gelten und welche noch Aufholpotenzial haben.

Verschiedene Meinungen, verschiedene Indizes

RobecoSAM ist einer der Spezialisten für nachhaltige Anlagen. In Zusammenarbeit mit Dow Jones erstellen die Schweizer mehrere Nachhaltigkeits-Indizes, der bekannteste darunter ist der "DJSI World". In diesem werden von 2500 börsenkotierten Unternehmen jeweils die besten aus jedem Sektor ausgewählt und zwar aufgrund von Umwelt, Sozial- und Governancekriterien (engl. ESG).

13 Schweizer Firmen sind in diesem Index vertreten. Es sind dies: Actelion, Clariant, Coca-Cola HBC, Credit Suisse, Nestlé, Novartis, Roche, SGS, Sonova, Swiss Re, Swisscom, UBS und Zurich. Daraus zu schliessen, dass alle anderen kotierten Schweizer Unternehmen nicht nachhaltig sind, wäre aber falsch, sagt RobecoSAM-Sprecher François Vetri zu cash. "Das heisst technisch gesprochen nur, dass diese Firmen nicht zu den besten 10 Prozent im jeweiligen Sektor gehören."

Doch genauso beliebt wie das Thema Nachhaltigkeit in der Wirtschaftswelt derzeit ist, so unterschiedlich sind die einzelnen Analyse-Ansätze. Denn es gibt noch keine verbindlichen Regeln, was als sozial und wirtschaftlich verantwortungsvoll gilt. So bietet die Schweizer Börsenbetreiberin SIX einen Schweizer Nachhaltigkeits-Index an, der vom Research-Unternehmen Sustainalytics konstruiert wird und 25 Schweizer Aktien enthält.

Grosse Unterschiede bei SMI-Firmen

Noch einmal einen anderen Ansatz verfolgt die Nachhaltigkeits-Ratingagentur Inrate. Sie kommt bei mehreren SMI-Unternehmen zu einem anderen Schluss als RobecoSAM. Inrate bewertet nicht nur die oben erwähnten ESG-Kriterien, sondern auch ökologische und soziale Wirkungen der Produkte und Dienstleistungen sowie Verwicklungen in kontroverse Geschäftspraktiken. Zudem betrachten sie die Unternehmen einzeln, unabhängig von ihrer Branchenzugehörigkeit.

Daraus abgeleitet entsteht dann eine Note zwischen A+ und D-, wobei Unternehmen mit A- und B-Bewertungen als nachhaltig gelten, jene mit C und D hingegen nicht. Die besten Noten erhalten Richemont, Geberit, SGS und Swiss Re (alle A-). Auf den hinteren Plätzen der Rangliste (siehe Tabelle) landen hingegen Transocean und Syngenta (beide D+). Auffällig ist der Fall von Nestlé. Bei RobecoSAM findet der Nahrungsmittelhersteller Aufnahme in den Nachhaltigkeits-Index. Bei Inrate werden die Westschweizer jedoch mit C- bewertet. "Fälle von Verhinderung der Gewerkschaftsfreiheit oder unethische Marketing-Praktiken" führen bei Nestlé zu Punktabzügen, teilt Inrate auf Anfrage von cash mit. Negativ bewertet würden auch die Produkte von Nestlé. Insbesondere die vielen Tiefkühlprodukte seien sehr energieintensiv.

Die Schweiz steht gut da

Grundsätzlich und im internationalen Vergleich stehen Schweizer Unternehmen punkto Nachhaltigkeit aber gut da, wie verschiedene Experten sagen. Einerseits werden vielerorts gute Arbeitsbedingungen geboten. Andererseits animiert auch die hiesige CO2-Abgabe zu energieeffizientem Wirtschaften. "Zudem sind Schweizer Firmen aufgrund der vergleichsweise hohen Kosten des Standortes Schweiz auf qualitative und innovative Lösungen ausgerichtet. Auch das fördert die Nachhaltigkeit", teilt Inrate mit.

Darauf deuten auch Angaben von RobecoSAM hin. Laut ihren Daten gelten mehrere Schweizer Unternehmen in ihren Industrien als führend in Bezug auf Nachhaltigkeit: SGS, UBS, Swiss Re und Roche (mehr dazu hier).

Ein grosses Thema für Anleger ist der Zusammenhang von Performance und Nachhaltigkeit bei Aktien. Dazu gibt es eine Vielzahl von Studien, die aber zu unterschiedlichen Resultaten kommen. Sicher ist hingegen, dass auch Nachhaltigkeits-Musterschüler nicht vor einem "VW-Skandal" gefeit sind. Wenn ein Unternehmen mutwillig betrügerisch vorgeht, sind auch die besten Analysten machtlos und können einen Sturz ins Bodenlose nicht vorhersehen.
 

Nachhaltigkeits-Rating von SMI-Firmen

Unternehmen Inrate-Note
ABB B
Adecco B+
Actelion B-
Julius Bär C
Richemont A-
CS C-
Geberit A-
Givaudan B
LafargeHolcim B-
Nestlé C-
Novartis B-
Transocean D+
Roche B
Swisscom B+
SGS A-
Swiss Re A-
Syngenta D+
UBS C
Swatch C+
Zurich B

Quelle: Inrate