Haben Schwellenländer Krise überwunden?

Die Lage an den Börsen in Schwellenländern hat sich in den letzten Wochen deutlich aufgehellt. Die Risiken für Anleger sind aber immer noch beträchtlich.
22.04.2016 06:41
Von Ivo Ruch
Strassenhändler in Mumbai: Indien gilt als Hoffnungsträger für die Zukunft.
Strassenhändler in Mumbai: Indien gilt als Hoffnungsträger für die Zukunft.
Bild: Bloomberg

Noch zu Jahresbeginn galten die Schwellenländer unter den verschiedenen Anlageregionen als Sorgenkind. Der massgebende Emerging-Markets-Index war im Laufe des Januars auf den tiefsten Stand seit 2009 gefallen. Sorgen um die wirtschaftliche Zukunft Chinas verbreiteten Verunsicherung in vielen aufstrebenden Märkten, Investoren zogen ihr Geld in grossem Stil ab.

Seither hat sich die Lage stabilisiert. Mehr noch: Der Schwellenländer-Index kommt seit dem 11. Februar, dem Wendepunkt an den weltweiten Aktienmärkten, auf ein Plus von 19 Prozent und lässt damit auch den Welt-Aktienindex MSCI World deutlich hinter sich, wie der folgende Chart zeigt. Zum Vergleich: Der Swiss Market Index (SMI) hat in diesem Zeitraum 8 Prozent zulegen können.

MSCI World (rot) vs. MSCI EM (blau) im laufenden Jahr, Quelle: MSCI

Verschiedene Faktoren haben zu dieser Trendumkehr geführt. Einerseits haben sich die Verkaufswellen bei den Schwellenländer-Währungen gegenüber dem Dollar abgeschwächt. Dies weil sich die amerikanische Zentralbank mit weiteren Zinserhöhungen zurückhalten dürfte, was den Dollar schwächt. Zudem ergreift China ernsthafte Massnahmen, um die Abschwächung des Wirtschaftswachstums abzumildern. Am Mittwoch beschloss die chinesische Regierung, den Exporteuren stärker unter die Arme zu greifen. Wenn es China besser geht, hat das direkte Auswirkungen auf die Konjunktur anderer asiatischer Länder.

Der Aktien-Aufschwung in den Schwellenländern manifestiert sich auch in der ETF-Branche. Index-Produkte auf Schwellenländer-Aktien waren im März gesucht. Der Produktkategorie flossen 1,4 Milliarden Euro zu. Das meiste Geld floss dabei in breit gestreute Emerging-Market-Indizes (+ 990 Millionen Euro). Beliebt waren ausserdem Aktien-ETF auf die Region Asien/Pazifik. Sie verbuchten Zuflüsse von 153 Millionen Euro.

Paradoxe Ländervergleiche

Wechselt man allerdings von einer globalen Perspektive auf eine länderspezifische, wird die Sache paradoxer. Zum Beispiel Russland: Das Land leidet unter den tiefen Ölpreisen und den Sanktionen des Westens. Dennoch steigt die Börse seit einigen Wochen stark an. Dasselbe in Venezuela, wo der Leitindex seit Jahresbeginn 10 Prozent im Plus steht.

Auch in Brasilien zeigt sich eine Diskrepanz zwischen Fundamentalfaktoren und Marktentwicklung. Der Bovespa-Index kennt derzeit kein Halten, obwohl das Land mit Volldampf in eine politische Krise rast. Ganz zu schweigen vom wirtschaftlichen Kriechgang des ehemals als Wachstumshoffnung geltenden Landes. Der Wandel vom Schwellenland-König zum Schwellenland-Bettler zeigt sich auch auf den Titelseiten 2009, 2013 und 2016 des britischen Magazins "Economist" in diesem Tweet:

Offenbar setzen bereits viele Investoren auf einen Regierungswechsel in Brasilien und auf eine Verbesserung der ökonomischen Perspektiven - bevor noch nichts geschehen ist. Die Zürcher Kantonalbank schreibt in einem Marktbericht: "Die (politische) Unsicherheit bleibt gross und die Finanzmärkte werden vorderhand sehr volatil bleiben und von den politischen Ereignissen dominiert werden."

Indien wiederum wird vielerorts als "auf dem richtigen Weg" bezeichnet. Die Inflation ist gesunken und der Staatshaushalt hat sich verbessert. Ausserdem profitiert Indien als ölimportierendes Land vom derzeit niedrigen Ölpreis. Die Börse honoriert das erst seit Kurzem. Die bisherige Jahresbilanz des indischen Sensex-Index fällt noch negativ aus.

Risikoreiche Investments

Die obigen Beispiele zeigen, dass es unmöglich ist, alle Schwellenländer über einen Leisten zu schlagen. Die wirtschaftliche Situation ist von Region zu Region verschieden, geopolitische Faktoren können einen starken Einfluss haben. Gemeinsam haben viele dieser Aktienmärkte, dass sie auf günstige Niveaus gesunken sind. Investments in einzelne Länder sind ohnehin kaum möglich. Anleger sollten sich eher auf ganze Regionen konzentrieren; oder, um das Risiko noch mehr zu streuen, einem globalen Schwellenländer-Index folgen.

Die jüngsten Entwicklungen haben die Zürcher Privatbank Julius Bär dazu veranlasst, die globalen Schwellenländer von Untergewichten auf Neutral heraufzustufen. Für asiatische Märkte sind die Bär-Experten am zuversichtlichsten, im Speziellen für Taiwan, China, Indien, Malaysia und Vietnam, wie sie in einem aktuellen Analyse-Papier schreiben. Dort erwarten sie in den kommenden Monaten Kursgewinne von 6 Prozent.

Henderson Global Investors, ein britischer Vermögensverwalter, warnt hingegen die Anleger in einem aktuellen Kommentar: "Angesichts mangelnder Rechtsstaatlichkeit und zahlreicher fragwürdiger Entscheider in Politik und Wirtschaft gibt es für die günstigen Bewertungen in Teilen des Schwellenländeruniversums gute Gründe."