Der Schweizer Pharmasektor bietet für jeden Geschmack etwas. Mit fast 36 Prozent Gewicht im Swiss Performance Index (SPI) ist er der grösste Sektor am Schweizer Markt und bietet die vielfältigsten Anlagemöglichkeiten. Zum Vergleich: Die Finanzwerte machen im SPI bloss 20 Prozent aus.
Von den Basler Schwergewichten bis zur innovativen Biotech-Aktie ist alles vertreten. So dreht sich bei Kuros alles um das Wachstum. Auch Ascom mit den Kommunikationslösungen im Spitalbereich kann im weitesten Sinn als Pharmaaktie gelten. Hier steht der Turnaround mit Fokus auf wiederkehrende Umsätze und Profitabilität im Zentrum. Kuros ist mit einem Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) von über 115x die teuerste Aktie im Feld, Ascom mit rund 10x die günstigste.
Zwei Unternehmen, völlig unterschiedliche Risiken
Trotz Sektorverwandtschaft könnten die Unterschiede kaum grösser sein: Bei Basilea, einem Biotech-Konzern mit Fokus auf Antibiotika und Antimykotika, liegen die Risiken in der Forschungspipeline. Bei Siegfried, einem Auftragsfertiger von chemischen Wirkstoffen und Darreichungsformen, hängen sie von den Auftragseingängen und der Kapazitätsauslastung ab.
Bei beiden diesen Unternehmen treffen aktuell allerdings drei entscheidende Faktoren aufeinander: eine günstige Bewertung, attraktives Wachstum und positive Gewinnrevisionen der Analysten. Letztere dürften als wichtiger Katalysator für künftige Kursgewinne wirken - bei Basilea haben sie bereits zu greifen begonnen.
Zunächst zum Value-Argument: Sowohl Basilea als auch Siegfried werden auf Basis der geschätzten Ergebnisse für 2027 mit einem KGV von 16,5x bewertet. Damit liegt die Bewertung bei Basilea leicht über dem langfristigen Durchschnitt von 14,7x, bei Siegfried hingegen deutlich darunter (19,8x).
Bei Basilea lastete lange Zeit die drohende Patentklippe beim Hauptumsatzträger Cresemba auf dem Kurs. Bis vor wenigen Wochen verharrten die Titel seit 2018 meist zwischen 35 und 55 Franken. Nach starken Halbjahresergebnissen legten die Papiere zuletzt jedoch um über 21 Prozent zu und sind aus dieser Bandbreite ausgebrochen.
Der Grund: Beim Blockbuster Cresemba zeichnet sich kein so grosser Einbruch ab wie befürchtet. Dank gewonnener Marktanteile und liquider Mittel kann Basilea zudem die Entwicklung der beiden Hoffnungsträger Fosmanogepix und Ceftibuten-Ledaborbactam mit Nachdruck vorantreiben. In den USA läuft die Cresemba-Exklusivität voraussichtlich im vierten Quartal 2027 aus, in Europa ab der zweiten Hälfte 2028. Die entstehende Lücke dürfte neben den zwei Hoffnungsträgern das bereits zugelassene Zevtera füllen.
Für Value-Anleger dürfte allerdings das Geschäftsmodell von Interesse sein. Denn es zielt nicht primär auf einzelne Blockbuster, sondern auf ein replizierbares Pipelinemodell. CEO David Veitch fasste es im Gespräch mit cash.ch so zusammen: «Wenn man ein Produkt mit einem Spitzenumsatzpotenzial von einer halben bis einer Milliarde Franken hat, es über Partner vermarktet, nicht mit Big Pharma konkurrieren muss und gleichzeitig nicht-verwässernde Fördermittel erhält», habe man ein sehr effizientes und nachhaltiges Geschäftsmodell entwickelt.
Die Siegfried-Aktie leidet derweil unter der allgemeinen Schwäche im Markt für Auftragsfertiger (CDMO). Zusammen mit Lonza, Bachem oder Polypeptide wurde der Titel nach dem Pandemie-Boom wegen eines allgemeinen Lagerabbaus bei Pharmafirmen in Sippenhaft genommen.
Laut Vontobel-Analystin Sibylle Bischofberger stimmt bei Siegfried aber eigentlich alles: die Basis, ein gutes Businessmodell und ein fähiges Management. Die Zahlen bestätigen dies. Nach einem Rücksetzer im Jahr 2023 ist der Pharmazulieferer auf gutem Weg, die jüngsten Bestmarken zu überbieten.
Zudem ist Siegfried gering verschuldet - die Nettofinanzverbindlichkeiten im Verhältnis zum EBITDA betragen lediglich 1,5x. Auch die freie Cashflow-Rendite lag im vergangenen Jahr wieder leicht im positiven Bereich bei 0,3 Prozent, nach einem deutlichen Rücksetzer im Vorjahr.
Attraktive Prognosen und positive Analystenstimmen
Das solide Fundament von Siegfried sowie die Fortschritte in der Forschung und die weiter steigenden Cresemba-Verkäufe bei Basilea sorgen für attraktive Aussichten. Bei Basilea wird bis Ende 2027 mit einem Umsatzwachstum von rund 14 Prozent gerechnet, bei Siegfried mit plus 17 Prozent. Beim Gewinn pro Aktie (EPS) belaufen sich die Schätzungen auf plus 21 beziehungsweise plus 26 Prozent.
Zum Vergleich: Bei den Schwergewichten Roche und Novartis liegen die Erwartungen beim Gewinnwachstum bei 14 respektive 24 Prozent. Dafür zahlen Anleger ein etwas höheres KGV von 16,7x. Allerdings notieren diese Bewertungen im Gegensatz zu den beiden Value-Titeln deutlich über den langjährigen Durchschnitten.
Der entscheidende Punkt sind jedoch die Gewinnrevisionen. Sowohl bei Basilea als auch bei Siegfried haben sich diese verbessert. Sie deuten auf eine positive Geschäftsdynamik hin. Vor einem Jahr senkten Experten die Gewinnerwartungen pro Aktie für Basilea noch um rund 35 Prozent - aktuell wird nur noch mit einem Rückgang von 20 Prozent gerechnet. Bei Siegfried wandelte sich die Prognose von minus 3,3 Prozent auf plus 3,2 Prozent.
So haben die Analysten der Deutschen Bank die jüngsten Ergebnisse des Pharmazulieferers wie folgt eingestuft: «Alles in allem fallen die Resultate beruhigend aus. Siegfried bleibt beim Umsatz und beim Gewinn auf Kurs für die Ziele 2026. Zudem dürfte sich das organische Wachstum 2027 wieder verbessern. Vor diesem Hintergrund erscheint die aktuelle Bewertung attraktiv: Das KGV 2027 liegt beim 16-Fachen (Fünf-Jahres-Spanne: 18- bis 26-fach).»
Auch bei Basilea äusserte sich die Research-Boutique Calvine Partners nach den Halbjahreszahlen Ende August positiv: «Wichtig für uns: Die langfristige Zukunft des Geschäfts mit Antipilzmitteln scheint gesichert. Grund dafür sind die Daten aus dem Härtefallprogramm («Expanded Access») für Fosmanogepix. Zudem verlaufen die weltweiten Phase-3-Studien zu invasiver Candidose und Schimmelpilzen nach Plan».
Von 15 Analysten empfehlen zwei Drittel die Siegfried-Aktie zum Kauf. Das durchschnittliche Kursziel liegt bei 99 Franken - was ein Potenzial von über 38 Prozent gegenüber dem aktuellen Kurs von 71,80 Franken bedeutet. Im Jahresverlauf haben zudem zwei Analysten ihre Bewertung von «Hold» auf «Buy» erhöht.
Auch bei Basilea raten zwei Drittel zum Kauf. Das Kursziel liegt bei 98 Franken - über 55 Prozent über dem aktuellen Niveau von 63,40 Franken. Im Vergleich zum Vorjahr entspricht dies dagegen einer minimalen Abschwächung, da ein Analyst seine Einstufung Ende August nach dem starken Kursanstieg von «Strong Buy» auf «Buy» angepasst hat.
Welche Risiken Anleger bedenken müssen
Wo liegen nun die Risiken? Bei Basilea droht eine Value-Falle, während bei Siegfried die tiefe Dividendenrendite für einkommensorientierte Anleger enttäuschen könnte, falls der Kurs stagniert.
Ein KGV von 16,5x auf Basis der Schätzungen für 2027 erscheint kurz vor dem Ablauf des Hauptumsatzträgers Cresemba allerdings nicht zwingend günstig. Schaffen es die Nachfolgepräparate nicht, die Lücke nahtlos zu schliessen, droht ab 2028 ein Gewinneinbruch. Einige Experten preisen dieses Szenario bereits ein und schätzen den Gewinn für 2028 auf nur noch 1,94 Franken pro Aktie. Bei gleichbleibender Bewertung müsste der Aktienkurs auf rund 32 Franken nachgeben.
Dem steht gegenüber, dass Basilea schuldenfrei ist und eine freie Cashflow-Rendite von 7,7 Prozent aufweist. Das Unternehmen verfügt damit über Spielraum, um die Pipeline auszubauen oder Kapital an die Aktionäre zurückzugeben. Dividenden haben jedoch vorerst keine Priorität. CEO Veitch deutete im Interview mit cash.ch an, dass nach dem erfolgreichen Abfangen des Cresemba-Ablaufs ab 2028 der richtige Zeitpunkt dafür sein könnte.
Siegfried schüttet derweil 48 Rappen pro Aktie aus, was einer Dividendenrendite von 0,7 Prozent entspricht. Die Aktie eignet sich daher primär für Value-Anleger, die auf massive Kursgewinne setzen - und einen langen Atem mitbringen.

